Psychologie Warum wir uns immer wieder herausreden

Ein verhauenes Diktat? Der Lehrer ist schuld. Das Fußballspiel verloren? Der Trainer war nicht gut. Miese Laune? Liegt am miesen Wetter, na klar. In unangenehmen Situationen zeigen wir Menschen schnell auf andere - und haben überhaupt oft so manche Ausrede parat. Warum eigentlich?
Ausreden

Ich kann nix dafür!

Hätte ich nur ein bisschen mehr Zeit gehabt. Dann stünde hier ganz sicher ein sensationell guter Anfang für diesen Text. Aber, ach: Ständig klingelte das Telefon. Und – pling, pling, pling – trudelten E-Mails ein. Der Rechner zickte, und dann all diese Konferenzen. Wie sollte ich mich da nur konzentrieren? Ich kann also wirklich nichts dafür, dass der Einstieg etwas lahmt… Versteht ihr doch, oder?

Na, gut. Ehrlich gesagt: Ich saß Stunden vorm Computer, und mir ist nichts eingefallen. In den Konferenzen habe ich mich herausgeredet, Gründe vorgeschoben, warum der Text noch nicht da ist – und plötzlich gemerkt: Ich stecke schon ganz tief drin im Thema – Ausreden.

Ausreden nehmen zu, seit es Handys gibt

Es scheint wohl ein menschliches Bedürfnis zu sein, die Schuld erst einmal woanders hinzuschieben. Er war’s, sie war’s – aber ich kann nix dafür! Einen Fehler zugeben? Oft fürchten wir, dass uns das eher Ablehnung denn Wohlwollen einbringt. Also biegen wir uns die Wahrheit zurecht und machen uns das Leben auf diese Weise ein bisschen bequemer. Denn Ausreden vermeiden Konflikte oder lästige Nachfragen.

Wer zu spät zum Unterricht erscheint, murmelt beim Betreten des Klassenraums eher: "Der Bus stand im Stau!" statt: "Ich hatte keine Lust aufzustehen und habe mich noch mal genüsslich in die Kissen geworfen." Wer zu einem Geburtstag eingeladen wird, zu dem er nicht gehen möchte, sagt lieber: "Schade, ich kann nicht, ich muss meiner Oma bei der Gartenarbeit helfen – hab ich fest versprochen!" statt: "Du, ich habe keinen Bock auf dich und deine blöde Feier."

Tatsächlich werten Psychologen Ausflüchte dieser Art als wichtiges "Schmiermittel" zwischen Menschen. Die Wahrheit würde das Geburtstagskind ziemlich sicher verletzten – die kleine Notlüge schont es dagegen.

Eine Studie belegt übrigens, dass Ausreden zugenommen haben, seit es Handys und das Internet gibt. In eine Nachricht verpackt, fallen uns Ausflüchte ganz offensichtlich leichter. Wohl auch, weil man seinem Gegenüber beim "Ausreden" nicht die Augen sehen muss… Zudem erscheint die Lüge kleiner, passt sie doch in eine winzige Kurznachricht.

Und ihr so?

In welchen Situationen habt ihr euch schon herausgeredet? Schickt uns eure lustigsten und kreativsten Ausreden an briefe@geolino.de

Aus einem "Mach ich gleich" wird fix ein "Mach ich später"

Bisweilen also können wir uns mit kreativen Ausflüchten prima aus unangenehmen Situationen winden oder mindestens Zeit gewinnen. Manch einer schießt beim Verbiegen der Wahrheit allerdings weit über das Ziel hinaus, Verkehrssünder zum Beispiel. Sie tischen Polizeibeamten oder Mitarbeitern der Bußgeldstellen gern völligen Quatsch auf.

Ein Fahrer, der mit 171 Kilometer pro Stunde unterwegs war statt mit 100, merkte etwa an: "Ich wollte mein frisch gewaschenes Auto im Fahrtwind trocknen." Ein anderer, der mit Mobiltelefon am Ohr erwischt wurde, sagte aus: "Ich habe das Handy nicht zum Telefonieren benutzt – sondern als Wärmeakku gegen Ohrenschmerzen."

Doch zugegeben, nicht nur andere, auch uns selbst reden wir bisweilen so manche Ausrede ein. Wenn wir Anstrengendes wie Joggen oder Unangenehmes wie Mathe-Hausaufgaben oder gar ein handfestes Problem wie ein wichtiges Gespräch vor uns herschieben. Aus einem "Mach ich gleich" wird fix ein "Mach ich bald", ein "Mach ich später"… und schließlich ein "Es geht halt einfach nicht." Aber das ist die wohl faulste Ausrede der Welt!

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