Annette von Droste-Hülshoff: verraten, vereinsamt, verkannt

Sticken sollte sie und zum Gottesdienst gehen. Aber Annette von Droste-Hülshoff wollte lieber lesen, diskutieren und vor allem schreiben. Ihre vornehme Familie hat sie ihr Leben lang dafür verspottet und ihre Schriften schlechtgemacht. Dabei war die Dichterin ihrer Zeit einfach nur voraus
Annette von Droste-Hülshoff

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Da sind sie endlich - die Bücher! Ein Bote hat sie gerade gebracht. Annette von Droste-Hülshoff zittert, als sie einen der Bände in den Händen hält. Das sind ihre Gedichte! Zum ersten Mal hat ein Verlag ihre Texte gedruckt.

Wir schreiben das Jahr 1838. Annette ist bereits 41 Jahre alt, eine einsame, unverstandene Frau. Seit ihrer Jugend schreibt sie, doch kaum jemand in ihrer Familie hat sie bisher ernst genommen. "Reiner Plunder!", bekommt sie auch diesmal von Verwandten zu hören. "Wie kann eine vernünftige Person nur solches Zeug schreiben!"

Selbst ihre Mutter legt das Buch einfach in den Schrank - und verliert kein Sterbenswörtchen darüber. Damals verkauft sich der Gedichtband gerade 74-mal.

Annette von Droste-Hülshoff: Ein aufmüpfiges Adelsfräulein

Heute gilt Annette von Droste-Hülshoff als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen Deutschlands: Bevor der Euro in Deutschland eingeführt wurde, zierte ihr Gesicht sogar den 20-Mark-Schein. Solchen Erfolg hätte ihr die Familie am wenigsten zugetraut!

Annette von Droste-Hülshoff - im Winter 1797 geboren - kommt aus gutem Hause. Ihre Familie entstammt einem alten Adelsgeschlecht und besitzt eine hübsche Wasserburg im Münsterländischen. Annette wird zwar von Privatlehrern unterrichtet, doch ihre Verwandtschaft sieht es gar nicht gern, dass Annette Gedichte schreibt und am liebsten Schiller liest. Ein vornehmes Adelsfräulein solle schließlich sticken und regelmäßig zum Gottesdienst gehen und nicht die Zeit mit Literatur verschwenden, heißt es.

Schlimmer noch ist es, dass sich die adlige, katholische Annette mit 23 Jahren in einen bürgerlichen, evangelischen Mann verliebt. "Unmöglich!", zischt die Familie und wendet eine List an, um den Verehrer loszuwerden: Ein anderer Mann umschmeichelt Annette und als sie zulässt, dass er einmal ihre Hand hält, eilt er sogleich zu ihrem Angebeteten und petzt. Daraufhin wenden sich beide Männer von ihr ab. Annette ist tief gekränkt; eine Frau mit solch einem Ruf heiratet in dieser Zeit niemand mehr.

Annette und "Der Knabe im Moor"

Weil sie als Adlige kein Geld verdienen darf, ist sie nun ihr Lebtag von ihrer Familie abhängig und muss sich beschimpfen lassen - als nutzloser Klotz am Bein! Als ihr Bruder Werner das Familienanwesen erbt, muss Annette mit Mutter und Schwester in ein abgelegenes Landhaus ziehen.

Tag für Tag durchstreift sie dort die Moorlandschaft, über der am Morgen märchenhaft der Nebel liegt - und die zugleich bedrohlich wirkt, weil sie alles verschlucken könnte. Selbst die Natur hat zwei Gesichter!

Das beschreibt Annette in ihrem berühmtesten Gedicht "Der Knabe im Moor":

"O schaurig ist’s übers Moor zu gehen,

Wenn es wimmelt vom Heiderauche,

Sich wie Phantome die Dünste drehn

Und die Ranke häkelt am Strauche ..."

Annette von Droste-Hülshoff wird mit Einsamkeit bestraft

Die Abgeschiedenheit quält Annette. Ewig gleich schleichen die Tage dahin. Ab und an wird sie zum Glück zum Kaffeekränzchen bei Tanten und Onkeln im Rheinland eingeladen. Und besser noch: zu literarischen Kränzchen bei Schriftstellern und Professoren. In dieser Runde ist Annette ein gern gesehener Gast.

Denn ihre Texte regen die Literaten zum Nachdenken und mitunter zu heftigen Diskussionen an. "Finster und unverständlich" seien die Schriften, sagen die einen. "Interessant", finden sie die anderen. Annette verfasst schlichte Texte und versteckt ihre Botschaften zwischen den Zeilen. Damit ist sie ihrer Zeit weit voraus. Kein Wunder also, dass ihr erster Gedichtband von 1838 floppt.

Trotz aller Kritik, trotz aller Misserfolge macht die Droste weiter und vollendet vier Jahre später "Die Judenbuche", ihr wohl bekanntestes Werk. Schauplatz dieses Romans ist ein friedliches Dörflein. Doch wer genauer hinsieht, erlebt, wie die Menschen dort mit allen Mitteln gegeneinander kämpfen. Wer hätte klarer darüber schreiben können als die ewig getriezte Droste?

Spätes Glück

Langsam beginnen immer mehr Leser, Annettes Ehrlichkeit zu schätzen. Der nächste Gedichtband bringt ihr immerhin so viel Geld und Anerkennung, dass sie sich ein Häuschen leisten kann, am sonnigen Bodensee, wo sie die wohl glücklichsten Zeiten ihres Lebens verbringt. Endlich bestimmt sie selbst, wie sie leben will.

Leider macht ihr zusehends die Gesundheit Probleme: Annette leidet ständig an Husten und sieht so schlecht, dass ihre Nase beim Schreiben das Papier berührt. Sie stirbt 1848, mit gerade einmal 51 Jahren. Kurz zuvor hatte sie in einem Brief notiert: "Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden." Dieser Wunsch zumindest ging in Erfüllung!

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