Bertolt Brecht: Draufgänger, Dickkopf, Dramatiker

Er sorgt in seinem Leben für eine Menge Drama - vor allem auf der Bühne. Dafür bekommt Bertolt Brecht viel Beifall, erntet jedoch auch so manchen Protest. Nicht zuletzt, weil es in vielen seiner Stücke nur so von Schimpfwörtern wimmelt, zum Beispiel in der "Dreigroschenoper". Ausgerechnet damit will er aber seine Zuschauer im Theater zum Nachdenken anregen
Bertolt Brecht, Statue

1924 zieht Bertolt Brecht nach Berlin und arbeitet er an verschiedenen Theatern. Bis heute erinnert eine Statue am Schiffbauerdamm an sein Wirken in der deutschen Hauptstadt

Kurz-Steckbrief: Bertolt Brecht

  • Name: Eugen Berthold Friedrich Brecht. Später ändert er die Schreibweise seines Rufnamens in Bertolt - oder nennt sich einfach nur Bert
  • Geboren: am 10. Februar 1898 in Augsburg
  • Gestorben: am 14. August 1956 in Berlin
  • Geschätzt: für Gedichte, Essays und Radiobeiträge, für die Erfindung des »epischen Theaters« - und von manchen auch für seine aufmüpfige Art
  • Wichtigste Werke: die Bühnenstücke »Die Dreigroschenoper«, »Leben des Galilei«, »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«, »Mutter Courage und ihre Kinder«, »Der gute Mensch von Sezuan«, »Der kaukasische Kreidekreis«

Bertolt Brecht: Was für ein Theater!

Bis zur Aufführung sind es nur noch wenige Stunden, und trotzdem streicht Bertolt Brecht noch ganze Lieder, zahlreiche Textabschnitte und schreibt manche Verse komplett neu. Die Schauspieler empören sich laut. Schließlich müssen sie jedes seiner Worte bis zum Abend auswendig lernen! Doch der Protest prallt an dem konzentriert arbeitenden Dichter ab. Bertolt Brechts Augen sind stur auf den Text gerichtet, sein Stift eilt über das Papier.

Doch die Mühe lohnt: Als sich am Abend des 31. August 1928 der Vorhang des Theaters am Schiffbauerdamm in Berlin öffnet, passt jedes Wort. Bertolt Brecht ist zufrieden. Es soll der größte Erfolg des Dichters werden - die Uraufführung der "Dreigroschenoper".

Plötzlich ist der schmale, drahtige Mann ein Star. Und doch ein ziemlich eigenwilliger, denn: Der Beifall ärgert ihn. Bertolt Brecht will nicht geliebt werden, sondern verstanden. Die Zuschauer aber trällern die Lieder seines Stückes wie Schlager auf der Straße und schmachten bei der Liebesgeschichte dahin, als wäre das Ganze eine Schnulze!

Dabei will Bertolt Brecht seinem Publikum vor allem eines klarmachen: Die meisten Menschen handeln schlecht und gemein.

Bertolt Brecht möchte die Menschen zum Nachdenken anregen

Seine eigene Meinung verkündet Bertolt Brecht schon als Kind sehr offen - wofür ihn seine Eltern als respektlos schelten. Einen Apfeldieb verteidigt der Junge etwa mit den Worten: "Was Bäume tun, gehört niemandem."

Seine Freunde bewundern ihn für seine direkte Art, schließlich lässt er sich von niemandem etwas sagen. Selbst über die Schule spottet Bertolt Brecht ironisch: "Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern."

Frech ist Brecht, keine Frage, aber nicht faul. Er nutzt jede Minute, um sich zu bilden, verschlingt massenweise Bücher, komponiert, singt zur Gitarre und diskutiert bis spät in die Nacht mit Freunden. Seine gesamte Energie bündelt er auf ein Ziel: Er will mit seinen Texten, Gedichten, Liedern und Theaterziemlich stücken, kurz: mit seiner Kunst, zeigen, wie ungerecht diese Welt ist, in der die Reichen die Armen ausbeuten.

Mit Stücken wie "Der gute Mensch von Sezuan" und "Der kaukasische Kreidekreis" verfolgt Bertolt Brecht immer wieder dieselbe Absicht: Er will die Leute zum Nachdenken anregen - genauso, wie er es mit der "Dreigroschenoper" versucht hat.

Was ist DRAMA?

Drama ist sozusagen der Fachbegriff für Theaterstück. Dabei handelt es sich also um einen Text, der hauptsächlich aus Dialogen besteht und von Schauspielern vor Publikum gespielt wird.

Das Drama ist neben Lyrik und Epik die dritte literarische Form. Seine Handlung gliedert sich meist in einzelne Akte. Diese sind wiederum in mehrere Szenen unterteilt. Die ersten Dramen wur den im 5. Jahrhundert vor Christus im alten Griechenland aufgeführt. Dort unterschied man zwei Formen: die heitere Komödie und die ernste Tragödie.

