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Tierfotograf Naturkrimis


Von wegen idyllische Natur: Raubüberfalle, tödliche Liebeskämpfe, Einbrüche oder Diebstahl spielen sich in der Natur ständig ab. Tierfotograf Ingo Arndt legte sich auf die Lauer und schoss die spannendsten Tierkrimifotos. Die vereinte er nun in dem Kindersachbuch "Tatort Natur". Im Interview verrät Ingo Arndt, wie die Bilder entstanden sind - und wie er Tierfotograf wurde

Herr Arndt, ist die Natur das Paradies auf Erden oder ein gefährlicher Ort?

Die Natur ist die unverfälschte Wahrheit. Sowohl Idylle wie auch Krimi. Die Natur kann sehr grausam sein - aber auch sehr schön. Beides gehört dazu. Der Kreislauf von Leben und Tod prägt die Natur.

Was passiert am Tatort Natur?

Am Tatort Natur spielt sich der Kampf ums Überleben ab. Der gestaltet sich ganz unterschiedlich: Die Jagd wie auch die Paarung bilden Tatort-Motive. Bei den Kreuzkröten beispielsweise stürzen sich paarungsbereite Männchen auf alle Weibchen, die in ihrer Nähe sind. Hin und wieder erdrosseln sie eines dabei. Bei den großen See-Elefanten hingegen ist es der Kampf um den Harem und bei den kleinen See-Elefanten der Überlebenskampf in der Kolonie. Die jungen Tiere müssen aufpassen, dass sie von den Alttieren nicht plattgerollt werden, denn sie nehmen relativ wenig Rücksicht auf die Kleinen.

Welche Situation war für Sie die spannendste?

Das war der Seeadlerbeutefang. Der ist wirklich sehr speziell. Die Möglichkeit, Seeadler beim Fischen zu beobachten, hat man nur sehr selten. In Norwegen aber lebt ein Mann, der die Vögel füttert. Er nahm mich zum Füttern mit. Es ist sehr beeindruckend, wenn man solche großen Vögel sieht, die dann auch noch nur ein paar Meter vor dem Boot Fische aus dem Wasser holen.

Sie haben einen Totenkopfschwärmer in einer Bienenwabe fotografiert. Ist es nicht gefährlich, so ein Bild aufzunehmen?

Nein. Denn das war eine Situation, die ich nachgestellt habe. Sonst ist es nicht möglich, ein solches Motiv zu fotografieren. Totenkopfschwärmer dringen in Bienenstöcke ein. Mit ihrem kurzen Rüssel saugen sie den Honig aus den Waben, um ihren Energiespeicher aufzufüllen. Um diese Situation nachzustellen, musste ich erst einmal einen Falter züchten. Den habe ich dann zum Fotografieren auf eine Bienenwabe gesetzt.

Wie gelingt es Totenkopfschwärmern in freier Natur in einen Bienenstock einzudringen?

Totenkopfschwärmer sondern einen speziellen Duftstoff ab, und der beschwichtigt die Bienen für eine Zeit. Für den Moment haben sie die Möglichkeit, den Honig zu trinken, ohne von den Bienen angegriffen zu werden. Dränge man ohne den Duftstoff in den Bienenstock ein, würden die Bienen sofort stechen. Doch die Bienen lassen sich nicht besonders lang täuschen. Das funktioniert nur 20-25 Sekunden. Dann merken die Bienen den Einbruch und der Totenkopfschwärmer muss sehen, dass er aus dem Bienenstock herauskommt.

Für Sie riskanter wurde es bei den Aufnahmen der Kaimane. Dafür waren Sie in den Sümpfen Südamerikas unterwegs …

Breitschnauzkaimane sind stark bedrohte Tiere. Daher gibt es ein Projekt zu ihrer Rettung. Die Wissenschaftler, die es betreuen, hoben Nester aus und brüteten die Eier künstlich aus. Als die Kaimane unterarmgroß waren, wurden sie wieder in die Natur ausgesetzt. Durch das Aufzuchtprojekt war gesichert, dass die Tiere die erste Zeit, in der sie sonst sehr bedroht sind, überlebten. Für meine Aufnahmen war ich gemeinsam mit den Wissenschaftlern unterwegs. Eine wichtige Sache, wenn man Beobachtungen und Fotografien machen möchte, denn die Experten können einem wichtige Informationen geben. In diesem Fall wussten sie genau, wo man an ein Nest rangehen konnte, ohne Gefahr zu laufen, attackiert zu werden. Dadurch war die Situation nie lebensgefährlich.

Zeigt sich Ihnen die Natur täglich als Krimischauplatz?

In dem Buch "Tatort Natur" zeige ich Situationen, die gar nicht so alltäglich sind. Solche Aufnahmen zu machen, ist schwer planbar. Eine Spinne frisst beispielsweise nicht täglich einen Monarchfalter. Sie kann auch tagelang oder wochenlang erfolglos im Netz warten. Viele Bilder in dem Buch stammen aus meinem Archiv, sie entstanden auf früheren Reisen, teilweise sogar zufällig.

Seit 19 Jahren arbeiten Sie als Tierfotograf. Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?

Einmal faszinieren mich die Tiere an sich, aber auch Draußensein: die Elemente zu spüren, die Ruhe beim Naturbeobachten. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass ich mit den Bildern für die Natur werbe, den Naturschutz fördere. Das ist mir ein wichtiges Anliegen.

Sie sind Fotograf und bewanderter Tierkundler in einer Person …

Gerade bei der Tierfotografie ist es ganz wichtig, dass man seine Motive kennt und weiß, wo und wann man die Tiere finden kann, wie sie sich verhalten, wo man am nächsten dran kommt, ob sie besonders scheu sind, ob man ein Tarnzelt aufstellen muss. Das ist ganz wichtig zu wissen, damit man gelungene Aufnahmen bekommt.

Wann stand für Sie fest, dass sie Tierfotograf werden wollen?

Das war immer klar. Schon als kleiner Junge wollte ich den Beruf ergreifen. Als ich mir damals überlegt hatte, dass ich Naturfotograf werden will, da gab es in Deutschland höchstens eine Hand voll Tierfotografen. Viele Leute haben mich damals nicht für voll genommen.

Heute zählen Sie zu den führenden Tierfotografen. Wie gelang das?

Ich habe meinen Wunsch ziemlich konsequent verfolgt und während der Schulzeit immer schon mal ein Bild verkauft, erst an kleine Buchverlage, später an kleine Zeitschriften. Langsam habe ich mich hochgearbeitet. Meinen Plan verfolgte ich über die Jahre ganz konsequent. Heute habe ich das erreicht, was ich mir immer vorgestellt habe.

Tierfotograf: Naturkrimis

Bärbel Oftring (Text) / Ingo Arndt (Fotos): "Tatort Natur", Sauerländer, ab 9, 32 S.

Ingo Arndts Homepage:

http://www.arndt-photo.de/website.html


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