Schattenspiel

Ein Theater in Kambodscha stellt alles in den Schatten! Das muss es auch, schließlich ist es ein Schattentheater. Kein Wunder also, dass sich seine "Hauptdarsteller" bei jeder Aufführung hinter einem weißen Tuch verstecken…

Das GEOlino-Theaterstück: "Der Prinz, der Bettelknabe und der Tiger"

Poï und Pok

Ärgerlich ist das! Da hatte Bauer Poï gehofft, zum großen Helden zu werden, und dann kommt ihm Pok in die Quere. Dessen Büffel ist genauso stark wie der von Poï, der Krummsäbel ebenso scharf. "Zwei Bauern, das ist einer zu viel", wütet Poï. "Lass uns kämpfen! Bauer gegen Bauer – der Stärkere darf bleiben." Mit lautem Geschrei stürmen die beiden Dickköpfe aufeinander los, die Säbel klirren, die Büffel stampfen. Zum Glück wird dabei niemand verletzt, nicht wirklich jedenfalls. Denn Poï und Pok fechten einen Schattenkampf aus.

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Die Schattenfiguren werden aus zartem Büffelleder ausgestanzt

Auf dem weißen Tuch, das über die Bühne gespannt ist, zeichnen sich nur die Umrisse der beiden Streithähne ab. Die Bauern sind Puppen, Schattenpuppen eines Theaterstückes. Und erst Puppenmacher Meah Sarin erweckt sie zum Leben. Einmal im Monat bringt er die lustige Geschichte der Bauerntölpel auf eine karge Bretterbühne in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh.

Aufführungen wie diese haben in Kambodscha und anderen Ländern Südostasiens Tradition: Schon seit Jahrhunderten lassen Künstler dort die Schattenpuppen tanzen. "Sbek Touch" heißt diese Art von Theater – mit lustigen Vorstellungen im Programm.

Andere Theater in Kambodscha bringen auch ernste Geschichten auf die Bühne. Manche davon dienten und dienen der "Erziehung" der Zuschauer. Selbst heute noch leiten viele Menschen in Asien aus den alten Stücken ab, was "sich gehört", was peinlich oder gar verwerflich ist. Von Poï und Pok lernen sie zwar kein gutes Benehmen, trotzdem kennt jedes Kind in Kambodscha die Geschichten der beiden Tollpatsche, ihre Kämpfe und Kabbeleien. Denn Poï und Pok sind dort ähnlich berühmt wie hierzulande Max und Moritz.

Theater für die ganze Familie

Monat für Monat versammeln sich darum Familien vom Enkel bis zur Großmutter unter dem mit Reisstroh gedeckten Dach des Theaters. Begleitet wird die Aufführung vom "Pin Peat", einem Mini-Orchester, bestehend aus Oboe, Gong, Xylophon und Trommel, das den Raum mit klirrenden Klängen erfüllt.

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Schon Kinder lernen in Kambodscha, mit den Puppen zu spielen

Immer wieder wird die Melodie von gellendem Geschrei unterbrochen: "Uiii!" Das waren Poï und Pok! Oder besser: Meah Sarin und sein Assistent Kimhan. Versteckt hinter einer Holzwand, leihen sie den Rabauken ihre Stimmen. Neugierige Gäste spähen nach der Vorstellung oftmals hinter den Vorgang – und werden dabei erst einmal von einer Glühlampe geblendet. Es ist die "Sonne", die im Theaterstück über den Köpfen der Bauern scheint. Ohne ihr Licht gäbe es erst gar keine Schatten. Die beiden Rüpel selbst sind in Wirklichkeit übrigens ganz zarte Wesen. Dickwanst Poï ist ebenso wie Pok flach wie eine Flunder! Denn die Körper der Figuren bestehen aus hauchdünnem Büffelleder, ihre Wampen wölben sich nur in der Seitenansicht. An allen Gliedmaßen stecken lange Bambusstöcke. Wie Angelruten liegen diese in den Händen der Puppenspieler, die Poï und Pok durch die Geschichte führen.

Die Figuren stellt Meah Sarin selbst her, und zwar nach einer uralten Tradition. "Dafür kaufe ich erst einmal Büffelhaut auf dem Markt", erzählt er. "Dann fertige ich ein Papiermodell der Figuren an, das ich auf das Leder lege. Schließlich stanze ich die Formen mit Meißel und Hammer aus." Und verletzen sich die platten Bauern bei ihren wilden Schattenkämpfen – kein Problem! Meah Sarin heilt sie mit ein paar Handgriffen in seiner Werkstatt.

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