Tschernobyl Der Tag der Katastrophe

Vor 25 Jahren explodiert in dem ukrainischen Ort Tschernobyl ein Atomreaktor. Helfer sterben, Zehntausende Menschen verlieren ihr Zuhause, und radioaktive Wolken treiben bis nach Deutschland. Seither fordern Gegner, Atomkraftwerke abzuschalten. Nach dem neuen Unglück im japanischen Kraftwerk Fukushima 1 könnte das Ende der Technik bei uns nun bevorstehen

Manchmal verändern wenige Momente die Welt. Eben ist noch alles in Ordnung, und eine Minute später ist alles kaputt.

Tschernobyl - 26. April 1986, 1.22 Uhr

Unter den Ingenieuren des Atomkraftwerks herrscht eine gespannte Stimmung. Mitten in der Nacht sind die Männer zusammengekommen, um einen wichtigen Test vorzunehmen: Eine Minute lang wollen sie im Reaktor den Strom abschalten, um zu sehen, wie der bei einem Störfall reagiert. Nach dieser Zeit soll das Notfall-System angesprungen sein. So der Plan. Doch es ist ein riskanter Versuch. Denn die Reaktion im Reaktor ist schwer zu bändigen: Hunderte von Brennstäben hängen dort - lange Röhren, die mit Uran gefüllt sind. Zwischen diesen Stäben flitzen winzige Teilchen, sogenannte Neutronen, herum. Sie treffen auf das Uran und lassen es zerfallen. Bei dieser Reaktion wird eine unvorstellbare Strahlung frei. Sie erhitzt das Wasser in dem Reaktor so sehr, dass man mit seiner Energie eine ganze Stadt versorgen kann! Und wenn der Strom ausfällt, wird das heiße Wasser eine Minute lang nicht richtig abtransportiert - das Höllenfeuer brennt fast unkontrolliert!

1.22 Uhr und 30 Sekunden

Als die Ingenieure den Versuch vorbereiten, ertönt aus dem Reaktor ein Klopfen. "Da stimmt etwas nicht. Wir sollten den Versuch abbrechen", sagt der Schichtleiter Alex­ander Akimov. Doch der leitende Ingenieur wiegelt ab: "In ein oder zwei Minuten ist alles vorbei. Etwas beweglicher, meine Herren!", sagt er leichthin. Ein verhängnisvoller Fehler. Um 1.23 Uhr startet er den Test. Innerhalb von Sekunden beginnt das Wasser zu brodeln und die Reaktion im Reaktor steigt sprunghaft an. Die Männer brauchen nur Augenblicke, um zu erkennen: Mist! Da geht etwas schief! Da geht tatsächlich etwas schief! Panisch drückt der Schichtleiter auf den Knopf für die Notabschaltung. Doch es ist zu spät. Die Notfall-Systeme funktionieren nicht mehr. Augenblicke später platzen die Wasserleitungen und gewaltige Ex­plosionen erschüttern den Reaktor. Sie schleudern den 1000 Tonnen schweren Deckel des Reaktors weg und zerreißen das Gebäude wie ein Papierhaus. Große Mengen radioaktiver Stoffe fliegen heraus. Wolken der strahlenden Teilchen treiben Tausende Kilometer nach Süd-, Nord- und Westeuropa.

Der Tag der Katastrophe

Der zerstörte Reaktorblock in Tschernobyl

Die Folgen

In den nächsten Tagen versuchen Tausende von Arbeitern und Soldaten, den Reaktor unter anderem mit Blei, Sand und Beton zuzuschütten. "Es war wie im Krieg", sagt ein Feuerwehrmann später. Viele der Helfer verbrennen sich durch die radioaktive Strahlung und sterben in den Wochen danach. Wie viele später Krebs bekommen, darüber streiten sich die Ex­perten noch heute. 50 000 Einwohner aus der Umgebung müssen Hals über Kopf ihre Häuser verlassen. Doch auch die Menschen in Westeuropa erschreckt das Unglück. Viele wollen die Technik nicht mehr. In Deutschland wird kein neues Atomkraftwerk mehr gebaut. Im Jahr 2000 einigt sich die Regierung mit den Betreibern der Kraftwerke, alle Anlagen bis zum Jahr 2022 abzuschalten.

März 2011

Der Schrecken ist verblasst. In Ländern wie Finnland oder China werden neue Atomkraftwerke gebaut, auch in Deutsch- land hat die Regierung die Laufzeiten der Anlagen verlängert. Fast scheint es, als ob die Technik einen Aufschwung erlebt – doch dann kommt wieder alles anders: Nach dem Erdbeben in Japan Mitte März geraten im Atomkraftwerk Fukushima 1 mehrere Reaktoren außer Kontrolle. 25 Jahre nach Tschernobyl eine neue Katastrophe.

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