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Reportage Brand im Flüchtlingscamp Moria

Brand im Flüchtlingscamp Moria, GEOlino Ausgabe Nr. 13-2020
© GEOlino Magazin Ausgabe Nr. 13/2020
In Europa geht es den Menschen gut, dachten die 14-jährige Elahe und ihre Familie aus Afghanistan. Dann landen sie im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos – ein elender Ort. Im September dieses Jahres bricht dort auch noch ein Feuer aus. Wie soll es nun weitergehen?

Feuer! Elahe hat sich ins Zelt verkrochen und blickt hinaus in die Nacht. Flammen erleuchten den Himmel, Funken fliegen. Der Wind treibt den Brand immer weiter in ihre Richtung. Es ist das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos, das gerade vor Elahes Augen in Flammen aufgeht. Elf Monate hat die 14-Jährige hier mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern gelebt. Nun packen die sechs hastig ein paar Sachen: Kleidung, Decken, Essen. Und dann bloß weg hier. Weg aus Moria! Schlimmer kann es sowieso nicht kommen.

Ein Leben auf der Flucht

Rückblick: Eigentlich ist Elahe schon ihr Leben lang auf der Flucht. Sie kommt im Iran zur Welt. Das Heimatland ihrer Eltern, Afgha­nistan, hat sie noch nie gesehen. Dort herrscht seit Jahrzehnten Krieg. Doch auch im Iran ha­­ben es Menschen aus Afghanistan schwer. Sie werden ausgegrenzt, dürfen in vielen Jobs nicht arbeiten. Immerhin: Elahe besucht eine Schule. Weil die Eltern ihren Kindern eine bessere Zukunft wünschen, be­­schließen sie, nach Europa zu fliehen und dort um Asyl zu bitten.

"Was, wenn das Boot kentert?"

Die Flucht der Familie ist so lang und gefährlich, dass man einen eigenen Text darüber schreiben könnte. Nur so viel: Sie durchqueren die Türkei, am Mittelmeer steigen sie mit 30 anderen Flüchtlingen in ein Schlauchboot. Es ist der kürzeste Weg nach Europa, die griechische Insel Lesbos liegt nämlich nur zehn Kilometer vor der türkischen Küste. Eine Stunde lang dauert die Fahrt. Eine Stunde lang denkt Elahe: Was, wenn das Boot kentert?

Brand im Flüchtlingscamp Moria, GEOlino Ausgabe Nr. 13-2020
© GEOlino Ausgabe Nr. 13/2020

Ankunft in Europa

Bei Sonnenaufgang des 15. Ok­­to­­ber 2019 erreicht die Familie Lesbos. Von ihrem alten Leben sind ge­­blieben: „vier große Rucksäcke mit Kleidung, Medikamenten, Es­­sen und Wasser“, erzählt Elahe. Ein Bus einer Hilfsorgani­sation bringt die sechs in das Flüchtlingslager Moria im Süd­osten der Insel. Nun sind sie tatsächlich in Eu­­ropa. Hatten sie davon nicht ge­­träumt? Die 14-Jährige sagt: „Erst wa­­ren wir so er­­leichtert, wieder an Land zu sein. Aber als wir dann das Lager Moria betreten haben, war nichts so, wie wir es uns erhofft hatten.“

Überall Menschen

Betonmauern und Stacheldraht – das ist das Erste, was Elahe von Moria sieht. Und Menschen! Überall Menschen. Im Jahr 2016 wurde das Lager für 2800 Flüchtlinge ausgebaut. Als Elahe ankommt, leben dort aber 13000, bald darauf knapp 20000 Menschen. Damit ist Moria das größte Flüchtlingscamp Europas, fast die Hälfte der Bewohner sind Kinder. Am Eingang geben Elahe und ihre Familie ihre Fingerabdrücke ab. Sie müssen nun bleiben, bis über ihren Asylantrag entschieden wurde. Wie lange das dau­­ert, kann ihnen niemand sagen.

Das Lager ist überfüllt

In dem überfüllten Lager sind alle Wohncontainer belegt. Elahes Eltern bekommen ein Zelt. Sie schla­­gen es in den angrenzenden Hügeln zwischen Olivenbäumen auf, wie schon Tausende vor ihnen. „Dschungel“ – so nennen alle hier das Zelt-Dickicht, das rund um das eigentliche Lager wuchert. Nicht einmal sechs Quadratmeter hat die Familie für sich, so viel wie ein winziges Zimmer. Die sechs schlafen auf Holzpaletten, Pappe und De­­cken, der Wind pfeift unter der Zeltplane hindurch. Einen Ofen oder eine Heizung gibt es nicht.

