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Leseprobe: Zeitleiste - Die Ära Bismarcks

Innerhalb weniger Jahre schmiedet Otto von Bismarck aus einer lockeren Konföderation deutscher Staaten ein selbstbewusstes Kaiserreich. Doch als dessen neuer Monarch allein regieren will, muss der Kanzler gehen

Lesen Sie einen Auszug aus GEOEPOCHE Nr. 52 "Otto von Bismarck":

1815

1. April. Auf Gut Schönhausen, in der zu Preußen gehörenden Region Altmark (heute Sachsen-Anhalt), wird Otto Eduard Leopold von Bismarck als Sohn eines Landadeligen und einer Bürgerlichen geboren. Im Jahr darauf zieht die Familie auf ihr neues Gut Kniephof in Hinterpommern, wo Otto seine frühe Kindheit verbringt.

9. Juni. Gesandte aus zahlreichen Staaten Europas unterzeichnen das Abschlussdokument des Wiener Kongresses. Fürsten und Diplomaten haben seit September 1814 in Wien getagt, um die territorialen und politischen Verhältnisse in Europa nach dem Sieg über Napoleon neu zu ordnen.

Die Teilnehmer der Konferenz beschließen auch eine Neuregelung für Deutschland, berücksichtigen dabei aber nicht die Forderungen der Nationalbewegung: An die Stelle des 1806 erloschenen Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation tritt kein Einheitsstaat, sondern ein Deutscher Bund von zunächst 34 souveränen Fürstentümern sowie vier Freien Städten. Das zentrale gemeinsame Organ der Bundesmitglieder, der Bundestag in Frankfurt am Main, ist kein gewähltes Parlament, sondern ein von den Fürsten der Einzelstaaten beschickter Gesandtenkongress, der die gemeinsamen Angelegenheiten regeln soll; seine Beschlüsse sind für die Einzelstaaten bindend.

Preußen kann bei den Wiener Verhandlungen seine alte Machtposition wiederherstellen; es muss zwar erhebliche Teile seiner in den polnischen Teilungen gewonnenen Territorien an Russland abgeben, erhält dafür aber vor allem ausgedehnte Gebiete am Rhein und in Westfalen. Die bedeutendste Macht innerhalb des Deutschen Bundes ist jedoch Österreich, dessen Vertreter auch den Vorsitz im Bundestag führt.

26. September. Die konservativen Mächte Russland, Österreich und Preußen wandeln ihre Koalition aus den Kriegen gegen Napoleon in ein dauerhaftes Bündnis zur Wahrung des politischen und sozialen Status quo in Europa um. Dieser "Heiligen Allianz" schließen sich bald darauf nahezu alle europäischen Staaten an.

1819

20. September. Der Bundestag in Frankfurt am Main bestätigt drei Gesetze, die Vertreter einiger deutscher Staaten zuvor ausgearbeitet haben. Die nach dem Tagungsort der Gesandten als "Karlsbader Beschlüsse" bezeichneten Bestimmungen sollen die studentische Bewegung und mit ihr alle nationalen und liberalen Bestrebungen unterdrücken, da man sie als eine Gefahr für die herrschende Ordnung ansieht. Unter anderem geben die Gesetze eine strikte Pressezensur und ein Verbot der studentischen Burschenschaften vor.

1832

10. Mai. Otto von Bismarck schreibt sich als Student der Rechte und der Staatswissenschaften an der Göttinger Universität ein. Der 17-Jährige, der zuvor zehn Jahre in Berlin zur Schule gegangen ist, zeigt kein besonderes Interesse an seinem Studium und widmet sich häufig Trinkgelagen und Fechtkämpfen in einer studentischen Verbindung. Dennoch gelingt es ihm nach einem Wechsel an die Berliner Universität im Mai 1835, am Berliner Kammergericht das erste juristische Staatsexamen abzulegen.

27. Mai. Trotz eines behördlichen Verbots versammeln sich um die Hambacher Schlossruine bei Neustadt an der Weinstraße mehr als 20 000 Menschen. Die Teilnehmer des "Hambacher Festes", der bis dahin größten politischen Kundgebung in den deutschen Landen, fordern unter anderem ein einiges und freies Deutschland. Die Regierungen der deutschen Staaten reagieren auf diesen Ausbruch der nationalen Begeisterung mit verschärften Repressalien.