Zweck des antiken Theaters war es, aus den Zuschauern bessere Menschen zu machen: Indem man mit den Figuren des Stücks mitfühle, regelrecht in das Stück eintauche und sich dabei selbst vergesse, sammele man dieselben Erfahrungen wie die Charaktere auf der Bühne - so die Theorie. Brecht verfolgte mit seinem "epischen Theater" genau das entgegen gesetzte Ziel: Statt bloßem Mitgefühl wollte er, dass die Menschen mitdenken und dabei zu dem Entschluss kommen, etwas zu verändern.

Die "Dreigroschenoper" wirft unbequeme Fragen auf

Für Bertolt Brechts Idee des Theaters ist sie das beste Beispiel: Allein über ihren Namen muss man sich wundern! Schließlich gelten Opern damals als Unterhaltung für Reiche. Doch Brechts Stück ist - glaubt man dem Titel - nicht mehr als drei Groschen wert.

Die Figuren sind zudem weder Könige noch Helden, sondern Verbrecher und Bettler. Und dann die Sprache! Statt salbungsvoller Worte hört man Sätze wie "Ich möchte Sie doch bitten, Ihre dreckige Fresse zu halten". Das wird nur noch vom Gesang übertroffen:

Die Darsteller singen einfach nicht im Takt. Denn Dirigent und Orchester sitzen im hinteren Teil der Bühne. Die Schauspieler mit dem Rücken dazu: Sie müssen die Einsätze einfach verpassen.

Ein peinlicher Fehler? Nein, auch das ist pure Absicht. Das Publikum soll bloß nicht mit den Figuren auf der Bühne mitfühlen - es soll mitdenken! Und zu diesem Zweck "stört" Bertolt Brecht die Darbietung, und das nicht nur durch Schimpfwörter und verpasste Lied einsätze. Selbst die Umbauarbeiten zwischen den Szenen verdeckt er nur mit einem halben Vorhang, über den sich einige später als "Brecht-Gardine" lustig machen. So wird das Publikum immer wieder daran erinnert: Das alles ist nur Theater!

Die wichtigste Botschaft des Dichters liegt jedoch in der Handlung der "Dreigroschenoper": Gangsterboss Mackie Messer heiratet heimlich Polly, die Tochter des Bettlerkönigs Peachum. Dieser ist sauer und zeigt Mackie an. Trotz seiner Beziehungen zu dem bestechlichen Polizeichef Brown kommt Mackie an den Galgen. Doch, welch Wunder: In letzter Sekunde bringt ein Bote die Begnadigung. Und mehr noch: Mackie wird in den Adelsstand erhoben!

Was ist das bloß für eine Welt, in der Verbrecher einfach zu Adligen werden? Bertolt Brecht möchte, dass sich sein Publikum mit genau dieser Frage plagt und überlegt: Wer sind die wahren Räuber in unserer Gesellschaft? Und wie steht es um mich selbst?

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Vor den Nationalsozialisten muss Brecht fliehen

Das sind unbequeme Fragen. Bertolt Brecht stellt sie zu einer Zeit, in der manche politische Ansichten jemanden das Leben kosten können. Denn 1933 kommt Adolf Hitler in Deutschland an die Macht, der mit seinen Anhängern, den Nationalsozialisten, alles tut, um die Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Für Bertolt Brecht ist damit klar: Er muss fliehen. Über Prag und Wien gelangt er nach Paris.

Währenddessen verbrennen die Nazis seine Werke. 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg. Bertolt Brecht lebt da in Dänemark, später zieht er in die USA, nach Los Angeles. Dort beäugt man den großmäuligen Deutschen argwöhnisch - so wie auch er seine Umwelt. Überall quält Bertolt Brecht das Heimweh. Als der Krieg 1945 endlich endet, freut sich Brecht auf Deutschland.

Doch seine Heimat erkennt Bertolt Brecht kaum wieder. Die Siegermächte haben das Land unter sich aufgeteilt. Später wird die Zone der Sowjetunion zur DDR werden - und Deutschland damit in Ost und West geteilt. Bertolt Brecht sperrt sich dagegen, eine Seite zu wählen: "Ich kann mich ja nicht in irgendeinen Teil Deutschlands setzen und damit für den anderen Teil tot sein", protestiert er.

Schließlich gründet er in Berlin eine Schauspieltruppe, das Berliner Ensemble. Es spielt ab 1954 im Theater am Schiffbauerdamm, im Osten der Stadt - was ihm viele Zuschauer aus dem Westen damals nicht verzeihen. Trotzdem ist es bis heute eines der bekanntesten Theater Deutschlands, auf dessen Bühne Brecht zeitlebens Fragen aufgeworfen hat.

Auch sein Drama "Der gute Mensch von Sezuan" wurde dort häufig aufgeführt. Im Schlussteil dieses Stücks fassen die Figuren wohl am besten zusammen, was Bertolt Brecht mit seinem Theater bezwecken wollte: "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen."

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