VG-Wort Pixel

Exstinctio Anima (Moira Frank, 15 Jahre)

"Was machst du da?"

Mhel zuckte zusammen, als er sich umdrehte.

"Nichts", behauptete sie. Die linke Hand hielt sie hinter dem Rücken verborgen.

Nicola runzelte die Stirn. "Was hast du da in der Hand?"

"Nichts."

"Ich nehme es dir nicht weg."

Nach kurzem, misstrauischem Zögern nahm Mhel die Hand hinter dem Rücken hervor und zeigte Nicola ein kleines, verziertes Fläschchen mit einem Stöpsel aus blassem Glas. Es schien leer zu sein.

"Wo hast du das her, Mhel?"

"Es ist meins." Trotz furchte ihre Stirn. "Es war ganz verstaubt, und wenn es keiner will, ist es meins."

"Gut, behalt es meinetwegen." Nicola seufzte und drehte sich wieder um, schlug eines der Bücher auf, das er aus dem Regal gezogen hatte, Magische Bannkreise und Portale, eine Enzyklopädie.

"Daemoen will wissen, ob du Bannzauber kennst", sagte Mhel in die Stille.

"Mhel, lass mich le-" Er sah auf. "Daemoen?"

Sie starrte verzückt zur Treppe. "Er", sagte sie.

Die Leere des Raumes gähnte sie an.

Nicola schüttelte den Kopf. "Mhel, lass den Unsinn."

Er hatte sich gerade gereizt wieder dem Buch zugewandt, als ein Flackern durch die Leuchtröhren an den Decken ging und plötzlich alles in Dunkelheit lag. Nicola fluchte leise.

"Das war ich nicht. Das war Wjatscheslaw", rechtfertigte Mhel sich.

Er drehte sich um. "Wja… wer?"

"Wjatscheslaw. Er hat das Licht ausgemacht", erklärte sie. "Jevgenij macht es gerade wieder an."

"Wovon redest du?", wiederholte er verwirrt und verärgert. "Schluss jetzt, Mhel."

"A-aber Jevgenij macht es wirklich wieder an!" Erneut deutete sie in den leeren Raum, und bei ihren letzten Worten kehrte mit einem leisen Knistern das Licht zurück in die Lampen.

"Siehst du?", triumphierte sie. "Wjatscheslaw ist ein Dunkler. Er ist ein Nachtgeist. Man kann ihn nicht sehen, aber man kann mit ihm reden. Eigentlich heißt er Wjatscheslaw Stescizjics, und er mag keine grellen Lampen. Jetzt macht er sie wieder aus."

Das Licht erlosch erneut.

Nicola spürte, wie eine Gänsehaut seine Arme überzog.

"Und dieser Jewgenney?", fragte er rau. Seine Hände begannen zu zittern.

"Er heißt Jevgenij. Er ist ein Zwielichtler." Sie lächelte versonnen. "Er ist auch unsichtbar."

Was redete sie da?

"Daemoen hat dich was gefragt", erinnerte Mhel ihn vorwurfsvoll. "Er ist ein gefallener Engel, sagt Wjatscheslaw. Er wurde verbannt, weil er die Welt zerstören will. Sein Geist ist da drin." Sie streckte die Hand mit dem Fläschchen aus und hielt sie ihm hin. Durch ihre Finger sickerte ein schwaches Leuchten. "Du musst es nehmen, dann kannst du mit ihm reden."

Nicola trat einen Schritt zurück.

"Er kommt von allein", stellte Mhel fest und lächelte. In ihre Augen kroch das Glühen, das in der Flasche heller und heller wurde, durch ihre Finger strahlte, ihr Gesicht zu einer grotesken Maske werden ließ. Ein plötzlich aufkommender Wind wirbelte ihr das Haar aus dem Gesicht.

Nicola riss schützend den Arm hoch, als das Licht mit einem jähen Gleißen aufleuchtete und den ganzen Raum grell und blendend durchflutete.

Der fremde Mann, der aus dem Nichts trat, ging auf Mehl zu und legte mit einem Lächeln die Arme um sie. Raben stoben von seinen Schultern, wirbelnd inmitten pechschwarzer Federn und strahlendem Licht. Aus seinem Rücken wuchsen Schwingen. Nicola schrie. Der Fremde beugte sich zu Mhel, nahm sanft ihre Hand. Seine Stimme war dunkel und allgegenwärtig.

"Öffne das Portal, Mhel. Zerstöre das Licht, und ich bin endlich frei."

"MHEL!", brüllte Nicola rasend vor Entsetzen und Grauen, stolperte auf sie zu. "NEIN!" Sie hob den Blick.

Daemoens Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.

"MHEL!", schrie Nicola. Erreichte sie, packte ihren Arm, als die Raben niederstießen, mit Schnäbeln und Klauen nach ihm griffen. Federn stoben auf. "GIB ES MIR!"

"Zerstöre es!", zischte Daemoen.

Mhel riss sich aus seinem Griff, stolperte rückwärts und verlor das Gleichgewicht. Das Fläschchen flog ihr aus der Hand. Nicola spürte seine Finger das Glas streifen, sich für einen Moment darum schließen. Er fasste ins Licht. Ins Nichts.

Zurück zur Übersicht


Neu in GEOlino