Jana schreckt zusammen, als ihre Schwester Miriam ohne Vorwarnung die Tür zum Wohnzimmer aufreisst. "Ha, erwischt! Wenn ich das Mama erzähle, dann wird sie dir ganz schön die Leviten lesen", droht Miriam und blickt auf Jana, die sie gerade beim heimlichen Fernsehen erwischt hat.
"Ich habe gar keine Leviten", antwortet Jana beleidigt und schaltet schnell den Fernseher aus. Dabei fängt sie an zu Grübeln.. Wer oder was waren denn eigentlich nochmal diese Leviten?
Was die Redewendung bedeutet und wie sie entstand:
"Die Leviten zu lesen" bedeutet so viel, wie jemanden zu tadeln, zu schimpfen oder zu ermahnen. Die Redewendung geht zurück auf das Mönchswesen und auf die Bibel, genau genommen auf das dritte Buch Mose, das auch "Levitikus" genannt wird.
Schon im Mittelalter im 8. Jahrhundert wurden bei den üblichen Andachts- und Bußübungen der Benediktinermönche meist Texte aus dem "Levitikus" vom Bischof vorgelesen, in denen vor allem Verhaltensregeln für die Geistlichen standen. Im Anschluss an die Levitikus-Lesungen folgten dann häufig Mahn- und Strafpredigten. Deswegen hat sich das "Leviten lesen" als Sinnbild für Ermahnungen im heutigen Sprachgebrauch durchgesetzt.
Heute finden sich übrigens noch eine ganze Menge weitere Redewendungen in unserem alltäglichen Sprachgebrauch, deren Ursprünge jedoch bis in Mittelalter zurückreichen. Zu diesen Redewendungen zählen beispielsweise die bekannten Redensarten "etwas im Schilde führen", "am Pranger stehen", oder auch Ausdrücke wie "Das geht auf keine Kuhhaut" und der Begriff "Blau machen".
Redewendungen aus dem Mittelalter
Viele Redensarten klingen heute so mittelalterlich, weil Sprache in dieser Zeit erstmals in größerem Umfang schriftlich festgehalten wurde und weil der Alltag damals voller drastischer, leicht merkbarer Bilder war. Zwischen etwa 500 und 1500 n. Chr. beginnt die überlieferte Literaturgeschichte in den Volkssprachen – also auch die Geschichte vieler deutscher Sprichwörter, die sich in dieser ungefähr tausendjährigen Phase im mündlichen Alltag einbürgerten und dann durch Texte, Predigten und Lieder weitergetragen wurden.
Die Redewendungen entstanden aus dem ganz normalen Leben: aus Handwerk und Handel, aus Aberglauben, Strafen, Essen und Landwirtschaft; Gaukler, Spielleute, Schreiber und Geistliche trugen diese festen Formulierungen über Märkte, Wirtshäuser, Klöster und Kirchen immer weiter. Mit dem Wachstum der Städte teilten immer mehr Menschen eine ähnliche Lebenswelt, wodurch sich feste Ausdrücke besonders gut verbreiten konnten – die engen Straßen, der Lärm, die Gerüche und die harten Arbeitsbedingungen lieferten unzählige starke Bilder, die in Sprache übersetzt wurden.
Wir verwenden viele dieser Wendungen noch heute, weil sie grundlegende Erfahrungen ausdrücken, die sich kaum verändert haben – Erfolg und Scheitern, Angst und Mut, Gemeinschaft und Ausgrenzung –, sodass wir die Bildlogik weiterhin verstehen, selbst wenn wir das mittelalterliche Original dahinter gar nicht mehr kennen. Später sorgten Bücher, Theater, Zeitungen und die Schule dafür, dass diese alten Sätze erhalten blieben, während die Romantik im 19. Jahrhundert das Mittelalter regelrecht neu entdeckte und viele Redensarten durch Romane, Dramen und Sprichwortsammlungen zusätzlich populär machte.