Rasende Reporterin Nellie Bly: In 72 Tagen um die Welt

1889 steht Amerika kopf: Denn Nellie Bly, die berühmte Reporterin aus New York, hat angekündigt, die ganze Welt in neuer Rekordzeit zu umrunden. Wir erzählen ihre Geschichte
Nellie Bly

Nellie Bly, Gemälde von 1890

Fans lechzen nach Informationen und Neuigkeiten über ihre Stars – das kennt ihr ja sicher. Wenn etwa Greta Thunberg mit dem Segelboot nach New York reist, um dort eine Klimakonferenz zu besuchen, verfolgen das Millionen Follower auf Instagram.

Mehr als 100 Jahre zuvor, 1889, ist das kaum anders: Da ist das Internet zwar noch nicht erfunden. Aber es gibt schon Stars, und einer der größten ist Nellie Bly: Die Amerikaner sind völlig vernarrt in die junge, freche Journalistin, die in der Zeitung eine sensationelle Geschichte nach der nächsten veröffentlicht. Mal gibt sie sich als Kindermädchen aus und berichtet, für welchen Hungerlohn diese schuften müssen. Ein anderes Mal lässt sie sich als Diebin ins Gefängnis stecken oder kommt bestechlichen Politikern auf die Spur. Einmal lässt sie sich sogar als geistig Verwirrte in eine berüchtigte Nervenheilanstalt einweisen, um aus eigener Erfahrung über die schlimme Behandlung der Patienten zu berichten!

Ihr neuestes Abenteuer aber stellt alles in den Schatten: Der Wirbelwind will in nicht mehr als 72 Tagen die ganze Welt umrunden! Nellie Bly möchte damit den berühmten Rekord von Phileas Fogg brechen – der Hauptfigur aus Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“!

Eine große New Yorker Zeitung hat das Spektakel über Wochen hinweg angekündigt. Die Leser können die genaue Zeit tippen, die Nellie wohl für die Weltumrundung braucht. Wer will, kann Nellie-Spiele, Nellie-Kleider und Nellie-Globen erwerben.

Steckbrief: Nellie Bly

VOLLER NAME: Bei ihrer Geburt heißt Nellie noch Elizabeth Jane Cochran. Als Journalistin nennt sie sich schließlich Nellie Bly – nach der Figur in einem amerikanischen Kinderlied.

GEBOREN: 5. Mai 1864 in Cochran’s Mills, im US-Bundesstaat Pennsylvania

BERUF: Journalistin

LEBENSLEISTUNG: Als investigative Journalistin deckt Nellie Bly zahlreiche Skandale auf, etwa die schlimmen Missstände in einer New Yorker Nervenklinik. Ihre Reise um die Welt in 72 Tagen macht sie als „schnellste Frau des 20. Jahrhunderts“ berühmt.

GESTORBEN: 27. Januar 1922 in New York

In 72 Tagen um die Welt

Als die Reporterin am 14. November 1889 in New York auf ein Dampfschiff steigt, bibbern unzählige Fans mit ihr: Welche haarsträubenden Abenteuer ihrer Heldin wohl in den fremden Ländern bevorstehen? Ob sie es wirklich schafft, den Rekord zu brechen?

Was kaum einer weiß: Das abenteuerliche Spektakel ist in Wahrheit – eine reine Mogelpackung. Jede Etappe ihrer Reise ist so durchgeplant wie eine Kreuzfahrt von Senioren heute. Und genauso ungefährlich.

Nellie reist erster Klasse. Und ihr größtes Abenteuer besteht darin, dass sie seekrank wird und über die Reling des Dampfers spuckt. Von Frankreich, Italien, Ägypten oder China, den Stationen ihrer Reise, sieht sie kaum etwas – aber sie interessiert sich auch nicht dafür. In ihrem Reisetagebuch nörgelt sie andauernd herum: über den grunzenden Träger, der sie in Hongkong durch die Straßen schleppt. Über die lästigen Bettler in Ägypten.

Aber von all dem bekommen ihre Fans ja nichts mit: Als Nellie tatsächlich nach genau 72 Tagen, sechs Stunden und elf Minuten wieder New York erreicht, feiern sie die Menschenmassen, als wäre sie eine waghalsige Abenteurerin. Absurd!

Immerhin: Nellie nutzt ihren Ruhm, um für gute Dinge zu kämpfen. Mit ihrer Frechheit und ihrer Schauspielkunst gelingt es ihr in den nächsten Jahren, noch viele Schattenseiten Amerikas auszuleuchten.

Nellie wird damit zur ersten investigativen Journalistin Amerikas. So nennt man Journalisten, die mit großen Sinn für Gerechtigkeit, Mut und persönlichem Einsatz Missstände aufdecken.

Für viele Reporter ist sie deshalb noch heute ein Vorbild. Ebenso für Frauen. Denn Nellie beweist in einer Zeit, als die meisten Männer Frauen noch als zweitklassige Wesen ansehen, dass diese alles erreichen können, was sie wollen. Sogar einmal um die Welt düsen.

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