Parkour - "Angst ist wichtig, sie schützt uns vor Dummheiten"

Parkour ist eine der neusten Trendsportarten, bei der die Sportler nur mit ihren eigenen Füßen scheinbar mühelos alle möglichen Hindernisse überwinden. Der 22-jährige Ben Scheffler traniert seit 2005 und hat uns begeistert erzählt, wie er zu dieser ungewöhnlichen Sportart gekommen ist. Mit Interview
In diesem Artikel
Parkour – So geht's
Ben, wie bist Du zu diesem Sport gekommen?

Parkour – So geht's

Schwer angesagt ist momentan Parkour, eine Bewegungskunst, die der Franzose David Belle in den 1980er Jahren begründet hat. Er hatte als Kind von seinem Vater die sogenannte Méthode Naturelle gelernt, mit der er sich über natürliche Hindernisse in den Wäldern Nordfrankreichs bewegte. Später hat er diese Fortbewegungsart spielerisch auf die Beton- und Stahl-Landschaft eines Pariser Vororts übertragen.

Und so geht's

Der sogenannte Traceur (französisch für "der den Weg ebnet") versucht, ohne Hilfsmittel auf dem kürzesten Weg von A nach B zu kommen und überwindet dabei alles, was ihm im Weg steht: Häuser, Bänke, Bauzäune, Mauern und sogar Hochhausschluchten. Deshalb müssen die Sportler extrem fit und aufmerksam sein. Wenn man Parkour zum ersten Mal ausprobiert, sollte man sich vorher gut informieren und besonders vorsichtig sein. Außerdem kann es nicht schaden, die Abrolltechnik "roulade", die auch bei vielen Kampfsportarten verwendet wird, zumindest schon einmal ausprobiert zu haben.

Parkour - "Angst ist wichtig, sie schützt uns vor Dummheiten"

Hier seht ihr Ben beim Training. Ihr wollt wissen, wie er Traceur geworden ist? Auf Seite 2 findet ihr das Interview mit ihm

Zu den bekanntesten Techniken von Parkour gehören der sogenannte "saut de chat", (Katzensprung über ein Hindernis), der "saut de bras" (Armsprung an ein Objekt) und der "saut de précision" (Präzisionssprung). Dabei ist es wichtig, das Hindernis so schnell und flüssig wie möglich, aber mit minimalem Aufwand zu überwinden – und das, ohne die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren. Bei Le Parkour geht es übrigens nicht um Wettkämpfe und gegenseitiges Kräftemessen – stattdessen wollen die Sportler ein besseres Gefühl für ihren eigenen Körper bekommen und dabei Geist und Körper fit halten.

Aber Vorsicht! Versucht niemals selbst, ohne Übung und Anleitung, irgendwelche gefährlichen Sprünge!

Hier findet ihr eine deutsche Internetseite mit wichtigen Infos, Fotos, Videos, Teams in verschiedenen deutschen Städten und einem Forum, in dem ihr euch mit anderen Traceures austauschen könnt.

Auf Seite 2 geht's weiter mit dem Interview.

Ben, wie bist Du zu diesem Sport gekommen?

Parkour war damals, Anfang 2005, in Deutschland noch nicht so weit verbreitet. Ich bin jedoch auf ein Video von David Belle (dem Erfinder von Parkour) gestoßen und habe daraufhin mit meinem Freund Martin angefangen zu trainieren. Noch heute sind wir regelmäßig zusammen unterwegs.

Welche Bedeutung hat Parkour für Dich?

Parkour bedeutet für mich Freiheit. Sowohl die Freiheit, dahin zu gehen, wohin ich will, aber auch die Freiheit im Kopf, alle Gedanken ausschalten zu können, um mich nur auf meinen Parkour zu konzentrieren.

Wie oft trainierst Du?

