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"Man darf keinen Kampf verlieren"

Die Lehrerin Susanne Korbmacher kümmert sich in einem Münchner Problemviertel um Kinder und Jugendliche. Im Interview mit GEOlino.de erzählt sie, wie sie der "Wut im Bauch" täglich begegnet


Frau Korbmacher, warum können manche Menschen schlechter mit ihrer Wut umgehen als andere?

Das hängt davon ab, wie man Wut bei anderen erlebt hat und welche "Wut-Vorbilder" man im Kopf hat. Für die Kinder, die ich betreue, gilt: Das Leben, oder besser gesagt das "Überleben" auf der Straße ist verdammt schwer. Oft setzt sich einfach der Stärkere durch. Und Wut wirk wie ein Aufputschmittel, das Kräfte aktiviert. Bei Schlägereien ist das praktisch.


 (Foto von: Heike Ulrich)
© Heike Ulrich

Das Lichttaler-Projekt war Ihre Idee. Worum geht es da?

"Lichttaler" ist ein Selbsthilfeprojekt für Kinder und Jugendliche. Dabei stehen die Stärken der Kids im Vordergrund. Ich glaube, dass jeder etwas Besonderes kann. Somit hat auch jeder etwas, was er den anderen geben kann. Das gilt auch für die Kinder aus Problemvierteln. Armut, schlimme Familienverhältnisse, fehlende Sprachkenntnisse und schlechte Noten taugen nicht als Ausrede. Wir alle können uns in die Gesellschaft einbringen. Keiner ist nutzlos! Im Projekt bekommen die Kinder für ihren Einsatz Lichttaler, eine erfundene Währung. Damit können sie sich dann selbst Kurse "kaufen". Je mehr jemand tut, desto mehr bekommt er. Das steigert auch das Selbstwertgefühl. So holt das Projekt die Kids von der Straße.


Wie sieht Ihr Alltag mit den Jugendlichen aus? Welche Kurse bieten Sie an?

Vormittags arbeite ich als Sonderschullehrerin an einer Münchner Schule. Jeden Dienstag haben dort 40 Kids der 5. bis 9. Klasse die Möglichkeit, sich innerhalb des Thealimuta-Projektes gegenseitig zu unterrichten. Dann werden die Jugendlichen zu Lehrern und unterrichten Bauchtanz, Hip-Hop, akrikanisches Trommeln, englischen Rap. Manche sind auch in eine Künstlerwerkstatt eingebunden oder machen Theken- und Aufräumdienste. Wer sich innerhalb dieser Gruppen engagiert und die Regeln einhält, kann so seine ersten zwei Lichttaler verdienen, Gruppenleiter bekommen vier. Für die Lichtaler kann man sich dann Kurse "kaufen", die einen selbst interessieren. Jeder Kurs kostet zwei Lichttaler, egal, wie lange er dauert oder worum es geht. Ein Computer-Kurs ist bei uns genauso wertvoll wie ein Breakdance-Kurs - und deshalb auch nicht teurer.


Wie sieht es aus, wenn die Jugendlichen wütend werden?

Wutausbrüche sind oft ein Zeichen dafür, dass ein Mensch überfordert ist. Gerade arme Kinder und Jugendliche haben oft Probleme mit ihrem Leben und den Anforderungen, die an sie gestellt werden. Die meisten lernen sehr früh, was es heißt, kein Geld zu haben. Sie wissen, dass ihre Chancen schlechter sind als die von anderen Kindern. Ihr Leben ist dann oft ein einziger Kampf um einen einigermaßen "sicheren" Platz in ihrer "Rand-Gesellschaft". Oft spielt Gewalt eine große Rolle. Wer bei uns mitmachen will, muss sich allerdings an unsere Regeln halten. Gewalt ist tabu! Zum Glück setzen die Jugendlichen die Regeln inzwischen meistens selbst durch. Wer sich nicht daran hält, bekommt ganz schnell zu spüren, dass sein Verhalten nicht in Ordnung ist. Vielleicht sind unsere Projekte so erfolgreich, weil kein Erwachsener mit drohendem Zeigefinger über die Gruppen wacht.


Erinnern Sie sich an einen besonders schlimmen Wutanfall?

Da fallen mir schrecklich viele Situationen ein. Zum Beispiel: Eine Auseinandersetzung zwischen einem Türken und einem Kosovo-Albaner. Ausgelöst wurde der Streit durch typische Sätze wie "Ich habe gehört, dass..." und "Von dir lasse ich mich nicht beleidigen". Es ging - wie so oft zwischen Jungs - um das Thema "Ehre". Die beide brüllten sich an und beleidigten sich ganz furchtbar. Als die Situation eskalierte, habe ich eingegriffen, obwohl beide Jungs schon mehrmals wegen schwerer Körperverletzung verurteilt worden sind. Ich habe die beiden am Kragen gepackt und ihnen Vorwürfe gemacht. Immerhin standen etliche Kinder und Jugendliche um sie herum. Ich hatte Angst, dass das Ganze zu einem Nationalitätenkonflikt ausarten könnte. Trotz ihrer Wut haben sich die beiden nicht getraut, sich zu wehren. Obwohl viele der Jugendlichen schon im Jugendgefängnis gesessen haben, hatte ich noch nie Angst vor ihnen. Man darf nur keinen "Kampf" mit ihnen verlieren. Deshalb setzte ich angedrohte Konsequenzen immer durch. Da muss ich dann knallhart sein, denn alles andere würde als Schwäche ausgelegt werden.


Wie reagieren Sie auf Wutanfälle der Jugendlichen?

Oft muss ich bei Schlägereien eingreifen. Damit die Streithähne vor den anderen nicht ihr Gesicht verlieren, ziehe ich mich mit ihnen in eine ruhige Ecke oder ins Büro zurück. Ich rede so lange mit ihnen, bis sie begriffen haben, woher ihre Wut kommt, wie sie sie kontrollieren können und was es für einen Ausweg aus der Situation gibt. Meistens sind Wutanfälle ja nur Zeichen versteckter innerer Probleme, also eigentlich ein Hilferufe. Ich mache den Kids deshalb klar, das ich gerne den Grund für ihre Wut begreifen würde. Die meisten fangen dann an zu erzählen. Solche Gespräche dauern oft sehr, sehr lange. Trotzdem lasse ich nie jemanden wütend oder traurig gehen. Denn das könnte ja bedeuten, dass sich der Streit fortsetzt.



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