1834

1. Januar. 21 deutsche Staaten, darunter Preußen und Bayern, bilden den Deutschen Zollverein, eine Freihandelszone. In den folgenden Jahrzehnten treten nahezu alle deutschen Staaten der Vereinigung bei. Österreich jedoch bleibt außen vor, wodurch der Einfluss Preußens innerhalb des Deutschen Bundes steigt.

1838

22. September. Knapp drei Jahre nach der ersten öffentlichen Fahrt einer Eisenbahn in Deutschland wird auch in Preußen eine Bahnstrecke eröffnet. Die zwölf Kilometer lange Schienenstrecke ist das erste Teilstück einer Verbindung zwischen Berlin und der Residenzstadt Potsdam. In den folgenden Jahrzehnten wächst das Gleisnetz im Gebiet des Deutschen Bundes rasant: von 469 Kilometern im Jahr 1840 auf 11 089 Kilometer 1860. Der Eisenbahnbau sowie der Bergbau und die Stahlindustrie, die Kohle, Schienen und Lokomotiven liefern, entwickeln sich zu den wichtigsten Motoren der Industrialisierung in Deutschland.

1839

Oktober. Bismarck, der in den vorangegangenen Jahren mit Unterbrechungen als Regierungsreferendar in Aachen und Potsdam gearbeitet und seinen Militärdienst absolviert hat, beantragt – wohl vor allem aus finanziellen Gründen – die Entlassung aus dem Staatsdienst, nachdem er sich schon im Spätsommer des Vorjahres hat beurlauben lassen. Fortan kümmert er sich gemeinsam mit seinem Bruder um die Verwaltung der Familiengüter in Pommern.

1840

7. Juni. Friedrich Wilhelm III., seit 1797 König von Preußen, stirbt. Sein ältester Sohn folgt ihm als Friedrich Wilhelm IV. auf den Thron nach.

1846

Nach dem Tod seines Vaters siedelt Bismarck auf das Familiengut Schönhausen um. Noch im selben Jahr wird er als Repräsentant der lokalen Rittergutsbesitzer zum stellvertretenden Abgeordneten im Provinziallandtag gewählt, einem regionalen Ständeparlament mit nur geringen Kompetenzen.

1847

Mai. Bismarck gelangt als Stellvertreter eines erkrankten Abgeordneten in den "Vereinigten Landtag": die vom preußischen König erstmals einberufene Versammlung aller preußischen Provinziallandtage. Zwar löst Friedrich Wilhelm IV. das Gremium bereits Ende Juni wieder auf, da die oppositionelle Mehrheit nicht mit ihm in dem gewünschten Maß kooperiert, doch profiliert sich Bismarck in den wenigen Wochen seiner Abgeordnetentätigkeit als ein erzkonservativer Verteidiger der ständisch-monarchischen Ordnung.

28. Juli. Bismarck heiratet Johanna von Puttkamer, die Tochter eines Landadeligen aus Hinterpommern, mit der er bis zu deren Tod im Jahre 1894 eine glückliche Ehe führt. Unter dem Einfluss der pietistischen Kreise, denen seine Frau entstammt, wandelt sich der zuvor religiös eher skeptische Junker zu einem gläubigen Christen.

1848

24. Februar. In Paris erzwingen Bürger, Studenten und Arbeiter, die ein gerechteres Wahlrecht fordern, die Abdankung des französischen Königs Louis-Philippe und rufen die Republik aus. Die Unruhen greifen rasch auf Deutschland über; an zahlreichen Orten fordern Menschen Pressefreiheit, Volksbewaffnung, Schwurgerichte und ein gemeinsames deutsches Parlament. In mehreren deutschen Staaten sehen sich die Fürsten gezwungen, liberale Politiker in ihre Regierungen zu berufen und Gesetze zu erlassen, die den Forderungen der Aufständischen entgegenkommen.

18. März. "Märzrevolution": Auf dem Berliner Schlossplatz finden sich etwa 10 000 Demonstranten ein, die eine Rede des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. an sein Volk erwarten. Als sich bei dem Versuch, den Platz zu räumen, zwei Schüsse aus Gewehren königlicher Soldaten lösen, beginnt ein gewaltsamer Aufstand, dem sich Tausende Berliner anschließen. In den blutigen Barrikadenkämpfen der folgenden Stunden werden 277 Aufständische und Dutzende Soldaten getötet. Am Morgen darauf lenkt Friedrich Wilhelm IV. ein; er befiehlt seinen Truppen den Abzug aus der Stadt.

