Naturschutz gegen Klimaschutz Die Schattenseiten der Windenergie

Es ist nicht immer einfach, das Richtige zu tun. Was dem einen nützt, schadet in manchen Fällen dem anderen – auch beim Naturschutz. Wir haben mit dem Biologen Hermann Hötker darüber gesprochen, wie sich Windenergie und Vogelschutz in die Quere kommen - und welche Kompromisse nötig sind, um wirklich Gutes zu tun
Windenergie

Geolino extra: Unsere Leser möchten sich gern für die Natur einsetzen – aber an der richtigen Stelle. Wie wichtig ist zum Beispiel Vogelschutz?

Hermann Hötker: Sehr wichtig. Viele Vogelarten sind bedroht, manche sogar vom Aussterben. Einige verunglücken, bevor sie Nachwuchs bekommen und großziehen können. Das müssen wir verhindern, damit es nicht immer weniger werden.

Und was halten Sie von Windenergie?

Der Klimawandel ist ein Riesenproblem. Um ihn aufzuhalten, dürfen wir unseren Strom nicht länger aus Kohle oder Gas erzeugen. Ihn mit Wind zu gewinnen ist da eine viel bessere Möglichkeit.

Man sollte also sowohl die Windkraft als auch den Vogelschutz unterstützen?

Ja. Aber tatsächlich gibt es zwei Probleme. Das erste und größere ist, dass oft gerade seltene Vogelarten gegen Windkraftanlagen fliegen und verunglücken. Die Tiere sind nicht gewohnt, dass dort, wo sie sonst umherfliegen, etwas im Weg steht – insbesondere nicht, wenn sich diese Dinge schnell bewegen.

Die Flügelspitzen der Windkraftanlagen erreichen Geschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometer pro Stunde! Besonders Greifvögel wie der Rotmilan oder der Mäusebussard achten nicht darauf und werden von den Flügeln erschlagen.

Und das zweite Problem?

Manche Vögel, wie Gänse und Kiebitze, rasten gern in offenen Landschaften. Wenn da etwas Hohes in der Nähe steht, meiden sie den Bereich. Das heißt also: Wo Windkraftanlagen errichtet werden, stehen bestimmte Nahrungsgebiete für die Vögel nicht mehr zur Verfügung. Lebensraum geht verloren.

Welchen Vögeln schaden Windkraftanlagen am meisten?

Wie gesagt: Das sind leider Arten, die ohnehin selten sind. Da genügt es, wenn wenige Tiere verunglücken, um den ganzen Bestand zu gefährden. In Deutschland sorgen wir uns vor allem um den Rotmilan.

Warum?

Etwa die Hälfte aller Rotmilane, die es noch gibt, leben in Deutschland. Da haben wir natürlich eine besondere Verantwortung für ihren Schutz. Rotmilane vermehren sich recht langsam. Sie beginnen erst nach ein paar Jahren mit der Fortpflanzung und legen dann vergleichsweise wenig Eier. Jeder verunglückte Vogel fällt deshalb stärker ins Gewicht.

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Leiden auch andere Tiere als Vögel unter Windkraftanlagen?

An Land vor allem Fledermäuse. Vermutlich werden sogar mehr Fledermäuse durch Windräder getötet als Vögel. Das Schlimmste daran ist, dass die Säuger nur ein Junges pro Jahr bekommen, sich also auch langsamer vermehren.

Ist es auf dem Wasser ähnlich?

Die Anlagen auf dem Wasser bringen noch andere Probleme mit sich, etwa Lärm. Besonders beim Bau wird es laut, und im Wasser breitet sich der Schall ungehemmt aus. Wale, die sich am Schall orientieren, stört das. Womöglich schädigt es sie sogar. Dazu sind über dem Meer Vögel unterwegs, die die Windparks meiden, ähnlich wie die Gänse. Seetaucher etwa umfliegen sie in großem Abstand. Da reden wir schon mal von zehn Kilometern.

Aber was ist nun wichtiger, Klima- oder Tierschutz?

Es gibt durchaus Kompromisse. Bevor man einen Windpark baut, muss man sich den Standort angucken. In der Nähe von Wäldern und Gewässern sind besonders viele Tiere betroffen. Diese Orte eignen sich also nicht.

Um etwa Fledermäuse zu schützen, gibt es auch eine andere Möglichkeit: Man schaltet die Windräder einfach dann ab, wenn die Tiere aktiv sind: also im Sommer und in der ersten Nachthälfte. Zu diesen Zeiten wird ohnehin verhältnismäßig wenig Strom erzeugt, darauf können sich die Betreiber gut einlassen.

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