Geschichte Kieler Matrosenaufstand: Der Anfang vom Ende

Vor rund 100 Jahren, am 3. November 1918, erlebt der elfjährige Willem die Anfänge des Kieler Matrosenaufstands. Die Seeleute weigern sich, weiter in einen aussichtslosen Krieg zu ziehen. Ihr Widerstand wächst sich zu einer Revolution aus, die das ganze Land erfasst: Kaum eine Woche später wird Deutschland eine Republik, und der Kaiser flieht
Kieler Matrosenaufstand: Der Anfang vom Ende

Meuterei liegt in der Kieler Hafenluft! Die rund 5000 Matrosen auf Schiffen der deutschen Kriegsflotte rebellieren gegen ihre Offiziere. Willem und sein Freund Otto werden Zeugen des Aufstandes

Die Not in Kiel ist 1918 groß

Wenn bloß der Hunger nicht wäre! Mit knurrendem Magen eilt Willem durch den Morgennebel, die Angelrute über der Schulter. Ob sein Freund Otto diesmal pünktlich ist? "Sonst sind die besten Angelstellen wieder besetzt", sorgt sich Willem.

In diesen Zeiten bessern viele ihren Speiseplan mit Sprotten aus der Kieler Förde auf. Seit vier Jahren tobt der Erste Weltkrieg, den das Deutsche Reich gemeinsam mit Österreich-Ungarn gegen Großbritannien, Frankreich, Russland, die USA und viele andere Länder führt.

Auch wenn in Kiel nicht gekämpft wird: Die Not ist groß. In den Läden gibt es längst nichts mehr zu kaufen, mittlerweile bekommt man sogar auf dem Schwarzmarkt (verbotener Handel, bei dem etwa wertvolle Gegenstände gegen Lebensmittel getauscht werden) kaum noch etwas zu essen.

Auch Willem, seine Mutter und seine beiden Schwestern leiden Hunger. "Wenn nur Vater bald nach Hause käme!", denkt Willem. Aber der ist weit weg, an der Front in Frankreich. Wenn er überhaupt noch lebt!

Die Kieler Matrosen meutern

Über dem Hafen geht gerade die Sonne auf. Trotz der frühen Stunde drängen sich Menschen am Kai. Willem schaut zu den Kriegsschiffen hinüber, die seit zwei Tagen in Kiel vor Anker liegen. Dann entdeckt er Otto. "Moin!", ruft Willem. Otto dreht sich um. "Hast du gehört, was auf den Schiffen da passiert ist?", fragt er aufgeregt. "Die Matrosen haben ihren Offizieren den Befehl verweigert! Sie wollen nicht noch einmal in eine Seeschlacht gegen die Briten ziehen. Ein paar Dutzend von denen haben sie deshalb ins Stadtgefängnis gebracht."

Natürlich hat Willem davon gehört. Ein Aufstand gegen Offiziere – das ist im Kaiserreich, wo es sonst nur Befehl und Gehorsam gibt, unerhört. Es ist eine Ehre, „für Kaiser und Vaterland“ zu sterben, wird schon den Schulkindern eingehämmert. Aber Willem kann die Matrosen verstehen. Noch einmal gegen die Briten kämpfen – das wäre ihr sicherer Tod! Und ein vergeblicher dazu. Dass Deutschland den Krieg verlieren wird, pfeifen die Spatzen von den Dächern. "Ich find’s richtig, dass die Matrosen sich von den Offizieren nicht verheizen lassen", sagt Willem.

Kieler Matrosenaufstand

Immer mehr Kieler Arbeiter stellen sich auf die Seite der Aufständischen: Tausende strömen auf dem Exerzierplatz zusammen, fordern Freiheit für die Meuterer – und ein Ende des Ersten Weltkriegs

Der Matrosenaufstand in Kiel weitet sich aus

„Pass auf mit solch aufrührerischen Reden!“, donnert eine Stimme hinter ihnen. Die Jungen fahren erschrocken herum. Da steht Willems Onkel Gustav – und grinst. Willem atmet auf. Onkel Gustav steht natürlich auch auf der Seite der Matrosen. Der Werftarbeiter ist Mitglied in der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands). Wenn es nach ihm und seinen Parteigenossen ginge, wäre der Krieg sofort vorbei. Und der Kaiser müsste abdanken.

