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Interview:

Beruf: Schauspielerin

Julia Nachtmann spielt auf der Bühne viele Rollen - manchmal auch die Julia aus "Romeo und Julia". Ab und zu dreht Julia auch mal einen Film, am wohlsten fühlt sie sich jedoch auf der Bühne. Wir haben sie gefragt, was ihren Beruf so besonders für sie macht


GEOlino.de: Wollten Sie schon immer ein Star werden?

Julia Nachtmann (lacht) Nein! Ich bin nicht Schauspielerin geworden, um berühmt zu werden, sondern um Schauspielerin zu werden. Das ist etwas ganz anderes. Das Schauspielen ist mein Traumberuf. Meine Arbeit besteht darin, dem Publikum einen ganz einmaligen Abend zu schenken. Denn jede einzelne Aufführung ist ein bisschen anders, und jedes Publikum ist anders. Das finde ich faszinierend.


Wie sind Sie denn Schauspielerin geworden?

Ich habe im Schultheater mitgespielt. Außerdem hatte ich Geigen- und Klavierunterricht und habe in der Ballettschule getanzt. Mit den Instrumenten und dem Ballett hatte ich immer wieder Auftritte. Da wurde mir klar: Ich liebe das Gefühl, auf der Bühne zu stehen. Also bin ich mit 16 zu einem Jugendtheater gegangen und habe gesagt: Ich will bei euch mitspielen. Das habe ich dann neben der Schule vier Jahre lang gemacht.


Julia Nachtmann spielt in "Romeo und Julia" die Hauptrolle (Foto von: picture alliance/dpa )
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Julia Nachtmann spielt in "Romeo und Julia" die Hauptrolle

Heißt das, es reicht nicht, sich wie bei jedem anderen Beruf erst nach der Schule dafür zu entscheiden?

Doch, es reicht auch mit 20 Jahren nach dem Abi noch. Aber zu alt darf man nicht sein, denn im Theater müssen auch junge Rollen besetzt werden. Die Julia aus "Romeo und Julia" zum Beispiel ist 14 Jahre alt. Solche Figuren spielt man dann eben direkt nach der Ausbildung. Ich selbst habe mein Abitur gemacht und anschließend auf einer staatlichen Schauspielschule studiert. Dort dauert die Ausbildung vier Jahre. Es gibt auch private Schauspielschulen, aber der Vorteil der staatlichen ist, dass man dort einen Anschluss an die staatlichen Theater hat und automatisch Mitglied in der zentralen Künstlervermittlungs-Agentur ist.


Ist es denn leichter, jemanden zu spielen, der einem selbst ähnlich ist, oder jemanden, der einen ganz anderen Charakter hat?

Seltsamerweise ist beides schwer! Und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen: In einen Charakter, mit dem ich sehr wenig gemeinsam habe, muss ich mich erst hineinversetzen, um ihm möglichst nahezukommen. Bei einer Rolle dagegen, die mir selbst nahe ist, muss ich viel von mir selbst preisgeben. Da muss ich mich ganz öffnen, und es ist schwer, das zuzulassen.


Kann ich auch Schauspieler oder Schauspielerin werden, wenn ich schüchtern bin?

Ja. Ich habe Kollegen, die sind privat sehr schüchtern, aber auf der Bühne sind sie wunderbare Schauspieler. Man muss eben die Schüchternheit ablegen, sobald man in die Figur schlüpft. Was man aber doch braucht ist Selbstbewusstsein. Sagen wir so: Man muss sich selbst sehr gut kennen, bevor man eine andere Persönlichkeit darstellen kann.


Und was, wenn ich nicht aussehe wie ein Model?

Beim Theater ist das überhaupt kein Problem. Da werden sogenannte Typen gesucht. Wenn jemand dicker ist oder eine krumme Nase hat, ist das gar nicht schlecht, das ist dann seine Eigenheit, an der man ihn wiedererkennt. Beim Film ist das anders, da geht es viel mehr um das Aussehen der Schauspieler - ich persönlich finde das schade.


Was am Schauspieler-Dasein ist anders, als Sie es vorher gedacht hätten?

Ich wusste zwar schon vorher, dass man keine Wochenenden hat, aber ich hatte mir nicht ganz klar gemacht, was das heißt. Auch samstags und sonntags führen wir ja Stücke auf, an Feiertagen genauso. Das ist das Härteste an der Arbeit: dass es so schwierig ist, sich mit Freunden zu verabreden, denn die haben ganz andere Arbeitszeiten.

Und noch etwas habe ich schnell gemerkt: Man braucht sehr viel Disziplin. Ein Schauspieler kann es sich nicht erlauben, einen Tag lang mal schlecht drauf zu sein und nicht so gut zu spielen; man muss immer funktionieren. Und krank werden darf man eigentlich auch nicht, sonst fallen alle Vorstellungen nur wegen dieser einen Person aus! Wenn im Winter alle erkältet sind, möchte ich mich fast in meiner Wohnung einschließen, damit es mich nicht auch erwischt.


Aber trotzdem ist das Schauspielen Ihr Traumberuf…

Auf jeden Fall! Ich bin dankbar, dass ich von diesem großartigen Beruf leben kann. Reich wird man damit allerdings nicht. Als Fernsehschauspieler verdient man übrigens deutlich mehr. Aber ein Film wird ganz anders gedreht: immer in kurzen Stücken von wenigen Minuten, manchmal sogar nur 20 Sekunden, und das kreuz und quer durch die Handlung. Im Theater dagegen spielen wir immer das ganze Stück von vorne bis hinten, dadurch kann ich mich viel besser in meine Figur hineinfühlen. Und nur im Theater gibt es diesen schönen Moment, kurz bevor es los geht. Ich habe noch immer vor jeder Aufführung Herzklopfen. Das geht wohl nie weg, aber es fühlt sich gut an! Und auch direkt nach dem Stück ist es toll. Da habe ich alles rausgespielt und fühle ich mich ganz leer - aber angenehm leer.


Und die weniger schönen Momente?

Hm. Ein Mal habe ich ein Mädchen gespielt, das gegen Ende des Stückes Selbstmord begeht. Der Schauspieler, der meinen Vater darstellte, musste dann meinen Leichnam aufheben. Und dabei ist er auf meine Haare getreten. Das hat so schrecklich weh getan, aber ich konnte nichts sagen, ich musste ja trotzdem weiter tot spielen!


Sie spielen während einer Saison bis zu acht Rollen gleichzeitig, und jede davon hat viel Text. Brauchen Sie lange, bis Sie das alles auswendig können?

Die Schwierigkeit ist viel mehr, die Rolle zu verkörpern. Den Text lernt man sehr gut während der Proben, denn die Sätze gehen ja immer mit Handlungen einher. Darum würde ich auch nie die Texte aus zwei verschiedenen Stücken verwechseln. Wenn ich dann für die Aufführungen ins Theater komme, werde ich langsam zu der Figur, die ich spiele. Erst werde ich geschminkt, dann ziehe ich mein Kostüm an. Schließlich nähere ich mich der Bühne und rieche den Geruch des Bühnenbildes. Ja, jedes Bühnenbild riecht anders! Mal mehr nach Plastik, mal nach Holz. All diese Sinneswahrnehmungen rufen in mir sofort die richtigen Sätze hervor. Wenn mich jemand nachts aufwecken und fragen würde, könnte ich sie wahrscheinlich nicht. Aber sobald ich die Bühne betrete, ist mein Text immer da.


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