Interview zu Marina Budhos Jugendroman "Es gibt uns doch!"

In ihrem Roman "Es gibt uns doch!" beschreibt Marina Budhos das Leben der 14-jährigen Nadira, die mit ihrer Familie illegal in den USA lebt. Wir haben die Autorin zu ihrem Buch und dem Thema "illegale Einwanderer" für euch interviewt
In diesem Artikel
How did you get in touch with "illegal immigration" the theme of your book?

Wie kamen Sie in Berührung mit dem Thema "Illegale Einwanderung", um das es in Ihrem Buch geht?

Ich hatte bereits früher ein Buch geschrieben, "Remix: Gespräche mit jugendlichen Einwanderern", da ich schon immer an den Geschichten junger Menschen interessiert war, die nach Amerika eingewandert waren. Mich interessierte dabei der Balanceakt zwischen erwachsen werden und dem gleichzeitigen Wechsel des kulturellen Umfeldes. Damals sprach ich mit vielen muslimischen Mädchen darüber, wie diese Situation für sie war, da ich das Gefühl hatte, dass darüber kaum geschrieben wurde. Zur selben Zeit sprach ich auch mit Jugendlichen, deren Visa-Verlängerungen in Frage standen, und ich konnte ihre Angst fühlen und die Unsicherheit bezüglich ihrer Zukunft.

Nach dem 11.9. nahm ich Kontakt zu Einwandererorganisationen auf, um mit muslimischen Jugendlichen zu sprechen, die von dem Anschlag betroffen waren. Ich hörte Geschichten von Familien, die nach Kanada flohen oder in den Untergrund gingen. Ich wusste, es gab Jugendliche, wie die, die ich interviewt hatte und die gedacht hatten ihr Leben liege hier. Plötzlich stand das alles auf dem Spiel. Zuerst dachte ich, ich sollte einen realistischen Artikel darüber schreiben, aber dann wurde mir bewusst, dass ich einen Roman schreiben möchte, um diese Erfahrung zu teilen.

Warum haben Sie das Buch geschrieben und was wollten Sie damit bewirken?

Wie ich bereits sagte, war meine einzige Absicht, die Erfahrung eines unbekannten Jugendlichen zu dieser Zeit und an diesem Ort nachzuempfinden. Ich wollte den Blick hinter die Schlagzeilen ermöglichen und nachvollziehbar machen, wie es wäre, sich selbst in dieser Situation zu befinden. Und ich wollte diese "unsichtbaren" Jugendlichen für uns alle sichtbar machen.

Hatten Sie ein Vorbild für die Hauptfigur "Nadira"?

Sie war eine Mischung. Für mich handelt die Geschichte auch von Schwestern – eine Schwester, die innerhalb ihrer Familie unsichtbar ist und am Ende aus dem Hintergrund hervortritt und Stärke zeigt. Ich denke, ich habe mich automatisch mit der jüngeren Schwester identifiziert (Ich habe keine Schwester, aber einen älteren Bruder). Abgesehen davon, ist die Figur frei erfunden.

Für die Familie in Ihrem Buch beginnen die Probleme nach dem 11. September 2001. War es wirklich so, dass dieser Tag die Ansicht der Menschen über Einwanderer änderte?

Eigentlich begann das nicht direkt nach dem 11. September. Anfangs waren alle nur schockiert und verstört durch den Anschlag. Dann aber, Stück für Stück, verloren viele Menschen ihre Arbeit. Die wirkliche Veränderung kam dann mit dem sogenannten "Patriot Act" und der Verabschiedung des "Muslim Registration Act". Es kam zu Abschiebungen und Durchsuchungen von Einwanderer-Gemeinschaften. Das war etwa ein Jahr später. Es erzeugte große Angst innerhalb der Moslem-Gemeinden und sie versuchten einen Weg zu finden damit umzugehen.

Etwa eine Million illegale Einwanderer leben in Deutschland. Jeden Tag fürchten sie in ihre Ursprungsländer abgeschoben zu werden. Was denken Sie, kann getan werden, um diesen Menschen zu helfen?

