Historischer Holzschnitt Die geheimnisvolle Karte von Tenochtitlán: Ein Meisterwerk aus Nürnberg

Die Nürnberger Karte Tenochtitlans von Friedrich Peypus
Eine imposante Inselmetropole: die kolorierte Version der Karte von Tenochtitlán (1524). Der Stadtplan-Holzschnitt ist die erste in Europa gedruckte Darstellung der Hauptstadt des Volkes der Mexica, die heute auch als Azteken bekannt sind
© Edward E. Ayer Digital Collection / Newberry Library
Die älteste heute bekannte Karte von Tenochtitlán, der einstigen Hauptstadt der Azteken, stammt aus dem Jahr 1524. Der Stadtplan ist ein einzigartiges Zeugnis der mittelamerikanischen Hochkultur 

1524 entsteht in der Werkstatt des Nürnberger Buchdruckers Friedrich Peypus eine ganz besondere Karte. Auf ihr zu sehen ist Tenochtitlán. Bei der dargestellten Stadt handelt es sich um nicht weniger als eine globale Metropole: Hunderttausende Menschen lebten damals in der Inselstadt mitten auf dem Texcoco-See im heutigen Mexiko. Nach Konstantinopel und Paris war Tenochtitlán aktuellen Schätzungen zufolge eine der bevölkerungsreichsten Städte dieser Zeit. Der Holzschnitt aus Nürnberg ist heute die älteste bekannte Darstellung einer amerikanischen Stadt in Europa.

Gemeinsam mit Briefen des spanischen Eroberers Hernán Cortés an Kaiser Karl V. wird die Karte damals in der lateinischen Schrift "Praeclara Ferdinandi Cortesii de Nova Maris Oceani Hyspania" veröffentlicht. Der Druck zeigt eine mittelalterliche Metropole, die es zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bereits nicht mehr gab. 

Mexica – oder im Reich der Azteken

Tenochtitlán lag im See Texcoco, dort, wo sich heute Mexiko-Stadt befindet. Die gigantische Wasserstadt war vom 14. bis frühen 16. Jahrhundert die Hauptstadt der Mexica im Tal von Mexiko. Nach Jahrhunderten der Wanderungen gründet das mesoamerikanische Volk unter ihrem Anführer Tenoch 1325 auf einer unbewohnten Insel im Westteil des Texcoco-Sees die Stadt. Huitzilopochtli, der Gott der Sonne und des Krieges, hatte ihnen ein Zeichen gegeben: Dort, wo ein Adler auf einem Feigenkaktus thront, da soll das Volk der Mexica seine Heimat finden, so die Überlieferung. Bis heute greift das Wappen Mexikos diesen Gründungsmythos auf. 

Menschen des indigenen lateinamerikanischen Volkes der Mexica gehen durch Schilf
Die Gründungslegende um die Inselstadt Tenochtitlán ist ein zentrales Symbol der mexikanischen Nationalidentität. 1889 hat der mexikanische Künstler José María Jara sie auf der Leinwand verewigt
© DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY / Getty Images

In den darauffolgenden Jahrhunderten schmieden die Herrscher der Inselstadt einen mächtigen Dreierbund mit anderen Siedlungen der Region, weshalb Tenochtitlán zur Großmacht des Tals im mexikanischen Hochland aufsteigt: Das Reich der Azteken, wie Europäer das Volk der Mexica später bezeichnen werden. 

Der Untergang

Als am 8. November 1519 ein spanischer Expeditionstrupp unter Hernán Cortés in Tenochtitlán einmarschiert, trauen die Europäer kaum ihren Augen. Vor den Spaniern breitet sich eine atemberaubende, hochorganisierte Inselstadt aus. Einer von ihnen wird später schreiben, die Stadt sei so schön, als sei sie einem Traum entsprungen. Moctezuma II., Herrscher des Reiches, empfängt die Fremden als seine Gäste – zumindest für einige Zeit. Dann kommt es zu Spannungen und schließlich zum Aufstand. Cortés belagert die Stadt monatelang. Bis heute rätseln Forschende, warum der mächtige Herrscher die Spanier ohne Kampf in seiner Hauptstadt begrüßte. 

