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Interview: "Zirkus ist Nervenkitzel, aber auch Lachen"

Artisten faszinieren uns, weil sie uns so schöne Schauer über den Rücken jagen und uns gleichzeitig ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Wir haben für euch den Artisten Tom Fieseler gefragt, was er an seiner Arbeit liebt und wie er mit dem Lampenfieber umgeht


Tom, wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

Das Jonglieren habe ich mir aus Interesse autodidaktisch angeeignet, und in der Schule hatte mein Sportlehrer so seine liebe Not mit mir und meinen extravaganten, artistischen Kunststückchen beim Gerätturnen. Doch eigentlich wollte ich Kaskadeur (modern: Stuntman) werden, sendete damals ein Bewerbungsschreiben an das Besetzungsbüro eines Filmstudios und: wurde natürlich abgelehnt. Zu solchen Zwecken würde man wohl Kaskadeure aus dem Ausland holen oder auch auf Artisten zurückgreifen. So entwickelte sich das Berufsbild "Artist" immer mehr zu meinem Traumberuf.


Wie lange bist Du schon Artist?

Die ersten wirklichen artistischen Schritte machte ich in der Schule – mein Sportlehrer gründete eine Trampolingruppe – und als Trampolinspringer hatte ich dann, mit 14 Jahren, meinen ersten Auftritt im Kreiskulturhaus in Sonneberg. Zum damaligen Zeitpunkt war es einfach das größte Erlebnis in meinem jungen Leben.


Was macht dir an deiner Arbeit besonders viel Spaß?

Alles – jedes Training, jeder Auftritt, jedes neue Kind im Nachwuchs-Studio ist eine ganz besondere Herausforderung – die auch für mich selber, immer wieder neue, schöne und interessante Erkenntnisse bringt. Außerdem liebe ich die unendlich kreativen Möglichkeiten in der Artistik: Eine außergewöhnliche und unterhaltsame Choreographie zu entwickeln, ist etwas wunderbares. Diese dann vor dem Publikum zu präsentieren und Applaus zu erhalten, macht mich sehr stolz.


Hast Du Dich auf bestimmte Kunststücke spezialisiert?

Ja, zusammen mit meiner Partnerin Rebecca zeigen wir Akrobatik auf dem Rola-Rola. Rola-Rola ist eine sogenannte Equilibristik-Darbietung (Equilibristik ist die Gleichgewichtskunst) und wird eigentlich fast ausschließlich allein vorgetragen – wir arbeiten aber auf einer Rola-Rola kombiniert mit Partner-Akrobatik. Weil das etwas so Besonderes ist, wurden wir mit dem "Grand-Prix artistique" ausgezeichnet.


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Wie oft trainierst Du? Und wie lange dauert es, ein neues Kunststück einzustudieren?

Mit Rebecca trainiere ich drei Stunden pro Tag und das etwa vier Mal in der Woche, plus meine eigenen vielen kleinen Trainingseinheiten zwischendurch. Wenn man, wie wir, in der Partnerakrobatik trainiert, ist die körperliche Fitness wirklich wichtig.
Die zweite Frage beantwortet sich nicht so leicht. Wie lange es dauert, bis ein neues Kunststück klappt, kommt ganz darauf an, wie schwierig und wie anspruchsvoll das Kunststück ist. Ist es eine Geschicklichkeitsübung, für die man viel Feinmotorik braucht, oder eine Übung, die die Beherrschung spezieller Muskelgruppen voraussetzt? Bevor wir auf die Rola-Rola steigen, üben wir unsere akrobatischen Hebungen bis zur Perfektion am Boden. Ein gesunder Respekt vor den Requisiten erspart so manchen Unfall. Manche Tricks gelingen auch mal zu unserer Überraschung recht zügig, bei anderen ist man schon am Verzweifeln, weil es einfach nicht gelingen will. Aber im artistischen Training ist sind Geduld, Ausdauer, und nicht aufzugeben ganz wichtig.


Wie bereitest Du Dich auf einen Auftritt vor? Hast Du bestimmte Rituale z.B. was Du vorher oder danach isst oder wie lange Du schläfst?

Vor einem Auftritt essen wir gar nicht. Wichtig sind für uns immer die Bühnengegebenheiten: Ist die Bühne eben und stabil; ist sie von der Auftrittsfläche her groß genug; ist die Decke hoch genug; wer spielt die Musik ein; wie sind die Lichtverhältnisse; wo ist der Artisteneingang; wer macht die Anmoderation; gibt es einen Bühnenhelfer (den sogenannten Stagehand); wie weit ist die Entfernung zur Garderobe und und und. Nach Klärung aller offenen Fragen werden die Markierungen für unsere Requisiten auf dem Bühnenboden gekennzeichnet und alle Bühnenanweisungen besprochen, so dass während der Veranstaltung alles schnell aufgebaut werden kann. 30 Minuten aufwärmen ist ein Muss; Schminken, 10 Minuten vorm Auftritt ins Kostüm, und dann kommt auch schon das Lampenfieber.


