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Deutsche Ärzte in Afghanistan Welches Kind darf leben? Welches nicht?

Kaum Medikamente, Quacksalber als Ärzte: In Afghanistan werden Krankheiten oder Unfälle schnell zum Todesurteil. Eine deutsche Organisation versucht, wenigstens einige Kinder zu retten. Und wird von Hilfesuchenden überrannt
Tausende Afghanen sind mit ihren kranken Kindern am Behandlungsort
Augenblicke der Entscheidung: In den Tagen, in denen die deutsche Hilfsorganisation "Friedensdorf International" aus Oberhausen in Kabul ist, kommen Tausende Afghanen mit ihren kranken oder verletzten Kindern zum Behandlungsort
© Daniel Pilar für GEO

Ralf Steinen-Perschke kann nur erahnen, wie viele Knochen gebrochen sind im Körper des fünfjährigen Mädchens, das vor ihm auf einer Holzbank liegt. Der für das Alter viel zu kleine Torso des Kindes steckt in einem weißen, mit rot-grünen Blumenmustern verzierten Leinenkleid, aus dem kurz und krumm die Gliedmaßen ragen. Vorsichtig nimmt der Arzt den linken Arm des Mädchens zwischen Zeigefinger und Daumen, hebt ihn an, streicht über das Handgelenk, lässt ihn wieder sinken, betastet danach den unverhältnismäßig großen Kopf.

Ein Gebirge nahe der Hauptstadt Afghanistans Kabul
Ein Land wie eine Festung: Um nach Kabul zu gelangen, sind viele der Hilfesuchenden tagelang unterwegs, durchqueren schroffe Gebirge wie hier nahe der Hauptstadt. Das Geld für die Reise müssen sie sich oft leihen
© Daniel Pilar für GEO

Am oberen Ende des von schwarzem Haar bedeckten Schädels fühlt er einen Spalt. Vielleicht ist der Knochen nie zusammengewachsen, vielleicht im Laufe des kurzen Lebens geborsten. Stumm und regungslos lässt das Mädchen die Untersuchung geschehen, nur seine großen dunklen Augen wandern ruhelos im Zimmer umher. Leidet es? Was denkt es?

Schließlich bleibt sein Blick haften auf Steinen-Perschke, der leise und sanft zu ihm spricht: "Na, was hast du uns denn hier mitgebracht?"

Dann wendet sich der Mediziner auf Englisch an die Eltern, ein afghanischer Arzt übersetzt: "Ihre Tochter hat eine extreme Form der Glasknochenkrankheit. Ihre Knochen brechen sehr, sehr schnell. Sie müssen sehr vorsichtig mit ihr umgehen. Fassen Sie sie niemals grob an. Seien Sie zärtlich zu ihr. Leider können wir die Krankheit nicht heilen. Ihre Tochter wird nicht mehr lange leben. Geben Sie ihr all Ihre Liebe für die Zeit, die noch bleibt." Über die Wangen des Vaters rollen Tränen, er wischt sie sich mit seinem Halstuch weg. Steinen-Perschke steht auf, legt ihm seine Hand auf die Schulter, sagt "I am sorry" und verlässt den Raum.

Das Schicksal der Kinder entscheidet sich im Zimmer der Hoffnung

Fragend blickt der afghanische Arzt zu den beiden im Zimmer verbliebenen Deutschen, die wie Steinen-Perschke für "Friedensdorf International", eine Hilfsorganisation aus Oberhausen im Ruhrgebiet, nach Kabul gekommen sind. "Möchte der Doktor sich nicht von den Patienten verabschieden?" Dann richtet er ein paar Sätze auf Paschtu an die Eltern. Weinend nimmt der Vater seine Tochter auf den Arm, er und die vollverschleierte Mutter gehen hinaus.

Ein paar Minuten später kehrt Steinen-Perschke zurück. Seine Augen sind rot. "Was war los?", fragt ihn eine "Friedensdorf"-Kollegin. "Musstest du auf’n Pott?" "Nein, ich brauchte mal einen Moment. Hast du die Augen des Mädchens gesehen? Das waren keine Augen. Das waren Abgründe."

