Kleiner Piks, große Wirkung Edward Jenner: Der Mann, der das Impfen erfand

Lange sind Menschen Infektionskrankheiten schutzlos ausgeliefert. Doch im Jahr 1796 wagt der Arzt Edward Jenner ein riskantes Experiment: Er steckt den Jungen James Phipps mit harmlosen Kuhpocken an, um ihn vor gefährlichen Menschenpocken zu schützen
EDWARD JENNER bei der Impfung des 8-jährigen James Phipp

1796: Stillhalten! Edward Jenner infiziert James Phipps mit Pocken

Edward Jenner wagt ein Experiment

Die Medizin hätte einen ihrer größten Siege nicht erringen können, wäre da nicht ein kleiner, ängstlicher Junge gewesen… 1. Juli 1796, in der Stadt Berkeley im Westen Englands: „Halt still, es ist nur ein kleiner Ritzer“, rügt Edward Jenner den achtjährigen Jungen, der mit panischen Augen vor ihm sitzt. James Phipps würde gern wegrennen. Doch sein Vater, der als Gärtner bei Jenner arbeitet, hat ihm gesagt, er solle gehorchen.

Schon vor sechs Wochen musste sich James von dem Arzt ritzen lassen. Damals rieb Jenner ihm Eiter in die Wunde. Die eklige, gelbliche Flüssigkeit stammte aus den Hautbläschen einer Frau, die an Kuhpocken erkrankt war. James bekam ebenfalls Kuhpocken. Das war unangenehm, die Pusteln juckten, aber es war nicht gefährlich. Nach zehn Tagen war James wieder gesund.

Diesmal könnte es anders ausgehen: Denn der Arzt will James mit Menschenpocken infizieren – einer der grausamsten Krankheiten überhaupt! James zuckt kurz, als das Messer in seine Haut schneidet und Jenner die Wunde mit Eiter aus der Pustel eines Pockenkranken beschmiert.

Als der Junge nach Hause geht, weiß niemand: Wird er erkranken? Die Antwort auf diese Frage ist nicht nur für James und seinen Arzt wichtig – sondern für die gesamte Menschheit.

Tödliche Winzlinge

Denn damals bedrohen etliche todbringende Seuchen die Menschen: Da ist die Pest, die in Wellen über Europa hereinbricht und ganze Länder entvölkert. Polio, besser als „Kinderlähmung“ bekannt, macht unzählige Mädchen, Jungen und Erwachsene bewegungsunfähig. Diphterie lässt Hals und Rachen Erkrankter anschwellen, bis sie nicht mehr atmen können. Es gibt zudem Masern, Schweißfieber, Grippe, Cholera, Typhus, Syphilis... Und eben die Pocken: Jeder zehnte Brite stirbt im 18. Jahrhundert daran, in den Städten, wo man eng beisammen lebt, gar jeder Fünfte!

Was die Menschen damals noch nicht wissen: Die Krankheiten werden durch Viren und Bakterien ausgelöst, winzige, mit dem bloßen Auge unsichtbare Erreger, die sich oft in Windeseile verbreiten. Am schlimmsten trifft es die Kinder. Viele erleben ihren fünften Geburtstag nicht. Auch der Arzt Edward Jenner litt als Junge unter den Pocken und überlebte nur knapp. Nun, Jahre später, kommen noch immer Pockenkranke in seine Praxis. Wie kann er ihnen helfen?

Edward Jenner

Edward Jenner (17. Mai 1749 - 26. Januar 1823)

Die Spur

Jenner spricht mit Kollegen über die Krankheit: Er hört, dass Melkerinnen zwar oft an Kuhpocken erkranken, aber nur selten an Menschenpocken! Könnte es also sein, dass die Kuhpocken vor den mörderischen Menschenpocken schützen? Jenner ist von dem Gedanken begeistert. Doch er muss ihn überprüfen. Jenner fahndet nach einem menschlichen Versuchskaninchen und findet – James Phipps.

Und der überlebt das Experiment tatsächlich. Ja, er wird nicht einmal krank! Offensichtlich hat sein Körper nach der Infektion mit Kuhpocken Abwehrkräfte gegen die Menschenpocken entwickelt. Jenner nennt sein Verfahren „Vaccination“, nach vacca, dem lateinischen Wort für Kuh. Um seine Methode bekannt zu machen, schreibt er darüber einen Artikel und reicht ihn bei der Royal Society ein, der Gesellschaft der Gelehrten des Landes. Die weist ihn aber zurück, weil der Arzt seine Impfung nur an einer Person getestet hat. Deshalb infiziert Jenner weitere Menschen, sogar seinen erst elf Monate alten Sohn – und schließlich wird seine Methode von der Royal Society anerkannt.

Herdenimmunität

Die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie Masern könnt ihr euch wie einen Staffellauf vorstellen: Ein Kranker steckt gesunde Menschen an, die ihm nahe kommen. Die geben die Erreger weiter. Sind genug Menschen geimpft, wird die Staffel rasch unterbrochen: Der Kranke trifft zu wenige Menschen, die er anstecken kann – die Ausbreitung wird verhindert. Alle sind sicher, sogar die Ungeimpften. Forscher nennen das Herdenimmunität.

Doch nicht alle Zeitgenossen sind davon begeistert. Menschen mit Kuhpocken infizieren? „Gottlos!“, wettern Vertreter der Kirche. Zeitungen drucken Spottbilder, auf denen sich Patienten nach der Behandlung in Kühe verwandeln. Und die Kritik an der Impfung wird anhalten. Noch heute gibt es Menschen, die Impfungen ablehnen.

Welt ohne Pocken

Doch Jenners Gegner können den Siegeszug seiner neuen Methode nicht stoppen: Bereits 1807 führt Bayern eine Impfpflicht ein. 1815 folgt Preußen, 1867 England. Ende des 19. Jahrhunderts entwickeln Forscher weitere Impfstoffe gegen Tollwut, Cholera und die Pest. Heute werden Kinder in Deutschland gegen mehr als ein Dutzend Krankheiten geimpft. Die Pocken sind nicht mehr darunter. Denn 1980 verkündet die Weltgesundheitsorganisation WHO: Die Pocken sind besiegt!

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