Geruchsforschung Warum jeder Mensch anders riecht - und warum wir das Riechen üben müssen

Über unseren Atem strömen jede Sekunde Düfte durch unsere Nase. Oft unbewusst liefern sie uns zahlreiche Informationen über unsere Umgebung und unsere Mitmenschen, verrät Hanns Hatt. Er ist Deutschlands bekanntester Geruchsforscher
Geruchsforschung

GEOlino: Herr Hatt, haben Sie einen besonders guten Riecher?

Hans Hatt: Gar nicht! Meine Nase ist nicht so wahnsinnig gut. Die Leute sagen mir zwar immer: Mensch, was du alles riechen kannst! Dabei lenke ich nur viel Aufmerksamkeit darauf. Wenn ich ein Zimmer betrete, nehme ich zuerst wahr, wie es dort riecht. Genauso, wenn mir jemand im Zug begegnet: Ich gucke nicht nur auf seine Kleidung, sondern achte auch auf seinen Geruch.

Warum ist es denn wichtig, wie jemand duftet?

Der Geruch sagt viel über uns aus. Ob ich jemanden riechen kann oder nicht, ist nicht nur ein Sprichwort. Unsere Gene bestimmen, welchen Duft wir haben, und weil jeder Mensch unterschiedliche Gene hat, hat auch jeder seinen eigenen Geruch. Bei der Partnerwahl beeinflusst uns der Körpergeruch des anderen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass wir jemanden bevorzugen, der genetisch möglichst verschieden von uns ist.

Und auch beim Schließen von Freundschaften spielt die Nase eine Rolle. Ob ich jemanden sympathisch finde oder nicht, hängt auch davon ab, wie er riecht. Das wird aber natürlich auch davon beeinflusst, was jemand isst, welches Parfüm oder Deo er benutzt, ob er sich wäscht oder nicht.

Und wenn ich keine feine Nase habe, kann ich Riechen üben?

Riechen muss man sogar üben! Es ist so schade, dass wir in der Schule nur Sing- und Zeichenstunden haben. Bei mir hat das gar nichts gebracht – ich hätte lieber Riechunterricht gehabt. Denn im Grunde haben wir alle biologisch die gleichen Voraussetzungen. Ein Parfümeur übt jeden Tag zwei bis drei Stunden zu riechen, und umso besser kann er es auch.

Ändert sich der Geruchssinn denn im Laufe des Lebens?

Das Riechen nimmt im Alter genauso ab wie das Sehen und Hören. Keiner wundert sich, dass er eine Brille braucht oder ein Hörgerät, aber nur die wenigsten kommen auf die Idee, dass ihnen auch eine Riechhilfe gut stünde. Kinder dagegen riechen wahnsinnig gut. Sie müssen aber üben, verschiedene Gerüche zuzuordnen. Denn es ist ja ein Unterschied, ob ich Düfte rieche oder ob sie auch wiedererkenne.

Warum ist es denn im Alltag wichtig, gut riechen zu können?

Gerüche umgeben uns überall. Es gibt keinen duftfreien Raum, keinen Moment im Leben ohne Duftmoleküle, die in der Luft herumschwirren und uns über alles Mögliche informieren. Und wir haben einen entscheidenden Vorteil, wenn wir

Der wäre?

Mit Düften werden wir Menschen in einer Tour manipuliert. Wenn es am Obststand himmlisch nach Orange riecht, greife ich auch gern mal zu. Das nutzen etwa Supermärkte und versprühen künstlichen Duft.

Und wie entscheidet mein Gehirn, ob etwas gut riecht oder stinkt?

Jedes Duftmolekül, das beim Einatmen in die Nase gelangt, wird im Gehirn zusammen mit der Stimmung abgespeichert, in der ich in dem Moment bin. Jeder Duft bekommt also einen Stempel: War ich gut drauf, einen guten, habe ich in dem Moment etwas Schlechtes erlebt, speichere ich ihn negativ ab. Deshalb empfindet der eine Weihnachtsduft als himmlisch, weil es bei ihm zu Hause immer wunderbar gemütlich ist in der Weihnachtszeit. Und der andere ist an Weihnachten immer enttäuscht und frustriert, weil er sich nur mit den Eltern zofft und nichts geschenkt bekommt.

Dementsprechend kann er dann auch Zimt und Nelken nicht gut riechen. Da kommt dann wieder das Training ins Spiel: Wenn ich untrainiert bin und nicht aktiv darauf achte, was ich wann rieche, habe ich keine Ahnung, warum mir Weihnachtsduft schlechte Laune macht.

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Aber den Geruch nach Schweiß zum Beispiel finden doch die meisten eher eklig. Verbinden wir also alle ein negatives Erlebnis damit?

Nein, nicht unbedingt. Denn was uns stinkt oder nicht, entscheidet auch unsere Erziehung. Wenn die Mutter sagt: „Pfui Teufel, du riechst nach Schweiß, jetzt wasch dich mal, das ist ja eklig!“, dann führt das dazu, dass wir Schweiß unangenehm finden – denn so haben wir es gelernt. Hätte die Mutter gesagt: „Du duftest ja wunderbar nach Schweiß! Himmlisch!“, würden wir den Geruch ganz anders wahrnehmen.

Es gibt aber auch einige wenige Düfte, die man Pheromone (chemische Botenstoffe, die Mensch und Tier vor allem über die Schweißdrüsen abgeben. Die Lockstoffe werden unbewusst wahrgenommen und lösen innerhalb einer Art eine fest im Gehirn verankerte Reaktion aus) nennt, auf die alle Menschen, unabhängig von Erfahrung und Erziehung, gleich reagieren.

Angstschweiß versprüht zum Beispiel einen Geruch, der eine fest im Gehirn verankerte Reaktion auslöst. Darauf reagieren wir alle mit ein bisschen Angst, aber vor allem auch mit Einfühlungsvermögen und Aufmerksamkeit.

Können Sie noch ein Beispiel nennen?

Ein anderer Duftstoff, den wir in der Forschung entdeckt haben, ist das Hedion. Wenn ich das rieche, vertraue ich meinem Gegenüber mehr. Von diesen Pheromonen gibt es beim Menschen aber insgesamt nur weniger als zehn. Im Tierreich ist das anders. Bei einer Maus etwa sind es Hunderte.

Ganz schön raffiniert. Haben Sie eigentlich einen Lieblingsduft?

Um ehrlich zu sein: alles, was mit Essen zu tun hat! Vor allem Gewürze wie Rosmarin oder Basilikum, die liebe ich sehr. Darum steht mein Balkon auch voll davon.

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