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Wie wir die Welt retten Gegen das Vergessen

Sarie, Emma und Kai aus Amsterdam polieren Stolpersteine
Sarie, ihre Freundin Emma und ihr Freund Kai polieren matt gewordene Stolpersteine, bis sie wieder glänzen. »So fallen sie Passanten eher auf«, sagt Sarie.
© Claudia Willmitzer
Stolpersteine erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. Doch das  Messing der Mini-Mahnmale wird mit der Zeit matt. Die 11-jährige Sarie aus dem niederländischen Amsterdam hilft mit, die Erinnerung an die verfolgten Kinder, Frauen und Männer aufzupolieren

Es passiert im Jahr 1942 im Kloveniersburgwal 53 in Amsterdam, einem fünf­­stö­ckigen Gebäude. Willy La­­chotzki, Elsbeth Lachotzki-­Berner, Betty Lewy-Lachotzki  und später auch Rosalie Lachotzki-­Cohn werden aus ihrem Alltag  gerissen, von jetzt auf gleich aus ihren Wohnungen vertrieben.

Sie werden zum Um­­zug  ins nieder­­­ländische Durchgangslager Westerbork gezwungen – wie über 100 000 weitere Menschen jüdischer Abstammung. Es ist nur eine Zwischenstation. Bald schon werden sie in das Kon­­zen­trationslager Au­schwitz transportiert und dort kaltblütig ermordet – Willy und Elsbeth am 15. De­­zember 1942, Rosalie und Betty kurz darauf am 5. und  12. Februar 1943.

Aufpolierte Erinnerung

78 Jahre später kniet die elfjäh­rige Sarie mit ihrer Freundin Emma und ihrem Freund Kai auf dem Bürgersteig vor ebenjenem Haus, in dem die Lachotzkis lebten. Sie beugt sich über vier kleine Be­tonwürfel mit einer Messingplatte darauf, die in den Gehweg einge­­lassen sind. In jede ist einer der Namen der Lachotzkis eingraviert. „Stolper­steine“ werden die knapp zehn mal zehn Zentimeter großen Denkmäler genannt.

Sarie kippt ein wenig Putzmittel aus einer Flasche darauf und be­­ginnt, den Dreck abzuschrubben, der sich über die Jahre darauf ge­­sammelt hat. „Es macht mich traurig, wenn ich an diese Familie denke und daran, was ihnen angetan worden ist. Gleichzeitig bin ich froh, dass es hier Stolper­steine gibt und ich dazu beitragen kann, dass sie wieder glänzen“, sagt sie.

Mahnende Denkmäler

Stolpersteine finden sich überall in Europa vor Häusern, in denen die von den Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten Verfolgten einst lebten, vor den Schulen, in denen sie lehrten, vor den Krankenhäusern, in denen sie arbeiteten. So sorgen sie buchstäblich auf Schritt und Tritt dafür, dass die Massenmorde der Nazis nicht vergessen werden.

„Ich finde diese Art des Denkmals besonders persönlich, nicht so anonym wie ein großes Mahnmal. Jeder Stolperstein gilt einem ein­­zelnen verfolgten Menschen“, sagt Sarie. „Das berührt einen sehr. Du läufst einfach so umher und denkst nicht an den Krieg, und plötzlich siehst du einen Stolperstein vor dir und wirst an die Schrecken von damals erinnert.“

Vier Messingplatten im Boden erinnern an verschleppte Kinder, Frauen und Männer
Vier Messingplatten im Bürgersteig vor ihrem damaligen Wohnhaus erinnern an die Familie Lachotzki, die von Nazis verschleppt und ermordet wurde.
© Claudia Willmitzer

Gedenken eines Künstlers

Genau das ist das Ziel von Künstler Gunter Demnig, dem Erfinder des Projekts. Mehr als 75 000 Stolpersteine haben er und seine Unterstützerinnen und Unterstützer inzwischen in weit über 1200 Gemeinden in Deutschland und 25 weiteren Ländern Europas verlegt. Meist geben Vereine, Schulen oder andere Or­­ganisationen den Anstoß für neue Stolpersteine. Sie finden heraus, wo Verfolgte wohnten, und beantragen dann die Verlegung eines solchen Denkmals. Oft lassen die Kommunen, die den Bau genehmigen müssen, jüdische Gemeinden entscheiden, ob ein Stein verlegt werden soll oder nicht.

Das ist auch der Grund, warum man etwa in München nicht über die Steine stolpert: Die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde dort lehnt das Projekt ab. Sie findet, durch Stolpersteine würden die Opfer des Nationalsozialismus ein zweites Mal mit Füßen getreten. Schließlich gehen viele Menschen einfach achtlos über die Denkmäler hinweg. Die Mehrheit der jüdischen Gemeinden sieht das jedoch anders: Die Gedenksteine besitzen eine enorme Kraft, finden sie – genau wie Sarie, Emma und Kai in Amsterdam.

Als sie bereits vor dem nächsten Haus im jüdischen Viertel sitzen und polieren, bleibt ein älterer Herr hinter ihnen stehen. Er fängt an zu lesen, was auf dem Stein steht, den Sarie gerade mit Putz­­mittel und Schwamm bearbeitet. „Mir sind die Steine zuvor nie aufge­­fallen“, sagt er überrascht. „Wie toll, dass ihr sie säubert. Ihr jungen Leute macht eine großartige Arbeit!“


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