VG-Wort Pixel

Wolkenjunge (Cornelia Zierhofer, 15 Jahre)

Der Junge blickte auf die Zeichnung vor ihm im Sand. Eine Wolke. Leise singend kamen Wellen angerollt und nahmen sie mit. Der Blick des Jungen wanderte hoch zu den echten Wolken und ein Strahlen schlich sich in seine dunklen Augen.

Es waren ein mal ein Junge und sein Großvater, die lebten zusammen in einem Gasthof. Der Junge wünschte sich nichts mehr, als ins Reich der Wolken reisen zu könne. Er half dem alten Großvater viel und träumte seine Abenteuer nur, aber eines Tages kehrte ein Wanderer ein, und ein Mädchen mitbrachte.

Der Wanderer erzählte viele Geschichten aus fernen Ländern, die den Jungen im Herzen berührte. Im Gegenzug erzählte der Junge dem Wanderer von seinem Wunsch, ins Wolkenland zu gehen.

Der Wanderer lächelte. "Wer weiß", sagte er, "was alles wahr wird." Und er legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter.

Tage darauf verließ der Wanderer den Gasthof, das Mädchen aber blieb da.

Myrka hieß es. Nie sagte es ein Wort, aber sein Lächeln gefiel dem Jungen sehr. Sie verbrachten viel Zeit miteinander und in dem Maße, in dem beide älter wurden, wuchs ihre Zuneigung für einander.

Er übernahm immer mehr die Pflichten im Gasthof, sie kochte für die Gäste. Die Apfelbäume trugen Blüten und ließen sie im Herbst sanft zu Boden fallen. Viele, viele Male.

Der Junge aber vergaß das Wolkenland nie.

Er nahm Myrka häufig mit an den Strand und erzählte ihr von dem Land, in dem der Winter nicht biss auf der Haut. Er malte ihr Geschichten in den Sand über das Wolkenschloss und die Königskinder und er küsste sie viel.

Es war ein gewöhnlicher Tag, an dem die Wunder geschahen.

Der Junge, nun ein stattlicher Bursche, stand mit Myrka am Meer. Sie ließen sich von den Wellen das Abendlied vorsingen und sahen den letzten Sonnenstrahlen bei ihrem Lichterspiel zu.

Der Bursche fühlte das Glück in sich, eine unendlich leichte Wärme und er schloss die Augen, da spürte einen kräftigen Ruck an der Hand. " Du fliegst!", schrie Myrka mit einer Stimme, die zu lange nicht mehr gebraucht worden war.

"Du sprichst!", rief der Bursche ungläubig. "Ich fliege. Myrka, ich fliege! Lass meine Hand los, damit ich hochstiegen kann zu den Wolken!"

Und Myrka sah zum Burschen hoch, der bereits waagrecht in der Luft lag, nur noch von ihrer Hand am Fliegen gehindert und sie sah die Freude in seinen dunklen Augen und da ließ sie los.

Er lachte und winkte und stieg höher. "Myrka!", rief er ihr zu, seine Stimme war bereits leise, wie eine Stimme von weither leise ist. "Ich gehe ins Wolkenreich!"

"Wie lange muss ich dich missen!", rief sie verzweifelt.

Der Bursche wandelte lange im Wolkenreich, erklomm die höchsten Berge und die tiefsten Schluchten und dinierte sogar am Könighofe.

Die Jahre vergingen.

Er war glücklich und über sein Glück vergaß er das Leben auf der Erde.

Die Prinzessin war ein hübsches Mädchen mit frischem Verstand und der Bursche hatte es ihr angetan.

So kam es, dass sie ihn eines Tages küsste.

"Du schmeckst süß", sagte er.

"Hast du denn einen Vergleich?", antwortete sie keck.

Da erschrak der Bursche. Myrka, dachte er, denn die Worte der Prinzessin hatten seine Erinnerungen geweckt. Liebste Myrka, was habe ich getan!

Er suchte die Klippen des Wolkenlandes, aber als er hinunter auf die Erde springen wollte, da fiel er nicht, sondern flog und er sah, dass es keinen Weg gab, zurück zu kehren.

Da zog der Winter in sein Herzen und er biss es, bis es ganz schwer wurde. Er wandelte durch das Reich, getrieben und gejagt von seinem Gewissen, bis er eines Tages wieder vor den Klippen stand. Er blickte hinunter zur Erde und sah seine Myrka am Strand.

Da wurde ihm das Herz noch schwerer und er brach durch die Wolkenklippen und fiel auf die Erde nieder.

"Myrka!", rief er sofort und schritt auf sie zu. Sie aber wich zurück und sagte: "Ich kann dich nicht küssen, denn bist du glücklich, so fliegst du davon."

Sie weinten beide lange und als der Mond aufging, da küssten sie sich doch, denn ihre Liebe war zu stark.

So kroch das Glück in seine Brust und trug den Burschen fort.

Zurück zur Übersicht


Neu in GEOlino