Der Onkel schaut zu den Schiffen hinüber. "Das sind mutige Jungs", sagt er. "Wird auch Zeit, dass sie sich wehren. Die Offiziere behandeln die Mannschaften mies. Glauben wohl, dass sie sich das erlauben können, nur weil sie adelig sind oder reich oder beides. Aber ich sage euch, der Kaiser und seine Schergen haben uns einfache Leute lange genug herumkommandiert. Wir sterben nicht mehr fürs Vaterland!"

Nachdenklich laufen die Jungen weiter zu ihrem Angelplatz. "Dass Onkel Gustav sich traut, so über den Kaiser zu sprechen“, denkt Willem bewundernd. Plötzlich bleibt Otto stehen und bückt sich nach einem zerknitterten Flugblatt. "Das ist von der USPD", sagt er. "Heute Nachmittag soll es eine Versammlung auf dem Großen Exerzierplatz geben. Ich glaube, es geht um die gefangenen Matrosen." Willem packt Otto am Arm: „Komm, das sehen wir uns an!"

Kieler Matrosenaufstand 1918

Soldaten versperren den Demonstranten den Weg! Der Zusammenstoß gilt als eigentlicher Beginn der Novemberrevolution. Als die ersten Schüsse fallen, machen sich Willem und Otto aus dem Staub

Soldaten antworten mit Schüssen auf den Matrosenaufstand

Als die beiden nachmittags zum Exerzierplatz kommen, ist der schon voller Leute: Arbeiter, Soldaten, auch viele Frauen. Die Jungen recken die Hälse. Gerade klettert ein Mann auf die Rednerbühne. „Wir fordern die Freilassung der Gefangenen! Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit dem Krieg!“, hallt seine Stimme über den Platz. Die Leute johlen und klatschen. Bald darauf zieht die Menge los – zum Gefängnis in der Karlstraße. „Befreit die Gefangenen!“, ruft eine Frau.

Willem ist aufgekratzt, als er neben Otto mit den Demonstranten mitläuft. Er spürt, dass hier etwas Wichtiges passiert. Aber als die Protestler unterwegs Fensterscheiben einer Unterkunft für Soldaten einschlagen und Waffen herausschleppen, wird ihm mulmig. Und als sie schon fast beim Gefängnis sind, stehen ihnen plötzlich bewaffnete Polizisten und Soldaten gegenüber. Willem rutscht das Herz in die Hose.

Da taucht ein bekanntes Gesicht aus der Menge auf: Onkel Gustav. „Was macht ihr denn hier?“, schimpft er. „Seht zu, dass ihr nach Hause kommt!“ Willem und Otto verschwinden schleunigst hinter der nächsten Ecke. Sekunden später hören sie Schüsse.

„Wo hast du dich denn herumgetrieben?“, fragt seine Mutter, als Willem sich zu Hause erschöpft auf die Küchenbank fallen lässt. Er murmelt eine Ausrede. Wo er wirklich war, will er lieber nicht erzählen. Den ganzen Abend bleibt er wach und lauscht auf Geräusche aus der Wohnung unter ihnen – dort wohnt Onkel Gustav. Wo bleibt er bloß? Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist!

Endlich hört Willem, wie sich unten im Schloss der Schlüssel dreht. Er saust die Treppe hinunter und fällt seinem Onkel in die Arme. „Haben die Soldaten auf die Leute geschossen?“, fragt er. Onkel Gustav streichelt ihm übers Haar. „Ja, mein Junge. Sieben Menschen sind heute Abend ermordet worden.“ Dann ballt er die Faust: „Aber dieser Matrosenaufstand lässt sich nicht mehr niederschlagen. Warte nur: Bald wird sich vieles ändern in Deutschland!“

Video: Der Kieler Matrosenaufstand - Beginn der Weimarer Republik

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