Der durch die Wucht des Aufstands verunsicherte Monarch verspricht wenige Tage später, wichtigen Forderungen der Aufständischen nachzukommen. So stellt er eine Verfassung für Preußen und die Bildung einer Volksvertretung in Aussicht.

Bismarck ist von den revolutionären Unruhen entsetzt und erwägt, die Bauern seines Gutes im Kampf gegen die Aufständischen einzusetzen. Ein General lehnt seinen Vorschlag jedoch ab, da er über ausreichend Soldaten verfüge. Vor allem aber gibt es keinen königlichen Befehl für einen solchen militärischen Gegenschlag.

31. März. In Frankfurt am Main versammeln sich 574 Volksvertreter aus den deutschen Einzelstaaten. Dieses sogenannte "Vorparlament" beschließt die Durchführung von freien, gleichen und geheimen Wahlen zu einer gesamtdeutschen Nationalversammlung, die eine Verfassung für einen geeinten deutschen Staat erarbeiten soll. Etwa drei Viertel aller volljährigen Männer sind zur Teilnahme an diesen Wahlen berechtigt.

18. Mai. Die verfassunggebende Nationalversammlung, in der die liberalen Kräfte eine deutliche Mehrheit errungen haben, tritt in der Frankfurter Paulskirche zusammen. Es ist das erste gesamtdeutsche Parlament, das aus freien Wahlen hervorgegangen ist.

Eine Woche später nimmt ein Parlamentsausschuss die Arbeit am Entwurf für eine Verfassung auf, in der unter anderem die Grundrechte aller Bürger definiert und die zukünftige Staatsform für das vereinte Deutschland festgeschrieben werden sollen.

22. Mai. In Berlin tritt die Preußische Nationalversammlung zusammen, ein frei gewähltes Parlament. Dessen Hauptaufgabe ist es, eine Landesverfassung auszuarbeiten. Bismarck hält eine eigene Kandidatur für einen Sitz in der Versammlung für aussichtslos und verlegt sich in den folgenden Monaten darauf, die Interessen des grundbesitzenden Adels gegenüber den liberalen Kräften auf andere Weise zu vertreten.

5. Dezember. König Friedrich Wilhelm entschließt sich angesichts der Niederschlagung der Revolution in Wien, das sich seit März ebenfalls in Aufruhr befand, sowie der nachlassenden revolutionären Begeisterung in der Bevölkerung zu einem gegenrevolutionären Schlag und verfügt die Auflösung der Preußischen Nationalversammlung.

Um aber wenigstens einen Teil des liberalen Bürgertums auf seine Seite zu bringen, erlässt der Monarch am gleichen Tag eine Verfassung für Preußen, die umfangreiche Grundrechte garantiert und ein frei gewähltes Parlament vorsieht. Es besteht aus zwei Kammern: einem Oberhaus (Erste Kammer), dessen Mitglieder durch Vertreter der Provinzen, Bezirke und Kreise gewählt werden, sowie einem Abgeordnetenhaus (Zweite Kammer), das nach allgemeinem, freiem und gleichem, aber indirektem Männerwahlrecht besetzt werden soll. Beide Kammern wirken an der Gesetzgebung mit; ihnen muss der König seinen Etat zur Genehmigung vorlegen. Der König kann zwar das Parlament jederzeit auflösen, dann muss aber neu gewählt werden.

1849

26. Februar. In Berlin versammeln sich die zwei Parlamentskammern. Bismarck ist es gelungen, sich als Vertreter eines brandenburgischen Wahlkreises in das Abgeordnetenhaus wählen zu lassen, dem er während der folgenden zwei Jahre angehört.

Die vollständige Zeitleiste finden Sie in der gedruckten Ausgabe von GEOEPOCHE Nr. 52 "Otto von Bismarck".

Leseprobe: Zeitleiste - Die Ära Bismarcks

Das 1871 gegründete Deutsche Reich umfasst 25 Bundesstaaten sowie das Reichsland Elsass-Lothringen. Kaiser Wilhelm I. herrscht über 41 Millionen Einwohner. Vormacht ist Preußen, das mehr als die Hälfte des Staatsgebietes ausmacht

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GEO EPOCHE Nr. 52 - 12/11 - Otto von Bismarck
GEO EPOCHE Nr. 52
Otto von Bismarck
1815-1898