Das ist eine schwere Frage. Parkour bezieht sich ja nicht nur auf das körperliche Training. Eigentlich trainiere ich immer – ich suche nach neuen Sprüngen, mein Kopf verarbeitet auch nachts das Training der vergangenen Tage. Sprünge werden im Geist noch einmal durchgegangen. Ich versuche, fünf Mal pro Woche mindestens für eine Stunde rauszukommen. Leider ist das nicht immer möglich. Ich gehe nebenbei noch zwei Mal in der Woche arbeiten, organisiere viel für ParkourONE, die deutschsprachige Parkour-Internetseite, und habe noch meine Freundin, um die ich mich kümmern will. Die trainiert zwar auch, aber Zeit ist trotzdem immer ein Problem. Im Moment trainiere ich vielleicht drei Mal pro Woche.

Muss man sich vorm Training besonders vorbereiten oder aufwärmen?

Parkour beansprucht die Muskeln und Gelenke deines Körpers enorm. Weit mehr als andere Sportarten. Deswegen ist es auch wichtig, nicht vor dem Alter von 12 Jahren ohne erfahrene Anleitung zu trainieren!

Aufwärmen beinhaltet bei uns Joggen, Krafttraining, viel Dehnen und kleinere Sprünge. Erst dann beginnen wir mit dem wirklichen Techniktraining. Es kommt auch nicht selten vor, dass es beim Krafttraining bleibt. Man kann sagen, dass Parkour etwa aus zwei Dritteln Krafttraining und Muskelaufbautraining besteht und nur zu einem Drittel aus Techniktraining.

Trägst Du bestimmte Trainings-Kleidung und oder -Schuhe?

Das Tolle am Parkour ist, dass man eigentlich keine Hilfsmittel braucht. Allerdings ist es von Vorteil, ein paar gute Joggingschuhe zu haben. Denn die haben eine gute Dämpfung, die wichtig bei Sprüngen aus großer Höhe ist. Eine besondere Marke gibt es nicht. Auch ist es nicht unbedingt empfehlenswert, in Jeans zu trainieren. Lockere Sportkleidung ist bei uns eher verbreitet.

Wo trainierst Du am liebsten? Hast Du eine Lieblingsstrecke?

Parkour kann man überall trainieren. Es ist meistens so, dass ich eine bestimmte Kraftübung machen will oder eine bestimme Technik verbessern möchte, und dann suche ich mir einfach den Ort dafür aus, der am besten passt.

Hast Du dich schon mal verletzt?

Nein, mal abgesehen von ein paar Schürfwunden und Prellungen am Schienbein und Knie ist mir zum Glück noch nichts passiert. Parkour sieht immer sehr sehr spektakulär aus, allerdings steht Sicherheit bei uns an erster Stelle! Wir machen keinen Sprung, bei dem wir uns nicht hundertprozentig sicher sind, dass wir ihn schaffen ohne uns zu verletzen. Ich bin da kein Sonderfall, das gilt für die gesamte Parkourszene.

Gibt es ein Mindestalter, das man haben sollte, wenn man Traceur werden will?

Wie ich oben schon angedeutet habe, sollte man Parkour nicht unter etwa 12 Jahren beginnen und wenn, dann nur unter Anleitung eines Sportlehrers oder eines erfahrenen Traceures (so heissen die Parkourläufer). Bei Kindern befindet sich der gesamte Körper noch bis zum 18. Lebensjahr in der Entwicklungsphase. Man wächst, Muskeln entwickeln sich – man verändert sich einfach. Ist der Körper in dieser Phase starken Belastungen wie etwa durch Parkour ausgesetzt, kann sich das sehr sehr schädlich auf das Wachstum auswirken.

Und zum Schluss: Was würdest Du jemandem empfehlen, der Traceur werden will?

Fangt klein an. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Bevor wir Sprünge aus mehr als einem Meter Höhe gemacht haben, sind etwa anderthalb Jahre vergangen. Macht niemals etwas, was ihr euch nicht traut. Angst ist sehr wichtig bei unserem Training, da sie uns nicht Dummes anstellen lässt. Lasst euch von niemandem sagen, dass ihr Angsthasen seid, nur weil ihr einen Sprung nicht macht. Solche Leute sind nicht wirklich eure Freunde.

Wenn ihr Lust aufs Training bekommen habt, könnt ihr Ben eine E-Mail schreiben, er leitet euch dann an Traceure in eurer Nähe weiter.

Das Interview führte Dörte Eppelin.

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