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Lirijes Film über die Angst
Seit Lirije denken kann, lebt sie in Deutschland. Ursprünglich stammt die Zehnjährige aus dem Kosovo. Ihre größte Angst ist es, eines Tages zurück zumüssen in das Land im Südosten Europas – abgeschoben zu werden. Darüber hat Lirije einen Film gedreht
Lirije hebt beide Zeigefinger
in die Luft: "Ruhe am Set!
Aufnahme läuft! Und Action!",
ruft die Zehnjährige und
unterstreicht jeden Befehl mit den
Händen, als würde sie dirigieren.
Ihre dunklen Haare hüpfen dabei
nach vorn über die Schultern. Lirijes
Freundin marschiert los, direkt
auf die Kamera zu. "Schnitt", ruft
Lirije und stoppt die Aufnahme.
Das Mädchen ist eines von zehn
Kindern und Jugendlichen, die
bei dem UNICEF-Projekt "One
Minute" mitmachen.
Der Name ist Programm. Denn jeder dreht
einen Film, der am Ende genau
eine Minute lang ist. Das gemeinsame
Schicksal der Mädchen und
Jungen bestimmt das Thema: Die
Kinder gehören zur Volksgruppe
der Roma und leben alle mit der
Angst, Deutschland verlassen zu
müssen und in ihre Heimatländer
abgeschoben zu werden. Gegen
diese Angst filmen sie an.
"Ich bin schon als Baby nach Deutschland gekommen", erzählt
Lirije. Mit ihren Eltern und
den sechs Geschwistern lebt sie
in Bremen. "Wie es im Kosovo
ist, wo meine Familie ursprünglich
herkommt, weiß ich nicht."
Das zierliche Mädchen blickt zu Boden.
Lirijes Familie ist in Deutschland nur "geduldet". Das bedeutet, sie hat kein Recht, dauerhaft zu bleiben. Die Behörden können sie jederzeit zurückschicken in das Land im Südosten Europas.
Sicher, auch in Deutschland ist das Leben für Lirije nicht leicht. Die "Grohner Düne" etwa, die Wohnanlage, in der Lirije in Bremen lebt, besteht aus einem hellgrauen Klotz, teils 15 Stockwerke hoch. Hier bleibt nur, wer sich nichts anderes leisten kann. Lirijes Familie wohnt in einer Vierzimmerwohnung im Erdgeschoss. Die sieben Kinder teilen sich zwei Zimmer. Aber immerhin haben sie ein Dach über dem Kopf. "Wenn wir in den Kosovo gebracht würden, hätten wir kein Haus. Wir müssten auf dem Boden schlafen, da wäre nichts", sagt Lirije.
Die Angst vor der Abschiebung ist so groß, dass sie sich morgens sogar in die Schule quält. Ja, quält. Denn dorthin geht sie nicht gern. "Die anderen mobben mich, die Araber-Mädchen", sagt Lirije. "Wenn ich Süßigkeiten dabeihabe, tun sie so, als würden sie mit mir spielen. Und nachdem ich ihnen dann etwas abgegeben habe, beschimpfen sie mich wieder." Am liebsten würde Lirije deshalb überhaupt nicht mehr zur Schule gehen. "Aber ich habe gehört, wie meine Tante meiner Mutter gesagt hat, dass wir abgeschoben werden, wenn ich nicht hingehe."
Jeden Morgen ringt sie deshalb mit sich: hingehen und geärgert werden? Oder lieber umdrehen?
Von ihrem Schulweg handelt darum auch ihr Film. Er zeigt, wie Lirije mit ihrem großen, bunten Ranzen auf dem Rücken losläuft. Wie sie langsamer wird, stehen bleibt, umdreht. Ein paar Schritte zurückschlurft, mit den Achseln zuckt - und sich dann doch entscheidet, zur Schule zu gehen.
"Die Szene selbst zu spielen, ist cool. Aber mir macht es auch Spaß, bei den Filmen der anderen hinter der Kamera zu stehen", sagt Lirije. "Am besten ist, dass man uns auch im Kino sehen kann." Lirijes Film wurde nämlich im Frühjahr in einem Bremer Kino gezeigt!
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