Wattwanderung (Annika Brieber, 15 Jahre)

Es herrschte Ebbe. Klammheimlich hatte sich das Meer bis zu den fernen Felsenriffen zurückgezogen und glänzte als schmaler Silberstreif im verwaschenen Licht der Oktobersonne. Möwen hingen sichelförmig im ausgeblichenen Himmel, stumm, aber spannungsgeladen, als erspähten sie hinterm Horizont einen heranjagenden Sturm. Sie waren auf dem Weg nach Hause, ihr Schulweg führte am Strand entlang. Finn ließ den Blick über die endlos weite Fläche schweifen. Er liebte das Watt. Ihm war, als betrachtete er ein altes Foto, so zeitlos und still und fremd kam ihm die öde Landschaft vor, eine eigene Welt aus Silber und dunklen Schattenrissen. Irgendwann entdeckte er inmitten all dem metallischen Glanz einen grauen Fleck, und er stutzte. Dieser Fleck gehörte nicht dorthin.

Auch Lasse schien ihn bemerkt zu haben, er blieb stehen und kniff die Augen zusammen. So starrten sie eine Weile über die gleißende Schlammwüste, bis Finn seinem jüngeren Bruder schließlich ein Zeichen gab, und gemeinsam schlüpften sie aus den Schuhen und stapften barfuß aufs Watt hinaus.

Ein Schauer lief Finn über den Rücken, als der kühle Schlamm zwischen seinen Zehen hervorquoll. Er schaute zurück und verfolgte mit den Augen den geschwungenen Pfad ihrer Fußabdrücke, die sich langsam mit Wasser füllten.

Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto schärfer wurden die Konturen, und eine vage Vermutung verwandelte sich in schreckliche Gewissheit: Dort lag ein Mensch! Wie auf ein stummes Kommando hin begannen sie gleichzeitig zu rennen.

Als sie sich schließlich keuchend über die Gestalt beugten, erkannte Finn entsetzt, dass es ein Mädchen war, kaum älter als er selbst, mit salzverkrustetem Haar und einer sehr blassen Haut. Nur das matte Zucken ihrer durchscheinenden Augenlider verriet, dass sie noch lebte. Finn hörte, wie Lasse neben ihm einen erstickten Schrei ausstieß. Wie sollte er den kleinen Bruder nur beruhigen, wo er doch selber –

Weiter kam er nicht. Sein Blick fiel auf blanke Schuppen, in denen sich der Himmel spiegelte, einen kräftigen Fischschwanz, faltige Schwimmhäute zwischen schlanken Fingern. Nach Luft schnappend wich er zurück. Genau so hatte er sich eine Nixe immer vorgestellt.

In den nächsten Minuten nahm Finn alles wie durch einen trüben Schleier wahr. Erst als sie die schroffen Felsen passierten, die im seichten Wasser lagen wie gestrandete Wale, und er salzige Gischt im Gesicht spürte, kam er wieder zu sich. Schlaff und reglos hing das fremde Wesen zwischen ihm und Lasse, die hauchzarte Schwanzflosse starrend vor grauem Schmutz. Schließlich ließen sie es auf einen flachen Stein sinken und begannen, mit zittrigen Händen Meerwasser auf den Hals der Gestalt zu schöpfen, wo die einzelnen Tropfen in seltsam gleichmäßigen Bögen verharrten, blitzende Perlen auf der weißen Haut. Einen Wimpernschlag später waren sie verschwunden. Die sich schmatzend öffnenden Kiemen wirkten so fremdartig unter dem menschlichen Gesicht.

Die Wirkung zeigte sich sofort. Ein Beben durchlief den zuvor so leblosen Körper, und im nächsten Moment schlug das Wesen die Augen auf. Sein Blick traf Finn bis ins Mark. Die Augen der Nixe glommen wie ein versunkener Schatz, wunderschön und unendlich geheimnisvoll. Ihm war, als hätte gerade jemand zwei Fenster oder Türen aufgestoßen, durch die das silbrige Licht fremder Sterne hereinsickerte.

Die Zeit stand still, während dieser einzigartige Augenblick ihn gefangen hielt. Dann gab es einen gedämpften Platsch, winzige Tröpfchen berührten Finns nackten Arm, und das magische Tor schloss sich mit dem dunklen Wasser, das über einem verschwommenen Schatten zusammenschlug.

Ein frischer Wind kam auf. Schweigend beobachteten die Brüder die Wellen, die leise murmelnd den leeren Felsen überspülten. Erst als ganz in der Nähe ein Seevogel klagend schrie, konnte sich Finn von diesem Anblick losreißen, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück zum Strand, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft und hartnäckig verfolgt von der einsetzenden Flut.

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