Brand im Flüchtlingscamp Moria, GEOlino Ausgabe Nr. 13-2020
© GEOlino Ausgabe Nr. 13/2020

Manchmal reicht es nicht für alle

So hatte sich Elahe das Leben in Europa nicht vorgestellt! Viele Stunden des neuen Alltags verbringt die Familie wartend: in der Kleider-Schlange, in der Decken-Schlange, vor den viel zu wenigen Duschen oder Toiletten. An der Essensausgabe stehen sie dreimal am Tag bis zu zwei Stunden an – und manchmal reicht es nicht für alle. Morgens gibt es ein Croissant, mittags Reis oder Kartoffeln, Bohnen, oft Hühnchen. Im Zelt wärmen sie das Essen mit einem Gaskocher auf. Den hat sich die Familie von dem wenigen Geld besorgt, das sie im Lager bekommt. Einmal im Monat fahren sie in die Stadt Mytilini, um Waschpulver, Küchenpapier, ein paar Lebensmittel einzukaufen, nur das Nötigste.

Elahe gibt Englischunterricht

Eine Sache macht Elahe aber Spaß in Moria: Sie gibt Englisch­unterricht. Ihre Eltern hatten die Idee und redeten ihr gut zu. Sie wissen, dass ihre Tochter klug, aber auch ein bisschen schüchtern ist. Im Iran lernte Elahe sechs Jahre lang Englisch – viele andere afgha­nische Mädchen und Frauen hatten diese Chance nicht. Also bringt Elahe es ihnen in Moria bei! Freiwillige ha­­ben ein Klassen­zimmer aus Holzpaletten und Zeltplanen gebaut. Dar­­in er­­­­klärt Elahe Vokabeln und Grammatik. „Als ich das erste Mal vorn stand, war ich nervös und hatte Angst“, erzählt sie, „aber dann wurde es immer besser.“ Sie unterrichtet eine Stunde, fünfmal die Woche. Erst mit 30 Schülerinnen im Klassenzimmer, später mit kleinen Grup­­pen unter freiem Himmel – aus Vorsicht wegen der Corona-Pandemie. Und dann kam das Feuer.

Die Flammen verschlingen das Lager innerhalb einer Nacht

Innerhalb einer Nacht, vom 8. auf den 9. September 2020, verbrennt das Lager Moria fast komplett. Es wird vermutet, dass Bewohner das Feuer aus Wut und Verzweiflung selbst gelegt haben. Von den Zelten im „Dschungel“ bleiben nur Metallgerippe. In Scharen flüchten die Menschen zur Straße, irren umher, warten auf Hilfe, die nicht kommt. Elahes Familie schiebt ihren verbliebenen Be­­sitz auf zwei Kinderwagen vor sich her. Was nun? Wohin? Ihnen bleibt nur, auf der Straße zu schlafen. Erst nach sieben Tagen bestimmt die Polizei: Die Familie soll in ein Ersatzlager, das nach dem Brand erweitert wurde. Elahe aber denkt: Bitte kein weiteres Lager, bloß kein zweites Moria! Doch wieder bekommt die Familie ein Zelt, dieses Mal auf Schotterboden.

Im zweiten Lager

Das neue Lager Kara Tepe steht direkt am Meer, es ist windig, kalt – und abermals voll: Schon zwei Wochen nach dem Brand leben dort 9200 Menschen. Nur ein kleiner Teil wurde aufs Festland gebracht. Elahes Englisch­unterricht findet nicht mehr statt. Den ganzen Tag sitzt sie mit ihren Geschwistern im Zelt.

Elahe hat Hoffnung

Doch Elahe und ihre Familie haben Hoffnung: Sie wurden als Flüchtlinge in Europa anerkannt und bekommen Asyl. Nun warten sie auf ihre Pässe, damit sie endlich weiterreisen dürfen. Sie denken über Großbritannien, Österreich und Deutschland nach. Elahe ist egal, wohin es geht. Sie sagt: „Hauptsache, weg von hier.“

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