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Sylvie und Bruno

Beinahe jedes Kind kennt heute Lewis Carrolls Erzählung "Alice im Wunderland". Doch sein Roman "Sylvie und Bruno" verstaubt unbeachtet in den Bücherregalen - etwa zu Recht? Hier erfahrt ihr mehr!


 (Foto von: dtv)
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Wie vertreibt man einem kleinen Mädchen die Langeweile auf einer Bootsfahrt? – Für einen phantasiebegabten Menschen, wie Lewis Carroll, ganz einfach: Er erzählt ihr eine Geschichte. Genauer: Eine Geschichte über eine junge Heldin – Carroll gibt ihr den Namen Alice - die in ein Kaninchenloch fällt. Dort begegnen Alice eine ewig grinsende Katze, ein weißes Kaninchen, eine traurige Suppenschildkröte und viele weitere Wunder – exakt so viele, wie der Fluss Biegungen hat.

Als Lewis Carroll damals am 4. Juli 1862 das Boot wieder am Steg festmacht und seiner kleinen Reisegefährtin Alice Liddell an Land hilft, hat er soeben eine der großartigsten Kindergeschichten aller Zeiten erfunden: „Alice im Wunderland“. Die Erzählung macht aus dem schüchternen Mathematiker und Dekan quasi über Nacht einen der berühmtesten Autoren der viktorianischen Zeit.


Litterature

An einen schnellen Erfolg anzuknüpfen, ist jedoch nicht leicht. Und so lässt sich Carroll für das Schreiben seines ersten und einzigen Romans zwanzig weitere Jahre Zeit. In dieser langen Arbeitsphase sammelt der Autor unermüdlich Buchzitate, lauscht seinen Mitmenschen Gesprächsfetzen ab und notiert eigene Einfälle. Schnipsel für Schnipsel setzt sich so eine vielschichtige Geschichte zusammen. Das Ergebnis ist ein zweibändiger Roman, der im Jahr 1889 unter dem Titel „Sylvie und Bruno“ in die Buchhandlungen kommt. Carroll selbst bezeichnet ihn als „Litterature“. Ein Wortspiel aus den englischen Begriffen für Müll (litter) und Literatur (literature).


Dahinter steckt natürlich keine Aufforderung, den Roman „Sylvie und Bruno“ ungelesen in den Papierkorb zu werfen. Vielmehr weist das Wortspiel auf Carrolls Arbeitstechnik des „Recycelns“ hin: Aus alt mach neu. Neuer. Am Neusten. Der Roman „Sylvie und Bruno“ unterscheidet sich zur Zeit seiner Veröffentlichung grundlegend von allem bisher Dagewesenen in der Kinderliteratur. Carroll verbindet zum ersten Mal Elemente der Gesellschaftskritik, Morallehre, Nonsensliteratur und Tagtraumdichtung zu einer recht losen Geschichte. Dies geschieht in mehreren kunstvoll verwobenen Erzählsträngen, die sich wiederum in einzelne Episoden, Träumereien, Gedichte und Lieder aufspalten.


Reise nach Absonderland

Carrolls Roman führt einen bereits in die Jahre gekommenen Erzähler auf eine lange Zugreise entlang der englischen Nordküste. Müdigkeit, Hitze und das monotone Rattern des Zuges erwecken in ihm ein „irrliches Gefühl“. Und schon bald findet sich der Erzähler in einer Traumwelt wieder: Absonderland. Hier begegnet er den Elfenkindern Sylvie und Bruno, die in den Wäldern ein neckisches Dasein führen. Doch abrupt holt ihn die Realität wieder ein: Mit quietschenden Bremsen hält der Zug in einem kleinen Fischerdorf. Am Ziel seiner Reise angekommen, entdeckt der Erzähler zu seinem großen Erstaunen die Elfenkinder Sylvie und Bruno in menschlicher Gestalt am Bahnsteig wieder.

Seite für Seite verweben sich in Carrolls Roman Realität und Absonderland zu einem märchenhaften Geflecht. Das ganze Leben erscheint als Traum, in dem sich neugierige Elfen, unglückliche Verliebte, böse Statthalter, sprechende Hunde, verzauberte Prinzen und viele, viele phantasievolle Figuren mehr ein Stelldichein geben.


Fazit

„Seit der Veröffentlichung von „Alice im Wunderland“ sind wohl gut ein Dutzend Erzählungen nach genau demselben Strickmuster erschienen“, schreibt Lewis Carroll im Vorwort zu seinem Roman. „Daher habe ich mich in „Sylvie und Bruno“ bemüht, wieder einen neuen Weg zu beschreiten: ob gut oder schlecht, ich habe mein Bestes getan“.


Tatsächlich scheiden sich an Lewis Carrolls Roman „Sylvie und Bruno“ die Geister: Zeitgenössische Kritiker unterstellen dem Autor bisweilen eine „schamlose Gefühlsduselei“ oder „eine säuerliche Moral“. Für Autoren des viktorianischen Zeitalters sind derartige Ausschweifungen jedoch nicht ungewöhnlich. Und auch wenn einige Passagen aus heutiger Sicht etwas unbeholfen oder sogar befremdlich wirken mögen, besitzt die Geschichte der beiden Elfengeschwister genug Charme, Wortwitz und Parodie, um junge Leser darüber hinwegzutrösten:


»„Morgen“, krähte der kleine Bursche, ganz allgemein an den Kanzler und die Bediensteten gewandt. „Wo’ss Sylvie? Ich such die!“ - „Ich vermute beim Statthalter, Knoit“, antwortete der Kanzler mit einem tiefen Bückling. Es wirkte freilich schon etwas albern mit diesem Titel (der, wie ihr natürlich auch ohne meine Erklärung wisst, nichts anderes bedeutet als Königliche Hoheit in eine Silbe gepresst) einen Winzling zu belegen. Auf Bruno jedoch machte diese Verbeugung keinen Eindruck, er war schon aus dem Zimmer geflitzt als das große Meisterstück des unaussprechbaren Einsilbers noch glorreich vollbracht wurde.«


Lewis Carroll: „Sylvie und Bruno“, ab 14 Jahren, dtv, 15 Euro.



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