Schriftsteller Mark Twain: Aus dem Leben eines Lausbuben

Vor 100 Jahren stirbt Mark Twain, der Erfinder von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Wer etwas über den großen Schriftsteller erfahren will, sollte "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" lesen. Denn wenn Mark Twain über diesen schlauen Streuner schreibt, erzählt er eigentlich von sich selbst

Mark Twain und die Abenteuer des Huckleberry Finn

Mark Twain: Aus dem Leben eines Lausbuben

Der Heidelbeerkuchen ist schuld! Mark Twain bekommt ihn an einem Abend Mitte der 1870er Jahre serviert. Saftig-süßes Gebäck, von dem er am liebsten gleich sämtliche Stücke verschlingen würde. Doch so etwas tut man ja nicht. Zur selben Zeit aber arbeitet der Schriftsteller an einem Roman über einen Jungen, der wenig auf solche Regeln gibt. Der einfach macht, was ihm gefällt. Mark Twain nennt ihn später "Huckleberry Finn" - nach "Huckleberry Pie", englisch für Heidelbeerkuchen.

"Die Abenteuer des Huckleberry Finn" werden zum Meisterwerk des großen Autors. Es ist die Geschichte zweier Ausreißer: des Halbwaisen Huckleberry "Huck" Finn und des schwarzen Sklaven Jim, der seiner Besitzerin davongelaufen ist. Gemeinsam fahren sie den Mississippi hinab; es ist ein mitreißender Strom der Abenteuer.

Freche Geschichten: Huck Finn ist wie Mark Twain

Vor über 125 Jahren wird dieses Buch in Mark Twains Heimat, den USA, veröffentlicht. Und bald darauf an den Schulen verboten. Viel zu frech und faul sei dieser Huck Finn, meinen die Kritiker. Kein Vorbild für Kinder und Jugendliche. Aber genau darum lieben sie ihn bis heute, überall auf der Welt. Wohl am meisten aber liebt der Autor seinen Helden.

Denn Huck Finn ist wie Mark Twain - oder so, wie er immer sein will: furchtlos und frei. Huck haust in Zuckerfässern, will Seeräuber werden und raucht wie eine Dampflok. Mark Twain selbst bringt es auf 40 Zigarren am Tag, sodass ihn seine vier Kinder kaum unvernebelt kennen. Vor allem aber mag Mark Twain den Mississippi und das Floßfahren und lässt darum auch seine Helden ständig schippern. Huck lässt er dazu sagen:

Wir angelten und redeten, und hin und wieder sprangen wir ins Wasser, um unsere Schläfrigkeit zu vertreiben. Es hatte irgendwie was Feierliches, auf dem Rücken zu liegen und den großen stillen Strom hinabzutreiben.

Mark Twain, Jahrgang 1835, wächst am Ufer des großen Stroms auf, im Städtchen Hannibal im US-Bundesstaat Missouri. Da heißt er allerdings noch Samuel "Sam" Clemens. Jede freie Minute verbringt er am Mississippi, diesem gewaltigen Fluss, der sich mehr als 3700 Kilometer weit durch die USA schlängelt. Oft sitzt der Junge am Hafen. Er sieht Sklaven, die festgekettet sind und wie Tiere verkauft werden. Er staunt über die Schaufelraddampfer mit ihren rauchig-rauen Sirenen, die Waren und Geschichten aus der weiten Welt nach Hannibal bringen. Für ihn gibt es darum nur ein Ziel: irgendwann zur Mannschaft eines solchen Dampfers gehören.

Samuel Clemens wird zu Mark Twain

Und das klappt! Als 21-Jähriger beginnt Sam eine Lotsenausbildung und lernt, die Schiffe durch die Untiefen und Stromschnellen des Mississippi zu lenken. An besonders heiklen Stellen wirft er die Logleine, eine Art Maßband aus. Ist genügend Wasser unterm Kiel, brüllt er jenen Ausdruck, der später zu seinem Schriftstellernamen wird: "Mark Twain"! Ein mark ist nämlich sechs Fuß Wassertiefe, knapp zwei Meter. Und twain bedeutet im Dialekt am Mississippi: zwei.

Sam Clemens hätte wohl sein Leben lang als Lotse gearbeitet, wäre nicht 1861 der Amerikanische Bürgerkrieg ausgebrochen. Die Handelsschifffahrt wird eingestellt. Um nicht als Soldat in die Schlacht ziehen zu müssen, haut er ab - genau wie Huck, der Jim vor den Sklavenjägern beschützen will:

Los, hoch mit dir, Jim! Wir haben keine Zeit zu verlieren ... Ich fuhr mit dem Kanu ein kleines Stück vom Ufer weg und sah mich um ... Dann machten wir das Floß los und fuhren im Schatten am Ufer lang, am Ende der Insel vorbei, regungslos und ohne ein Wort.

Romanheld Huck

Nach Kriegsende 1865 versucht sich Sam Clemens als Reporter, schreibt aber schon bald als Mark Twain seine ersten Erzählungen. Denn das normale Leben mit seinen Regeln und Vorschriften ist ihm viel zu langweilig. Und sein Romanheld Huck spricht ihm aus der Seele, als er auf dem Floß von seinem früheren Leben erzählt: Er wohnte damals bei der alten Witwe Douglas, die den Streuner zu einem ordentlichen Jungen erziehen wollte. Undenkbar für Huck:

... ich konnte nicht mehr verstehen, wieso es mir bei der Witwe je gefallen hatte, wo man sich waschen und kämmen musste, vom Teller essen und pünktlich ins Bett gehen und wieder aufstehen und immer mit `nem langweiligen Buch vor der Nase ... Ich hatte mit dem Fluchen aufgehört, weil die Witwe dagegen war. Aber jetzt fing ich wieder an.

Gründe zu fluchen gibt es genug. Denn Huck Finn und Mark Twain besitzen beide das ungünstige Talent, in immer neue Schlamassel zu geraten. Der Schriftsteller - stets in weißem Anzug und roten Socken - legt sich dauernd mit mächtigen Menschen an. Und er investiert sein Geld gleich mehrfach in erfolglose Erfindungen. Huck Finn dagegen gerät in die Arme von Sklaventreibern, Gaunern, Betrügern. Durch 1000 Zufälle wird schließlich doch noch alles gut: Jim kommt frei, Huck findet seinen alten Freund Tom Sawyer wieder und träumt vom nächsten Abenteuer.

Nur in Mark Twains wahrem Leben, da ist am Ende gar nichts gut, und er kann nichts daran schönschreiben; seine Frau Olivia und drei seiner vier Kinder sterben vor ihm; er selbst wird krank. Mark Twain versucht all das mit seinem ganz eigenen Humor erträglicher zu machen. Als etwa im Jahr vor seinem Tod die Zeitungen berichten, der Autor werde bald sterben, sagt der: "Ich würde so etwas nie im Leben tun."

Mark Twain
Zitate
Mark Twain: Zitate, die zum Nachdenken anregen
Samuel Langhorne Clemens (1835-1910), besser bekannt unter seinem Pseudonym Mark Twain, war ein amerikanischer Schriftsteller. Er hinterließ einer Reihe von Sprüchen und Aphorismen, die auch heute noch Gültigkeit haben. Wir stellen euch die schönsten Zitate Mark Twains vor
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