Schimpansen Interview: Jane Goodall

Seit über 50 Jahren setzt sich die Verhaltensforscherin Jane Goodall für den Schutz von Schimpansen ein. GEOlino.de hat die berühmte Tierschutzaktivistin zum Kinostart des Disneynature-Films Schimpansen interviewt

GEOlino.de: Wie hat ihnen der Film "Schimpansen" gefallen?

Jane Goodall: Ich liebe den Film! Meine Lieblingsszene ist, als der kleine Oskar lernt, Nüsse zu knacken. Das zu beobachten, ist einfach absolut magisch. Und natürlich zu sehen, wie Freddy sich um Oskar kümmert. Was für eine unglaubliche Geschichte!

Wenn man den Film sieht, bekommt man den Eindruck, die Schimpansen sind fast wie wir Menschen. Fühlen sie auch wie wir?

Schimpansen können sich wie wir freuen, traurig, böse oder auch frustriert sein. Soweit wir das wissen, fühlen sie alle Gefühle, die wir auch empfinden.

Sie wissen, was viele Schimpansen-Laute bedeuten. Sie können mit ihnen sprechen.

Ja, ich verstehe zwar die Bedeutung ihrer Laute, aber ich versuche nicht mit ihnen zu sprechen. Ich habe sie 50 Jahre lang beobachtet. Und trotzdem sehe ich immer wieder Verhaltensweisen, die ich mir nicht erklären kann. Auch Schimpansen erleben im Laufe ihres Lebens verschiedene Dinge. Wie wir Menschen auch, hat jeder von ihnen seinen ganz eigenen Kopf.

Aber sie versuchen nicht direkt mit ihnen zu sprechen?

Nein, ich habe sie nur beobachtet. In Gefangenschaft kann man Schimpansen aber Zeichensprache beibringen.

Was halten Sie davon?

Ich finde das ziemlich verblüffend! Wenn Schimpansen heute in Gefangenschaft leben, werden sie meistens nicht mehr wild gefangen, sondern bereits in Gefangenschaft geboren. Sie langweilen sich so sehr. Deshalb ist jede Beschäftigung für diese Schimpansen besser als nichts. Und sie genießen es regelrecht Zeichensprache zu lernen. Sie machen es freiwillig – niemand zwingt sie dazu.

Kann man auf diese Weise besser begreifen, wie Schimpansen denken und fühlen?

Ja, es ist eine Möglichkeit, einen Einblick in ihre Gedanken zu bekommen. So erfährt man Dinge, die man ansonsten nicht wüsste.

Ein kleines Beispiel: Ein junger Schimpanse, er war etwa fünf Jahre alt, liebte es zu zeichnen. Häufig konnte man aber natürlich nicht erkennen, was er da malte. Da er jedoch Zeichensprache beherrschte, konnte er erzählen, was er gezeichnet hatte. Er sagte dann zum Beispiel „Blume“ und das Bild sah gar nicht danach aus. Aber es war eben seine Art, eine Blume zu zeichnen.

Eines Tages malte er einfach nur eine Zickzack-Linie und gab sie seinem Betreuer. Der sagte: "Zeichne es fertig!". Und der Schimpanse gab zurück: "Fertig!". Also fragte der Lehrer ihn, was das Bild darstellen sollte. Und der Schimpanse antwortete: "Ball". Nun, wenn ein Kind einen Ball zeichnet, ist es ein runder Kreis, richtig? Also, was hat der Schimpanse gemacht? Er hat die Bewegung – das Hüpfen des Balles – abgebildet. Wir würden gar nicht auf die Idee kommen, eine Bewegung zu zeichnen. Zum Glück konnte der Schimpanse mitteilen, was er sich dabei gedacht hatte.

Interview: Jane Goodall

Zum Kinotipp "Schimpansen": www.geolino.de/74758

Was, glauben Sie, denken Schimpansen über uns Menschen?

Ich denke, das hängt davon ab, wer sie sind und unter welchen Bedingungen sie Menschen kennengelernt haben. Ein Schimpanse etwa, der mit einem Menschen als Versorger aufgewachsen ist, denkt sicherlich anders über uns Menschen als ein wilder Schimpanse.

Würde ich wissen, was sie über mich denken, hätte mir das Jahre an Forschungsarbeit erspart. Aber leider habe ich keine Ahnung, was sie von uns halten.

Die letzten wildlebenden Schimpansen sind durch Abholzung und Jagd stark gefährdet. Was können die GEOlino.de-Leser für sie tun?

Interview: Jane Goodall

GEOlino.de-Redakteurin Anna Sandner traf Jane Goodall in Berlin

Sie können an unserem "Roots and Shoots" (Wurzeln und Sprösslinge) Programm teilnehmen. Dort bekommen sie die Möglichkeit gemeinsam mit anderen zu helfen. Wir haben zum Beispiel ein Schimpansen-Patenprogramm, das sie unterstützen können, indem sie beispielsweise Geld sammeln. Dann bekommen sie Informationen zu ihrem Paten-Schimpansen und können dabei helfen, ihm ein schönes Leben zu ermöglichen. Oder sie können Geld sammeln, das dafür benötigt wird, Fallen zu entschärfen. Viele Schimpansen werden nämlich mit Fallen gefangen. Es gibt aber auch noch sehr viele andere Möglichkeiten, bei "Roots and Shoots" mitzuwirken. Und dort kann man auch anderen Tieren helfen - nicht nur Schimpansen. Vielleicht möchten sie lieber Hunden helfen oder Schweinen oder auch Elefanten, die sehr dringend Hilfe benötigen. Wem auch immer sie helfen möchten, das können sie dort machen. Bei "Roots and Shoots" geht es darum, die Welt zu verbessern – für Menschen, Tiere und die Umwelt! Und das tun inzwischen Kinder in 132 Ländern auf der ganzen Welt!

Sie setzten sich seit über 50 Jahren für Schimpansen und deren Lebensraum ein. Wie schaffen Sie es, die Hoffnung nie zu verlieren?

Vielleicht weil ich mit so vielen Kindern rund um den Globus zusammenarbeiten kann. Und ich weiß, dass diese Arbeit einen Unterschied macht. Ich kann sehen, dass wir gemeinsam die Welt zum Besseren verändern können. Ob wir es tun werden oder nicht, ist eine andere Frage. Und ich bin nicht so dumm, zu glauben, dass alles gut werden wird. Aber wir dürfen nicht aufgeben, nicht einmal für einen kurzen Moment. Und Kinder sind dabei besonders wichtig. Wenn sie die Hoffnung verlieren, bedeutet das, dass wir wirklich nichts mehr zu hoffen haben. Deshalb müssen junge Menschen unbedingt wissen, dass sie etwas verändern können. Darum geht es bei "Roots & Shoots". Ich freue mich über jeden, der uns bei unserer Arbeit unterstützen möchte.

Vielen Dank für das Interview.

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