Das Aussehen Francisco de Orellanas (ca. 1511 bis 1546) ist nicht überliefert; dieser fiktive Stich aus dem 20. Jahrhundert zeigt ihn, bevor er ein Auge verliert

Francisco de Orellana Der Spanier, der das sagenhafte "El Dorado" suchte – und den Amazonas entdeckte

Die Gier nach Edelmetall, Land und Sklaven treibt die Europäer im 16. Jahrhundert immer tiefer ins Innere des südamerikanischen Kontinents. Im Jahr 1541 macht sich der Spanier Francisco de Orellana von den Anden aus auf die Suche nach "El Dorado". Doch der Konquistador entdeckt kein Goldreich, sondern einen mächtigen Strom: den Amazonas

1521 erobert Cortés Tenochtitlán, die einst blühende Inselstadt wird von seinen Truppen dem Erdboden gleichgemacht. Auf den Ruinen errichteten die Spanier die Hauptstadt von Neu-Spanien, das im Laufe der Jahrhundert zu Mexico-Stadt wurde. 

Nürnberg – Drehkreuz des Buchdrucks

Wenige Jahre nach der Vernichtung Tenochtitláns entsteht durch heute unbekannte Auftraggeber in der Nürnberger Buchdruckerei von Friedrich Peypus die Darstellung jener amerikanischen Metropole. Ob Peypus diese Karte eigenhändig erstellt hat, ist unklar. 

Während der lateinische Text mit beweglichen Lettern gedruckt wird, handelt es sich bei der Karte um einen Holzschnitt. Das Blatt Papier ist etwas größer als die Schriftseiten des übrigen Buches. Nur gefaltet passte die Karte in den gebundenen Band – zum Betrachten musste sie wieder auseinandergefaltet werden – es war das einzige Bild dieser Art in der Schrift "Praeclara Ferdinandi". 

Der Künstler, der den Stadtplan von Tenochtitlán anfertigen sollte, musste sich damals die Vorstellung von einer Stadt machen, die er vermutlich nie gesehen hatte – und die es zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr gab. Einerseits existierten damals Beschreibungen von Tenochtitlán, vor allem aus veröffentlichten Briefen. Cortés selbst nennt in einem Brief mögliche Quellen: Zwei Karten der Stadt hatte der spanische Eroberer von Künstlern der Mexica anfertigen lassen, die er gemeinsam mit der Korrespondenz an Kaiser Karl V. schickte. Das Kartenpaar wird 1522 am spanischen Habsburger-Hof beglaubigt, gilt heute jedoch als verloren. 

Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass Karl V. Kopien von Cortés Stadtplänen erstellen ließ. Forschende vermuten, dass er einige davon an seinen Bruder Ferdinand sandte. Eine Übergabe hätte 1524 auf dem Reichstag in Nürnberg erfolgen können, dessen Vorsitz Ferdinand innehatte. Viele Forschende sind sich einig, die verschollenen Stadtpläne der Habsburger könnten als eine Vorlage für die Nürnberger Karte gedient haben. 

Es könnte sogar weitere Quellen gegeben haben, meint Barbara Mundy, eine US-amerikanische Kunsthistorikerin. Details auf dem Stadtplan deuteten auf weiteren Quellen aus der untergehenden Welt der Mexica hin. 

Venedig des mittelalterlichen Amerikas

Auf dem mittelalterlichen Dokument sind zwei Orte in unterschiedlichen Maßstäben zu sehen: Links befindet sich eine Karte des Golfs von Mexiko, ganz unten links das heutige Florida. Auf der rechten Seite ist eine runde Stadtanlage dargestellt. Dieser Plan ist nach Westen ausgerichtet und in einem viel größeren Maßstab gezeichnet als die Karte der Golfküste.

