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Streitgespräch: Was ist Moral?
Kann eine hoch komplexe Gesellschaft verbindliche Regeln für alle festlegen? Oder ist sie damit überfordert? Wir brauchen mehr Information, sagen Philosophen. Wir brauchen mehr Zivilcourage, sagen die Praktiker
GEO: In welchem Zustand befindet sich die Moral? Einerseits gibt es ein großes Wehklagen über den zunehmenden Sittenverfall. Andererseits spenden die Menschen so viel wie noch nie. DETLEF HORSTER: Einen Werteverfall sehe ich nicht. Erhebungen des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover zeigen, dass die Gewalt an Schulen kontinuierlich abnimmt. Auch bei Wohnungseinbrüchen, Bankraub oder Sexualmorden gehen die Zahlen deutlich zurück. Aber viele Zeitungen suggerieren das Gegenteil. In Deutschland gibt es Millionen anständig lebende Ehemänner. Aber nur wenn ein Ehemann seine Frau umbringt und im Keller einmauert, ist das für die Presse interessant. Setzt man die Zahl dieser Delikte in Relation zur großen Zahl der Anständigen, ist es abwegig, von einem Werteverfall zu sprechen. FRANZ MEURER: Werte lösen sich eigentlich nur aus Not auf. Wir haben in unserem Viertel über 20 Prozent Arbeitslose, viele leben von Sozialhilfe oder kleinen Renten, über 50 Prozent der Jugendlichen sind Muslime. Manchmal kommen Eltern zu mir und sagen: "Ich habe mit mir selber genug zu tun, ich kann mich nicht um mein Kind kümmern." Die sind überfordert, weil es ihnen ökonomisch schlecht geht. Peter Hartz, der Namensgeber der jüngsten Arbeitsmarktreformen, sagt: Der Grund für die riesige Arbeitslosigkeit ist die Gleichgültigkeit der Gesellschaft diesem Problem gegenüber. Als Bürger schauen wir nur, dass wir selbst einigermaßen durchkommen. Die Politik hat jede Glaubwürdigkeit verloren. Wir hatten bei der letzten Wahl in einem der Stimmbezirke noch neun Prozent Wahlbeteiligung. Dieser Resignation steht eine große Suche nach Wertzusammenhängen gegenüber.INGE WOLFF: Ich glaube, viel Zusammenhalt ist dadurch verloren gegangen, dass die verbindenden Rituale immer weniger geworden sind. Die Strukturen, die von der Kirche vorgegeben waren, haben sich weitgehend aufgelöst. Und es gibt keine großen homogenen Gruppen mehr, die sich der gleichen Moral verpflichtet fühlen. Jetzt fangen wir plötzlich an, darüber nachzudenken: Oh Gott, wie kriegen wir wenigstens diese kleinen Alltagswerte wieder hin, die den Umgang miteinander erträglich machen?
MEURER: Was Sie über Umgangsformen sagen, würde ich sofort unterschreiben. In der Kirche haben wir mit den Riten ja etwas Ähnliches. Fast alle Kinder wollen Messdiener und Messdienerinnen werden. Die wollen wissen: Gehen jetzt vier oder sechs? Hält man die Monstranz so oder so hoch? Das hat ja was mit Stil zu tun. Der Stil des Miteinanderumgehens ist das Entscheidende. Ob eine Gesellschaft funktioniert, hängt vom sozialen Klima ab. HORSTER: Der Schweizer Pädagoge Walter Herzog hat in einer Studie zur Jugendgewalt festgestellt, dass bei allen Jugendlichen wechselseitige Anerkennung eine zentrale Bedeutung hat, egal, in welchem Milieu sie verkehren. Alle möchten akzeptiert und respektiert werden. MEURER: Das Wort Respekt können Sie heute in jedem Jugendzentrum an die Wand gesprüht sehen. In jedem Hip-Hop-Song geht es um Respekt. WOLFF: Ich würde lieber das Wort Wertschätzung verwenden. Es bezieht sich stärker auf den anderen. Es geht nicht nur darum, dass ich mich selbst nicht blamiere; ich möchte auch, dass der andere keine Blamage erleidet.MEURER: Wir machen seit einiger Zeit Sexualerziehung für Schulklassen. Hier in der Kirche. Die Jungs sind ganz hingerissen davon, wie sie behandelt werden. Die haben der Frau, die den Kurs betreut, einen Dankesbrief geschrieben und ihr Blumen geschenkt. Das heißt: Wenn Anerkennung da ist, werden Manieren plötzlich ganz selbstverständlich. Prinz Asfa-Wossen Asserate schreibt in seinem Buch: "Manieren haben heißt, den anderen ins Zentrum stellen und nicht sich selbst."GEO: Was hat Benimm mit Moral zu tun?KURT BAYERTZ: Dass Menschen aufeinander achten, einander anerkennen, sich nicht belügen - darum geht es in der Moral.
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