Gibt es Tricks, wenn man vor einem Auftritt mal nicht so gut drauf ist?

Klar – Training, Training, Training – das gibt Sicherheit und eine große Portion Selbstvertrauen. Ist man erst mal auf der Bühne ist ein eventuelles "nicht so gut drauf sein" sowieso wie weggeblasen. Ein Sportler kennt seine Wettkampftermine lange vorher und bereitet sich dementsprechend vor, ein Artist muss ständig fit sein, kann jederzeit gebucht werden. Das gehört zu seinem Beruf.


Was tust Du, wenn Dir vor einem Auftritt vor Aufregung die Knie zittern?

Lampenfieber gehört zu diesen Beruf unbedingt dazu. Ich genieße es teilweise. Es sensibilitiert mich auf die kommenden Momente und macht mich konzentriert für ein schnelles Reaktionsvermögen.


Kann man heute noch als Artist sein Geld verdienen?

Ja, aber das hängt natürlich von einigen Faktoren ab. Der Wille Höchstleistungen zu erbringen und sein Publikum begeistern zu wollen hat absolute Priorität. Außerdem sollte eine artistische Darbietung einen gewissen Alleinstellungswert haben – also sich von anderen Shows abheben. Zum Artistenberuf gehören aber auch gute Kenntnisse im Marketing. Agenturen, Gastspieldirektionen, Veranstalter und Entscheidungsträger wollen regelmäßig informiert werden, damit man immer genügend Auftritte bekommt.


Du trittst nicht nur als Artist auf, du hast auch selbst eine Artistenschule aufgebaut. Wie kam es dazu?

Allein zu trainieren ist nicht unbedingt motivierend und wenn man sich etwas umhört, findet man schnell Leute mit gleichen Interessen. Heute trainieren in unserm Artistik-Studio 64 Kinder und Jugendliche. Das war in diesem Umfang nicht geplant und hat sich in den letzten zwölf Jahren so ergeben. Wir machen das natürlich nicht allein, haben noch weitere vier Trainer dabei. Wenn Rebecca und ich als "Dos Toledos" unterwegs sind, muss das Training ja weiter gehen. Kontinuierlichkeit ist beim artistischen Training sehr wichtig – der Tagesablauf mancher Familien richtet sich sogar schon nach unseren Trainingszeiten.


Wie alt sind die Jüngsten deiner Schüler?

Unser jüngsten sind gerade vier Jahre alt. Wir stellen keine Altersbegrenzung und haben auch verschiedene Kurse, um unsere Kleinsten spielerisch zu trainieren. Wichtig ist das Interesse an artistischen Künsten und eine Portion Ehrgeiz – da sind aber manchmal die motivierenden Künste der Trainer gefragt.


Worauf kommt es an, wenn man Kinder so unterschiedlicher Altersstufen unterrichtet?

Auf ein lebendiges und intensives gemeinsames Erlebnis. Kinder lieben Artistik, den Zirkus, denn Zirkus ist die Verwirklichung von Träumen und Ideen, ist Nervenkitzel aber auch Lachen. Eines der intensivsten Erlebnisse beim artistischen Training ist die spätere Vorführung vor Publikum. So entstehen bei den meisten Kindern von allein selbstgesteckte Trainingsziele und der Wunsch bei der Entstehung einer bühnenreifen Darbietung aktiv dabei zu sein. Zum Beispiel beim Pyramidenbau sind unterschiedliche Altersstufen sehr wichtig. Man braucht ein gutes "Fundament", um Stabilität in eine Pyramide zu bringen. Und für ganz oben braucht man kleine mutige Artisten. Es ist einfach spannend, bei Pyramiden gemeinsam das Gleichgewicht zu halten, sich beim Jonglieren gegenseitig zu korrigieren, anzuspornen, abzuschauen, Neues zu probieren ...

Bei unserem Training kommt es aber nicht nur auf das Ergebnis einer gelungenen Vorführung an, sondern auch auf das wie: die Zusammenarbeit der Kinder, das gemeinsame Erlebnis, die Freundschaften, die Mitgestaltung, die Ideenfindung ...


Hast du einen Tipp für alle, die auch Artist werden wollen? Was sollte man mitbringen?

Eventuell schon eine super Idee für eine tolle Darbietung. Außerdem ganz viel Ehrgeiz, Geduld, Ausdauer und eine große Portion Kreativität, denn der wesentliche Unterschied zum Sportler liegt darin, dass es in der Artistik keine genormten Bewegungsmuster gibt. Je ausgefallener, spannender oder unterhaltsamer eine artistische Darbietung ist, umso erfolgreicher kann ein Artist werden.




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