Schreibwettbewerb Sieger: Herrliche WWWeiten

Internet-Blogs, Chatnachrichten, Online-Tagebücher. Wir haben die beste Onlinegeschichte gesucht, und ihr habt lillipop zur Gewinnerin gekürt. Hier könnt ihr die schöne Facebook-Geschichte lesen
Sieger: Herrliche WWWeiten

Es war Freitagnachmittag, als sich der Horizont lichtete. Es war an dem Tag, als meine Liebes-Steinzeit zu Ende ging. Es war an jenem gewöhnlichen Wochentag, als ich ein Fleckchen Licht in der dunklen Welt in mir selbst sah. Es war an dem Tag, als ich ihn traf.

Die Sonne schien unbarmherzig auf das kleine, unorginelle Dorf Rohrbühl irgendwo im Westen von Deutschland, dort, wo selbst die flottesten Optimisten nichts Positives an diesen verfallenen Dörfern sehen konnten. Genau dort, in einer kleinen bröckeligen Bude, wohne ich, Eileen. Ich habe außer meinem Grossvater, unserer gemeinsamen Stube, einem alten Foto von meinen Eltern und meinem grössten Trost - meinem Laptop-, nichts. Ach ja, und ich habe meine Matratze und ein Kissen, auf denen ich jeden Abend, wenn ich vor dem Laptop einnicke, schlummere.

Es ist nicht so, dass wir reich sind, Opa und ich. Als Opa noch nicht in Rente war, arbeitete er in einer Kugelschreiberfabrik. Da hat er mir einen Laptop zu meinem siebten Geburtstag gekauft. Das war damals. Jetzt leben wir ausschließlich von seiner Monatsrente. Aber wir sind glücklich zusammen. Dabei rede ich nicht von meinem Laptop (mit dem trifft das eigentlich auch zu), aber von meinem Opa. Er ist der beste Opa der Welt.

Nun zur Sache: Ich gehe nicht zur Schule. Als ich kleiner war, ging ich noch in die Dorfgrundschule, aber jetzt können wir uns das nicht leisten, in ein Gymnasium zu gehen. Trotzdem lerne ich viel. Jeden Tag, abends um Punkt acht Uhr, um präzise zu sein. Und das von meinem Laptop aus. Es ist fast unglaublich, aber es ist erstaunlich, wie viel man beim chatten, surfen, doppelklicken, downloaden, adden, Computerspiele zocken und skypen lernen kann.

Es ist um acht Uhr, dass ich auf Facebook mit anderen Leuten aus der ganzen Welt chatte oder ihre geposteten Nachrichten lese. Gestern hatte ich zum Beispiel einen Lachanfall mit Opa über ein schrecklich lustiges Bild von einer Freundin aus Hongkong. Es war ein Bild von einer lustigen Bulldogge-Statue in typischen chinesischen Kleidern und einem chinesischen spitzen Strohhut. Ich klicke auf das kleine Facebook-Symbol und sofort taucht mein Profilfoto auf dem Bildschirm auf.

Ich, mit meinem lächelnden Opa, strahle auf mich zu. Ein Fenster taucht auf: You have 8 new messages, das heißt dass ich acht neue Nachrichten habe. Alle sind von Bekannten, unter anderem aus London, Washington und Hongkong, außer einer Nachricht. Ich öffne sie mit einem einzigen "Klick" und runzele die Stirn, denn diese Nachricht ist von einem Unbekannten. Ein Doppelklick genügt und ich gelange auf sein Profil. Es ist ein junger Mann, etwa 17 Jahre alt, der mich traurig mit schokoladenbraunen Augen anschaut. Es ist er.

Obwohl ich ihn noch nie gesehen habe, kommt er mir bekannt vor. Sein zerzaustes dunkelblondes Haar hängt ihm wirr in die Stirn, als wäre er gerade mitten in einem Wirbelsturm gewesen. Ich hole tief Luft. Ich habe mich verknallt. Und dieses Gefühl im Magen werde ich so schnell nicht los, denn als ich seine Nachricht öffne, stockt mir der Atem. "Hallo Eileen! Der Krieg und der Tod unserer Eltern hat uns getrennt, doch nun sind wir wieder vereinigt! Ich habe dich vermisst, Tag und Nacht! Bitte glaube mir, ich bin dein Bruder Lisandro! :-*"

Ich kann es nicht glauben und springe erschrocken auf. Einen Bruder? Ich? Das kann doch nicht wahr sein? Warum hätte Opa mir das denn nicht gesagt? Ich gehe langsam in den einzigen anderen Raum, wo Opa schläft und wo der Herd steht.

Opa sitzt in einem alten, knarrigen Ohrensessel, einem solchen, den Opas immer haben, und raucht eine Pfeife, genau wie Opas es machen sollen. Es ist eine idyllische Szene, genau wie immer, und doch steht alles auf dem Kopf, doch habe ich ein ungemütliches Gefühl in der Magengegend. Zögernd spreche ich die Sache an: "Du Opa, meine Familie waren doch Mom, Pa und ich, nicht wahr? Oder gab es da noch jemand anders, einen Bruder...?" Er schaut mich mit seinen bernsteinfarbenen Glubschaugen an und sagt: "Ich wollte dir es erzählen, wenn es soweit ist..." Leise kullert mir eine Träne die Wange herunter. Es ist wahr.

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