GEOlino extra: Herr Gabriel, was macht der Rat der Europäischen Union?
Sigmar Gabriel: Der Rat der EU beschließt gemeinsam mit dem Parlament Gesetze und sagt, wofür die EU ihr Geld ausgeben darf. Genau genommen, gibt es aber nicht nur einen, sondern eine ganze Menge Räte: Geht es um Umwelt, treffen sich die Umweltminister, geht es um Außenpolitik, sitzen wir Außenminister zusammen. Das ist wie in der Schule: Es gibt verschiedene Fächer und in den Fachkonferenzen treffen sich alle Deutsch¬lehrer, alle Mathelehrer und so weiter.
Um welche Themen geht es für die europäischen Außenminister?
Bei unseren Treffen, die einmal im Monat stattfinden, geht es vor allem um die Beziehung zwischen der EU und anderen Teilen der Welt. Es geht also auch um die Lösung von Kriegen und Konflikten und darum, das Elend in der Welt weniger werden zu lassen.
Ich muss mir fast wünschen, dass meine Arbeit wieder ein bisschen langweiliger wird, weil es in der Welt gerade ziemlich turbulent zugeht. Zurzeit sprechen wir im Rat der EU zum Beispiel viel darüber, wie wir mit den Menschen umgehen, die aus dem afrikanischen Land Libyen nach Europa fliehen. Dort herrscht Krieg und die Menschen fürchten um ihr Leben.
Das sind ganz schön harte Themen…
Natürlich und es ist schwierig, sich zu einigen. Während es in Deutschland und in anderen Ländern wie etwa Schweden klar ist, dass man Menschen in Not helfen muss, gibt es Mitgliedsländer, die sagen: Nein, Flüchtlinge haben bei uns nichts verloren. Das sind riesige Unterschiede, und zueinander zu finden ist schwierig.
Streiten Sie dann auch mal heftig miteinander?
Die allermeisten Gespräche finden in einem ruhigen, sachlichen Tonfall statt. Aber gerade bei einem Thema wie den Flüchtlingen geht es schon auch mal zur Sache. Schließlich müssen die Menschen zurück ins Elend und in den Krieg, wenn wir ihnen nicht helfen. Das können wir nicht wollen.
Ist es denn nicht schwer, bei so harten Themen im Arbeitsalltag abzuschalten, wenn Sie nach Hause kommen?
Also manche Sachen kann ich nicht abschütteln. Vor einiger Zeit war ich zum Beispiel im afrikanischen Land Somalia, wo schon viele Jahre Bürgerkrieg herrscht. Dort habe ich ein Flüchtlingslager besucht, um herauszufinden wie man helfen kann. Da habe ich gesehen, dass die Menschen im Schlamm hausen und es keine Ärzte oder Medikamente gibt.
Das kann ich nicht einfach so hinter mir lassen. Wir Politiker sind ja keine Maschinen. Ich habe selbst drei Töchter, da denkt man sofort an die eigenen Kinder und weiß wie glücklich wir sein können, in einem so friedlichen Teil der Welt zu leben.
Hat ein wohlhabendes Land wie Deutschland eine besondere Rolle im Europäischen Rat?
In der Europäischen Union sind grundsätzlich alle Länder gleich, egal ob klein oder groß. Deutschland hat aber eine große Verantwortung, denn wir sind ein sehr stabiles Land: In Deutschland herrscht Frieden, die meisten Menschen haben Arbeit und es gibt eine funktionierende Regierung, die die Menschen selbst wählen dürfen. Deshalb sind wir auch ein Stabilitätsanker für andere Länder.
Das müssen Sie erklären!
Auf meinen Reisen merke ich, dass die Menschen – nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt – sehr auf Deutschland vertrauen. Wir gelten als ein Land, das neben seinen eigenen Interessen auch Rücksicht auf andere Länder nimmt. Wir haben den Ruf, ein Land zu sein, das im Ernstfall eher mal die eigenen Interessen zurückstellt, wenn es dem Allgemeinwohl nutzt. Ich finde, das ist ein schöner Ruf!
Treffen Sie sich eigentlich auch privat mit den Ministern der anderen EU-Länder?
Hin und wieder entstehen tatsächlich Freundschaften bei der Arbeit: Wir besuchen uns zum Beispiel auch mal gegenseitig zu Hause, wenn Zeit dafür ist. Als der französische Außenminister und seine Frau letztens zu uns kamen, übte meine fünfjährige Tochter vorher tagelang eifrig "Bonjour", das französische Wort für Hallo, weil sie die beiden in ihrer Sprache begrüßen wollte.