Ernährung Masse mit Klasse: Hinter den Kulissen einer Schulkantine

Mathe, Musik, Mittagspause – immer häufiger gehört Essen zum Schulalltag. Während die Jungen und Mädchen pauken, wird in der Schulküche geschnippelt und gegart. Stundenlang und haufenweise. GEOlino durfte in die - sehr großen - Töpfe gucken

Hier isst jeder unter seinesgleichen. Die Papageien meiden die Löwen, und die Pinguine halten Abstand zu den Delfinen. Damit jeder weiß, wo er hingehört, sind die Plätze ausgeschildert, und zwar mit einem Bild der jeweiligen Tierart - wie im Zoo. Und so klingt es auch: Geschnatter und Gebrüll erfüllt die Räume. Auch Fritz öffnet den Schnabel: "Zu den Papageien passe ich gut. Ich brabbele auch immer alles nach", sagt der Sechsjährige und rückt Gabel und Messer neben seinem Teller zurecht. Heute ist Freitag, und Fritz isst - wie an jedem Schultag - in der Kantine der Gesamtschule Öjendorf in Hamburg. Heute gibt es Frikadellen mit Kartoffeln und Gemüse, dazu Salat und als Nachtisch Apfelkuchen. Ganz so lecker wie der Döner gestern ist das nicht, aber heute ist ja auch ein normaler Tag, nicht der Sünden- Donnerstag. "Wir haben den Donnerstag zum Sündentag erklärt, weil wir den Kindern zeigen wollten, dass wir uns auch manchmal nach ihren Wünschen richten", erklärt Okan Saiti, der Betreiber der Schulkantine. "Da gibt es auch schon mal Pommes. An den anderen Tagen richtet sich der Speiseplan natürlich nach neuesten Erkenntnissen für Ernährung." Dass Kinder mittags von ihren Eltern bekocht werden, wird immer seltener. Denn der Unterricht dauert oft bis in den späten Nachmittag, sodass die Jungen und Mädchen in der Schule essen müssen. Doch nicht alle Schulkantinen tischen gesunde Mahlzeiten auf. In vielen gibt es Fertiggerichte. Das geht schneller und ist vor allem billiger. Saiti möchte das besser machen. "Ich habe eine große Verantwortung, schließlich hängt es nicht zuletzt vom Essen ab, ob es den Kindern gut geht", erklärt er. "Deshalb kochen wir hier auch alles frisch."

Masse mit Klasse: Hinter den Kulissen einer Schulkantine

Anstellen, Tablett schnappen und höflich sagen, was man nicht mag: Schon schiebt eine Köchin das Hauptgericht über die Theke.

Masse mit Klasse: Hinter den Kulissen einer Schulkantine

Kochen in Riesentöpfen: Das ist das größte Modell, das es in der Schulküche gibt

Damit 80 hungrige Grundschüler innerhalb einer guten halben Stunde von einer gesunden Mahlzeit satt werden, setzt Okan Saiti deshalb einiges in Bewegung. Als Erstes sich selbst. Sein Wecker klingelt um halb sechs. Eine halbe Stunde später steht er bereits auf dem Hamburger Großmarkt, um drei Säcke Kartoffeln und eine große Kiste Gemüse zu kaufen. Dann düst er für zehn Kilogramm Fleisch in die Schlachterei. "Wir bieten den Kindern sogenanntes Helal- Fleisch an. Das kommt von nach islamischen Regeln geschlachte ten Tieren, sodass es auch muslimische Kinder bedenkenlos essen können", erläutert Saiti. Zusammen wiegen seine Einkäufe mehr als die sechs jährigen "Papageien" Fritz und Melissa zusammen! Damit um Punkt eins die riesigen Töpfe gefüllt, die Kuchenstücke abgezählt und die Salatschälchen aufgereiht sind, muss man zeitig anfangen. Ohne seine beiden Köchinnen würde selbst ein Frühaufsteher wie Saiti das niemals schaffen. Wenn er mit seinen Einkäufen gegen neun in die Küche tritt, erwarten ihn dort bereits Dorota Hörtel und Sevgi Ononbas. Ein perfektes Team. "Ich koche gern für viele Menschen. Auch zu Hause", erklärt Sevgi Ononbas. "Wenn alle Geschwister und Cousins mit ihren Familien kommen, sind wir oft 30 Leute." Die 40-Jährige streicht sich die Hände an ihrer blauen Schürze trocken. Dann öffnet sie zwei Senfgläser und löffelt den gesamten Inhalt auf die zwei vor ihr aufgehäuften Hackfleischberge. Sie und ihre Kollegin kneten die rötliche Masse durch und formen daraus 80 Bällchen, die sie anschließend plattdrücken - Stück für Stück.

Die Kantine der Grundschüler ist noch deutlich jünger als ihre kleinsten Gäste. Seit Okan Saiti zusammen mit seinen Köchinnen hier das erste Gericht auf die Teller brachte, sind gerade einmal sechs Monate vergangen. Die Schule hatte ihn angeheuert, weil er weiß, wie man für Schüler kocht. Seine erste Kantine gründete er schon als Zwölftklässler. "Ich fand damals, dass wir einen Ort brauchen, an dem alle gemeinsam essen können", erzählt der 34-Jährige. Gegen zehn beginnen die beiden Köchinnen mit der ermüdendsten Aufgabe: Kartoffeln schälen. Zigmal müssen sie die gleichen Bewegungen wiederholen: Eine braune Knolle nehmen, sie mit dem klappernden Sparschäler Zug um Zug in eine leuchtend gelbe verwandeln, diese vierteln und in Salzwasser legen. Wieder eine braune Knolle nehmen . . . Elend langsam schrumpft der Kartoffelberg, während der Schalenhaufen daneben wächst. Erst gegen zwölf sind alle Kartoffeln geschält. Solche Handarbeit fällt in einer Großküche auch nicht leichter als zu Hause. Andere Aufgaben dagegen schon, denn die Küche hat einiges zu bieten: Statt gewöhnlicher Backöfen stehen hier zwei so genannte Kombidämpfer, absolute Alleskönner. Ob Kartoffeln, Kuchen oder Fleisch - in der Hitze hinter ihren Glastüren wird alles gar. Auch das Abwaschen von Messern, Brettern und Schalen können sich die Köchinnen sparen. Eine riesige silberne Spülmaschine zaubert innerhalb von nur drei Minuten alle Reste vom Geschirr. Zur Ausstattung gehören neben den Großgeräten natürlich auch ausladende Töpfe, manche so groß, dass "Papagei" Fritz problemlos darin Platz finden würde. Aber natürlich werden hier keine Kinder gekocht, die Monsterkessel sind für Eintopf gedacht. Ob Suppe oder Schnitzel: Hauptgericht, Getränk und Nachtisch kosten pro Menü 2,80 Euro. Ein Schnäppchen, das nur möglich ist, weil Saiti so gut wirtschaftet. Das ist den hungrigen Löwen und plappernden Papageien allerdings schnuppe. Sie interessiert nur eines - und zwar, was auf den Teller kommt. "Ich finde, es sollte jeden Tag Spaghetti geben", meint Fritz, grinst und spießt seine Gabel senkrecht in eine Kartoffel. "Aber das hier schmeckt auch gut!"

Masse mit Klasse: Hinter den Kulissen einer Schulkantine

Den Schülern schmeckt es richtig gut!

GEOLINO Nr. 03/09 - Charles Darwin
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Charles Darwin
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