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Kaltes Wasser (Clara Lohss, 13 Jahre)

Als ich nach Hause kam, wusste ich: Irgendetwas stimmte nicht. Dienstags war niemand da.

Und doch war da diese geheimnisvolle Musik …

Als ich ins Wohnzimmer kam, sprang mir sofort der blinkende CD-Player ins Auge.

Aber da war noch etwas ...

Im Bad lief der Wasserhahn. Voll aufgedreht, eiskalt.

"He, du da!"

Ich saß auf meinem Bett und versuchte, mich nicht zu bewegen, meine Augen wanderten vorsichtig vom Schrank zum Schreibtisch. Von wo war die Stimme gekommen?

"KALT! Uiih, brrr, Kälteschock!"

Meine Angst legte sich, als mir klar wurde, dass sich jemand gehörig über mich lustig machte.

"Wärmer, ja, mmh, lauer Morgenwind, ach!", seufzte die Stimme.

Ich war mit meinen Augen die Wand hochgewandert, als ich innehielt. Lächelnd schloss ich die Augen.

"He, was- ?

Also gut! Ein kleiner Tipp: Leg dich einfach auf den Rücken, denn:

Schau mal hin, hör mal her,

schau mal her, hör mal hin,

erst wenn du mich sehen kannst,

erfährst du, wo und wer ich bin!", dichtete die Stimme.

Natürlich siegte die Neugier.

Im Liegen war es nicht zu übersehen. Der Körper des Wesens bestand eigentlich nur aus einem mit blauem Zottelfell bedeckten Kopf, an den jegliche Körperteile anschlossen:

Beine, Arme und der Schwanz, mit dem es sich an der Lampe festhielt.

"Du bist mit Abstand der komischste Vogel, der mir je begegnet ist", staunte ich.

"Vogel?", empörte es sich,

"Ich bin Magistrus, magischer Magister = Lehrer. Lass uns auf die Reise gehen!"

"Auf die Reise gehen? Wohin denn?"

"Wohin denn, wohin denn! In magische Traumwelten, Fantasiewelten, Wunderwelten!", erwiderte Magistrus ungeduldig.

"Aber wo liegen diese Wunderwelten?"

"Naja, praktisch überall! In Verstecken und in Ecken kannst du sie mit Glück entdecken. Komm beispielsweise zu mir hoch!"

"An die Decke, meinst du?"

"Für mich ist das der Boden.

Musst die Dinge auch mal drehen,

dann erst kannst du sie verstehen."

"Wie komm' ich denn…?"

"Einfach hoch laufen."

"Aber…"

"Was?"

Ich antwortete nicht. Langsam setzte ich den einen Fuß an die Wand, dann den zweiten.

Zugegeben: Ich hatte es noch nie ausprobiert, woher also sollte ich wissen, dass es nicht funktionierte? Jedenfalls klappte es. Trotzdem war es Wahnsinn. Das seltsame war: Nicht ich drehte mich um 90°, die Welt schien sich zu drehen: Die Lampe zeigte zur Seite, der Schrank lag auf dem Boden und das Bett lehnte an der Wand. Nach der zweiten Drehung zeigte die Lampe senkrecht nach oben. Der Boden war weiß und kahl, dafür war die Decke mit Möbeln geschmückt.

Der Fenstersims lag zu tief, die Türschwelle dagegen viel zu hoch.

"Und jetzt?"

"Tür auf!"

"Was wollen wir denn im Bad?"

"Jeden Tag öffnen etliche Menschen etliche Türen, ohne im Geringsten darüber nachzudenken. Man weiß nie sicher, was man hinter einer Tür vorfindet."

Zögernd ging ich auf die Tür zu, kletterte auf die Schwelle und öffnete sie. Vor uns erstreckte sich ein langer Gang, links und rechts von Türen gesäumt. "Friede, Freude, Eierkuchen, ich versteck mich, du musst suchen!", reimte Magistrus schnell - und war verschwunden.

"He, komm zurück!"

Ratlos ging ich den Gang entlang. So viele Türen …

Der erste Raum war voller Musik. Während ich die fünf Notenlinien entlang rutschte, flog ein Kreuzvorzeichen vorbei, weiter unten unterhielten sich Bass- und Violinschlüssel. Zwei

Sechszehntel hatten es sehr eilig, eine halbe Note ging gemütlich spazieren.

Hinter der nächsten Tür warteten weiche Wolken auf mich. Seufzend legte ich mich hinein. Ich öffnete eine dritte Tür und sah – mich selbst! Erst, als ich genauer hinsah, erkannte ich die vielen Spiegelreihen. Kein Zweifel – ich war in einem Spiegelkabinett gelandet.

"Magistrus!"

Als ich ihn berühren wollte, stieß ich gegen einen Spiegel.

"Wo bist du?"

"Ich muss weg", sagte er leise.

"Werde ich dich wiedersehen?"

Er gab keine Antwort.

"Ich muss weg", hallte es ganz leise, dann war das Echo verklungen – und mit ihm verschwand Magistrus.

Ich schloss die Augen – und öffnete sie wieder. Sie leuchteten mir im Badezimmerspiegel entgegen.

Der Wasserhahn lief.

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