Das ist eine schwierige Frage. Amerika ist eine Einwanderernation und ich denke, es ist wichtig, dass wir uns das immer wieder bewusst machen und uns mit der Lebensrealität dieser Menschen auseinandersetzen, die hierher gekommen sind, um ihre Träume zu verwirklichen. Es gibt bei uns zum Beispiel einen besonderen Gesetzesvorschlag, der besagt, dass illegale Jugendliche, die hier studieren oder in der Armee dienen, Bleiberecht erhalten sollen. Traurigerweise konnte sich dieser Gesetzesvorschlag nicht durchsetzen.

Was Deutschland und Europa angeht, ist die Situation etwas anders, da es Einwanderungs- bzw. Auffangländer geworden sind, ohne dass dies die Grundlage der Staatsidentität darstellen würde. Nichtsdestotrotz leben wir in einer globalisierten Welt und ich denke es ist wichtig, Menschen von überall einfach als Menschen zu sehen - nicht anders als wir selbst es sind; dass ihre Kinder auch Träume haben. Es ist wichtig, ehrlich und offen mit dieser Situation umzugehen, ohne dabei die Ängste der Menschen zu schüren. Ich kann keine Gesetze verabschieden oder Politik betreiben, aber ich glaube, dass ich auf diese Geschichten aufmerksam machen kann, indem ich sie sichtbar mache.

Das Interview führte Anna Sandner.

Auf Seite 2 könnt ihr das Interview auf Englisch lesen.

How did you get in touch with "illegal immigration" the theme of your book?

I had written a prior book, "Remix: Conversations with Immigrant Teenagers" as I was always interested in the stories of young people who had immigrated to America. I was interested in how they balanced their own coming of age, with crossing over into another culture. At that time, I talked to several Muslim girls about what it was like for them, as I felt that was a subject that was so little written about. At the same time, I also spoke to teenagers whose visa status was murky and I saw the fear in them, and the confusion about their futures.

After 9/11 I contacted immigrant organizations to talk to Muslim teenagers affected by the attack. I began to hear stories of famlilies fleeing to Canada, or going underground. I knew there were teenagers out there, like the ones I had interviewed, who had thought their lives were here, and suddenly, that was jeopardized. At first I thought I would write a nonfiction article. But then I realized I really wanted to write a novel and get inside that experience.

Why did you write this book? What are your intentions to achieve with it?

My only intention, as said before, was to get inside the experience of an undocumented teenager, in this time and place. I wanted to get beyond the headlines and really evoke what it might be like. And I wanted to make these invisible teenagers visible to us.

Did you have any role model for the main character "Nadira"?

She was a mixture. To me, the story is also about sisters – about one sister who is invisible within her family and through this experience, finally steps forward, and shows her strength. I think I certainly identified with the feeling of being the younger sister (I don't have a sister, but I am the younger sibling). But other than that, she was an invention.

For the family in your book the main trouble starts after September 11th 2001? Did this day really change how people think about immigrants?

Actually, it doesn't quite start right after September 11th. In the beginning there was a lot of shock and simply the effect of the attack. Then slowly, people began to lose jobs. But the real change came with the Patriot Act, and when they created the Muslim Registration Act, and there were deportations, and sweeps of immigrant communities. That was about a year later. That created a lot of panic in Muslim communities, as they tried to figure out what to do.

About one million illegal immigrants live in Germany. They worry every day about beeing deportet to their "home countries". What do you think can be done to help this people?

It's a hard question. In America, we are, by definition an immigrant nation, and I feel it's important that we remember this and grapple with the reality of these people who have come here to realize their dreams. For instance, there is a special legislation here that allows illegal teenagers to stay if they go to college or serve in the army. Unfortunately, they have not been able to pass this law.

For Germany and Europe it is a little different because you have become immigrant or host countries, but it isn't at the core of your national identity. However, we do have to face that we live in a globalized world. And I do think it's important for people anywhere to see these people as human – as no different than you; that their children also have dreams, too. It's important to be honest and frank about this situation, and not appeal to people's sense of fear. I am not a legislator or a policy maker, but I believe in making these stories visible, bringing them out of the shadows.

The interview was conducted by Anna Sandner.

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