GEOlino Nr. 09/12 - Hingucker: tolle Tieraugen in Nahaufnahme

Fotogalerie: Seeschwalben

Küstenseeschwalben, wissenschaftlich Sterna paradisaea, sind kleine Möwenvögel. Ihre Markenzeichen: gegabelter Schwanz und knallroter Schnabel. Sie wiegen kaum mehr als eine Tafel Schokolade, doch sie sind echte Sportskanonen. Kein anderer Zugvogel fliegt so weit wie die Küstenseeschwalbe - Jahr für Jahr rund 42.000 Kilometer, also ein Mal um die ganze Erde! Viele von ihnen werden älter als 20 Jahre (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino) Unterwegs nach Nordstrandischmoor: Dank der ratternden Lorenbahn - einer Art offenen Holzkiste auf Rädern - gelangen Biologe Veit Hennig (Mitte) und GEOlino-Reporterin Nicole Wehr (re.) völlig unabhängig von Ebbe und Flut auf die Hallig. Diese kleine, nicht eingedeichte Insel im schleswig-holsteinischen Wattenmeer ist die Heimat von Ruth Hartwig-Kruse (li.). Sie fährt die beiden und den Fotografen Solvin Zankl (kurz abgestiegen, um das Foto zu schießen) zu ihrem Untersuchungsobjekt: den Küstenseeschwalben (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino) Kaum ist Veit Hennig auf der Hallig angekommen, greift er zum Fernglas und lässt seinen Blick über die Salzwiesen schweifen. Diese Grünflächen werden regelmäßig überflutet. Sie bilden den natürlichen Übergang zwischen Meer und Land - und dienen vielen Küstenseeschwalben im Frühjahr als Brutstätte. Die Vögel siedeln sich bis zum Spätsommer in Gruppen - Kolonien genannt - hier an. Eine solche beobachtet Veit Hennig gerade, bevor er mit der Nachwuchs-Suche beginnt (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino) Forschung braucht Fakten: Sobald Veit Hennig ein Vogelnest entdeckt hat, bestimmt er mit seinem GPS-Gerät die genaue Position. So kann er die Gelege später wiederfinden und berechnen, wie dicht sie aneinander liegen. Seine Daten sammelt der Biologe von April bis August wöchentlich mit rund 20 Helfern an 15 verschiedenen Orten entlang der Nordseeküste - seit 14 Jahren schon. Hennig will mehr über die Lebensumstände der Seeschwalben erfahren, um ihnen zu helfen. Denn ihr Bestand geht seit Jahren stark zurück (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino) Wer braucht schon Thermometer? Veit Hennig drückt ein Küstenseeschwalben-Ei an seine Lippen, um dessen Temperatur zu bestimmen. Die Haut am Mund ist nämlich besonders empfindlich. Frisch gelegte Eier sind halbwarm bis kühl. Je wärmer das Ei, desto stärker wurde es von seinen Eltern bebrütet. Kurz vor dem Schlüpfen wärmen sie es besonders gut, damit die Küken genug Kraft haben, um sich aus der Schale zu befreien (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino)
Frisch geschlüpft: Das Gefieder des Kükens ist noch ganz feucht. Küstenseeschwalben sind Bodenbrüter - ihre spärlich ausgebauten Nestmulden kann man leicht übersehen. Auch die grünlichen, braun gesprenkelten Eier sind gut getarnt. Deswegen muss Veit Hennig jeden Schritt mit Bedacht wählen. Er läuft in s-förmigen Bahnen über die Salzwiesen auf Hallig Nordstrandischmoor, damit die Elterntiere schnell mit ihren Jungen weiterkuscheln. Erst nach fünf Tagen können sich die Küken alleine warmhalten (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino) Wiegen für die Wissenschaft: Wenn Veit Hennig ein Küken entdeckt hat, stellt er es zuerst auf die Waage. Das Gewicht gibt ihm Auskunft darüber, wie gut es der kleinen Küstenseeschwalbe geht - je schwerer, desto besser. Diese hier wiegt 25,9 Gramm. Der Biologe notiert die Zahl sofort in seinem Heft, genauso wie ... (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino) ... den Abstand zwischen Hinterkopf und Schnabelspitze: 40,5 Millimeter. Mit seinem Mess-Schieber kann er diese "Kopf-Schnabellänge" ganz genau erfassen. Auch die Länge der Füße misst er damit. Daraus kann Veit Hennig das Alter und die künftige Größe der Küstenseeschwalbe errechnen (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino) Ist das Küken schon groß genug, klemmt Veit Hennig ihnen vorsichtig einen Ring mit einer Nummer ans Bein - in geraden Jahren rechts, in ungeraden links. Diese Nummern werden in so genannten Beringungstabellen gesammelt und von den deutschen Vogelwarten verwaltet. Das sind Einrichtungen, die den Bestand der Wildvögel in Deutschland überwachen (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino) Lecker, aber leider zu groß: Dieser Stint passt nicht in den Schnabel der kleinen Küstenseeschwalbe. Ein Problem, das mit der Veränderung unseres Klimas zusammenhängt - denn die Nordsee ist heute im Schnitt zwei Grad Celsius wärmer, als sie es noch vor zehn Jahren war. Deswegen laichen die Fische, nach denen die Seeschwalben jagen, weiter nördlich. Wenn die Jungfische an der Nordseeküste ankommen, sind sie schon so groß, dass die Schwalbenküken sie nicht mehr fressen können (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino)
Frühschicht im Schlick: Auch zwei Wochen nach dem Vermessen der Küstenseeschwalben ist Veit Hennig wieder für die Vögel an der Nordseeküste unterwegs - dieses Mal auf Hallig Hooge. Kurz nach Sonnenaufgang stapft er los, um in einem der Priele - das sind natürliche Wasserläufe im Watt - ein Netz aufzustellen. Damit will er die Fische fangen, die den Schwalben als Nahrung dienen. Nach einer halben Stunde steht das rund 120 Kilogramm schwere Netz (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino) Als Veit Hennig das Netz beim nächsten Niedrigwasser leert, ist er enttäuscht von der bescheidenen Ausbeute - gerade mal 120 kleine Fische hat er zwischen all den Algen gefunden. Auf seiner Hand liegen drei typische Futtertiere der Küstenseeschwalben: ein Stichling, eine Sandgrundel und eine Scholle (v.l.n.r.). Weil es in den Vortagen so heftig gestürmt hat, sind viele Fische draußen im offenen Meer geblieben (Foto von: Solvin Zankl und Michael Schindel für GEOlino)

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