Mut zur Lücke Warum das Vergessen manchmal gut für uns ist

Wenn man etwas vergisst, ist das oft peinlich, hat aber auch große Vorteile. Denn mit einem löchrigen Gedächtnis können wir viel bessere Entscheidungen fällen als mit einem Superspeicher, sagen Wissenschaftler. Lest selbst!
Vergessen

Ein perfektes Gedächtnis – das stellt man sich ziemlich cool vor. Zum Beispiel bräuchtet ihr nie wieder Angst vor Klassenarbeiten zu haben. Ihr fragt einfach euer Gedächtnis – und das rattert euch alles runter, was euer Lehrer je zu dem Thema gesagt hat. Ihr müsstet es nur noch aufschreiben, fertig.

Forscher finden so einen Superspeicher allerdings gar nicht super. Sie sagen: Es hat durchaus Sinn, wenn unser Gedächtnis löchrig ist wie ein Schweizer Käse. Damit kommen wir viel besser durch das Leben, als wenn wir alles im Kopf behalten!

Indem wir vergessen, sortieren wir Wichtiges von Unwichtgem

Der Grund: Wir nehmen mit unseren Sinnen einfach zu viele Informationen auf. Ständig prasseln Geräusche, Gerüche und Bilder auf uns ein. Und das von früh bis spät. Würde unser Gehirn sich alles merken – es sähe darin aus wie in einer Rumpelkammer: völlig unübersichtlich. Alles Wichtige wäre tief unter Nebensächlichem vergraben.

Das kann schlimme Folgen haben: Stellt euch nur vor, ihr geht über die Straße, und ein Auto rast auf euch zu. Ihr überlegt, was ihr tun sollt – und euer Gehirn meldet euch: „Das ist ein Audi A4. Hey, so einen hast du auch am Sonntag gesehen! Da hat die Sonne geschienen, und der Lack glitzerte silbern. Es roch übrigens nach Würstchen…“ Dabei braucht ihr in dieser Situation nur eine Information: „Gefahr! Renn weg!“

Unser Gehirn hat nicht die Aufgabe, möglichst viele Dinge zu speichern, sagt der kanadische Gehirnforscher Blake Richards. Es soll sich Dinge merken, mit denen wir gute Entscheidungen treffen können. Und das klappt eben nur, wenn es ständig Unwichtiges vergisst. Das funktioniert in mehreren Schritten.

Eselsbrücken: Der Spickzettel im Kopf
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Schritt für Schritt: So sortiert unser Gehirn alle Informationen

Schritt 1: In den ersten zwei Sekunden, nachdem es eine Info bekommen hat, löscht das Gehirn alle Erinnerungen, die nur einen Moment lang wichtig waren. Mit welchem Fuß ihr eben aufgetreten seid, etwa. Das müsst ihr nämlich nur wissen, um den nächsten Fuß richtig zu setzen. Danach nicht mehr.

Ebenso werden fast alle Hintergrundgeräusche oder -bilder rausgeworfen: Hundegebell, Gespräche, die uns nicht betreffen. Die Kleidung anderer Leute. All diese Erinnerungen lösen sich auf wie platzende Seifenblasen: Plopp! Plopp! Plopp! Wissen, das wir etwas länger parat haben müssen, wandert ins Kurzzeitgedächtnis. Denkt an eine Handynummer, die euch jemand nennt, damit ihr sie aufschreibt. Lest einmal laut: 9-3-0-1-5-3-4. Dann schließt die Augen und wiederholt sie. Klappt ohne Probleme, stimmt’s? Allerdings nicht lange…

Schritt 2: Auch das Kurzzeitgedächtnis wird nämlich entrümpelt. Nur die wichtigsten Dinge werden ins Langzeitgedächtnis überschrieben. Was wichtig ist? Darüber urteilt eine Jury aus mehreren Gehirnteilen, etwa der Hippocampus. Gute Chancen haben Erlebnisse, die mit starken Gefühlen verbunden sind: mit Angst, Wut, Scham, aber auch Spaß. Denn solche Gefühle weisen auf wichtige Situationen hin. Etwa Gefahren, vor denen man sich in Zukunft schützen muss.

Auch Informationen zu Themen, über die ihr schon viel wisst, bleiben im Gehirn hängen. Für Dinofans ist es leicht, sich einen neuen Tiernamen zu merken – Triceratops etwa. Bei Dinomuffeln flutscht der aus dem Gedächtnis wie ein nasser Fisch. Der Rest? Wird gelöscht. Könnt ihr euch noch an die Handynummer von eben erinnern? Vermutlich nicht. Die fand euer Gehirn nicht besonders spannend.

Erinnerungen, die es ins Langzeitgedächtnis geschafft haben, können dort Tage oder Jahre gespeichert bleiben. Manchmal ein Leben lang. Allerdings haben Forscher entdeckt, dass unser Denkapparat auch wichtige Erinnerungen verändern kann.

Schritt 3: Dieser Prozess startet meist, wenn sich Informationen widersprechen: Fahrt ihr etwa täglich von einer neuen Bushaltestelle ab, vergisst euer Gehirn die alte bald. So vermeidet es, dass ihr in Zukunft durcheinander kommt – und sorgt dafür, dass ihr euch auf Veränderungen in eurem Leben einstellen könnt. Dafür nimmt man doch gern ein paar Gedächtnisausfälle in Kauf.

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