Vier große Dämme scheinen aus allen Himmelsrichtungen in die Stadt zu führen. Auf diesen Hauptstraßen konnten bis zu zehn Pferde nebeneinanderher reiten, so schreiben es spanische Chronisten. Ein Großteil des Stadtkomplexes besteht aus Brücken, Straßen, Plätzen, Märkten, Tempeln und Häusern. Die Gebäude sind in kleinen Grüppchen durch die Kanäle unterteilt. Einige dieser Bezirke sind bepflanzte Chinampas – kleine künstliche Inseln, die im Texcoco-See aus Schichten von Pflanzen, Erde und Schlamm errichtet wurden und als Gärten und für die Landwirtschaft genutzt wurden – damals ein Wunderwerk der Stadtentwicklung. Auch deshalb gilt Tenochtitlán heute als mittelalterliches Venedig in Mesoamerika. 

Es soll auch botanische Gärten, Aquarien mit Süß- und Salzwasserfischen sowie Volieren mit Sing- und Raubvögeln gegeben haben. Die Karte zeigt auch den "domus animalium", einen Zoo, in dem Jaguare, Pumas, Füchse und Schlangen, Affen und andere Tiere lebten. In der Mitte der Stadtkarte befindet sich das zeremonielle Zentrum der Stadt. Das zentrale Gebäude ist der Templo Mayor mit zwei Türmen, die den Göttern Huitzilopochtli und Tlaloc geweiht sind. Seine Darstellung ist jenes Detail, auf das sich die These der US-Kunsthistorikerin stützt. 

Das Detail im Templo Mayor 

Auf der Karte ist das Tempelgelände nach Osten ausgerichtet, alle anderen Elemente aber nach Westen, so Mundy. Das ist ein wichtiger Hinweis. Zwischen den Türmen der Tempelpyramide im Zentrum der Stadt ist eine Sonne dargestellt. "Man sieht ein kleines, strahlenförmiges Gesicht, die Sonne, die zwischen den beiden Tempelgebäuden erscheint", schreibt Mundy. Europäische Karten aus dieser Zeit enthielten niemals Abbildungen der Sonne innerhalb des geografischen Raums, wenn überhaupt, dann in Himmeldarstellungen. 

Ein Ausschnitt der Nürnberger Karte Tenochtitlans von Friedrich Peypus
Die Detailansicht des Tempelbezirks auf der Nürnberger Karte von Tenochtitlán: Zwei Türme, zwischen denen die Sonne erscheint, sind das rituelle Zentrum der Metropole. Der Schöpfer des Holzschnitts hat das Gebäude mit "Templum ubi sacrificant" ("Tempel, wo sie opfern") beschriftet
© Edward E. Ayer Digital Collection / Newberry Library

Die Position der Sonne auf der Nürnberger Karte verweist auf eine grundlegende astronomische Perspektive der Mexica: die Tagundnachtgleiche. Ihre Kultur teilte das Jahr in zwei Zeiträume: Die Monate von März bis September, wenn die Sonne über dem Tempel von Tlaloc im Norden aufging, waren der Landwirtschaft gewidmet. Die Monate September bis März, wenn die Sonne über dem Tempel von Huitzilopochtli aufging, waren der Jagd und dem Krieg gewidmet. Den Mexica war bewusst, dass die Sonne so aufging, wie sie auf dieser Karte erscheint, nämlich direkt zwischen den Türmen des Templo Mayor, so die US-Kunsthistorikerin. 

Ein so wichtiges kosmologisches Detail könnte nur auf einer Mexica-Karte der Stadt zu finden sein, so Mundy. Auch die Anordnung der umliegenden Seen zu einer Art Ring weise auf ein Relikt der indigenen Kosmologie hin. Es liegt nahe, dass der Entwerfer des Holzschnitts von diesen Details wusste und sie deshalb in seine Darstellung der Stadt einarbeitete. 

Als erste veröffentlichte Karte einer mesoamerikanischen Stadt ist die Karte von Tenochtitlán ein unersetzliches Zeugnis dieser Hochkultur. Für Mundy ist sie von "unbestreitbarer Bedeutung". Sie wurde zur Grundlage für viele andere Karten der Stadt, die die Vorstellung der Europäer von der Welt jenseits des Atlantiks prägte.

 

Derzeit zeigt das Neue Museum Nürnberg die Ausstellung "Ella es la luna and she lights the darkness." Darin setzt sich die mexikanische Künstlerin Marianna Castillo Deball mit der Karte von Tenochtitlán auseinander.