Er setzt sich auf den einfachen Holzstuhl im Zentrum des kargen, etwa 12 Quadratmeter großen Raumes. In den vergangenen 40 Stunden hat er auf diesem Stuhl gemurmelt, gerufen, gestritten, gelacht, ist zusammengesackt, fast eingeschlafen. Hat zu Hunderten verletzten oder kranken Kindern gesprochen in einer Sprache, die sie nicht verstehen, und sie in drei Kategorien eingeteilt:

– Behandlung in Deutschland

– Behandlung in Kabul

– keine Behandlung mehr

Von seinem Stuhl aus stemmt sich Steinen-Perschke gegen das Leid in einem der geplagtesten Länder der Erde: Afghanistan, seit 40 Jahren mehr oder minder ständig im Krieg, bitterarm, von den Taliban autokratisch geführt, international weitgehend isoliert; als Islamisches Emirat wird es nur von einem Staat der Welt anerkannt, ausgerechnet von Russland, das 1979 als Teil der Sowjetunion dort einmarschiert ist und so Jahrzehnte voller Gewalt entfacht hat.

Untersuchungsraum in Afghanistan. Deutscher Arzt behandelt junge Patient*innen
Lebensrettung im Akkord: In einem kleinen Raum untersucht der deutsche Arzt Ralf Steinen-Perschke (M.) die jungen Patientinnen und Patienten. Stunde um Stunde, bis zur Erschöpfung
© Daniel Pilar für GEO

Viele humanitäre Organisationen haben sich aus Afghanistan zurückgezogen, seit die Taliban 2021 die Macht übernommen haben, Regierungen haben ihre Entwicklungshilfe gestoppt. Darf man Afghanistan helfen, obwohl dort radikale Islamisten herrschen? Muss man, angesichts der Not?

Allein in den elf Tagen, in denen Steinen-Perschke da ist, wird ein Schlag das Land treffen, der anderswo als epochale Katastrophe gelten würde, der den Menschen am Hindukusch aber nur ein weiteres Kapitel in ihrer langen Geschichte des Schmerzes beschert. Einer Geschichte, in der die Schwächsten am meisten leiden: die Kinder.

Zwei Tage, Bevor Steinen-Perschke das todgeweihte Mädchen beweint, betritt er den Hauptsaal eines von Mauern und Checkpoints umgebenen Gebäudekomplexes im Zentrum Kabuls. Hunderte Jungen und Mädchen sitzen auf mit rotem Stoff bezogenen Polstersesseln, liegen auf dem Boden, schlafen, wimmern, schreien. Steinen-Perschke sieht verkrüppelte Gliedmaßen, verbrannte Haut, offene Brüche, kleine Körper, die so abgemagert sind, dass sich die Knochen klar unter der Haut abzeichnen. Kinder, von denen in Deutschland viele seit Monaten oder Jahren intensivmedizinisch betreut würden, die hier mitunter aber noch nie einen Arzt zu Gesicht bekommen haben.

Hunderte Menschen warten im Saal auf eine Behandlung
Bange Stunden Im Wartesaal: Hunderte Hilfesuchende hoffen darauf, vorgelassen zu werden. Vorn sitzen die Männer, hinten die Frauen. Über Tage füllt sich der Raum immer wieder mit neu angekommenen Menschen
© Daniel Pilar für GEO

Die meisten Kinder werden von ihren Vätern begleitet. Die wenigen Mütter, bedeckt entweder mit Kopftüchern, Gesichtsschleiern, die nur die Augen freilassen, oder Burkas mit Gittern für die Augen, sitzen getrennt von Männern und Kindern in den hinteren Sesselreihen. Es ist heiß und stickig, die Klimaanlage läuft nicht. Neonlampen werfen grelles, kaltes Licht von der zehn Meter hohen Decke. Manchen Wartenden steht der Schweiß auf der Stirn.

Die Väter wedeln mit gelben Zetteln, auf denen ihre Wartenummer steht, diskutieren mit Männern, die über ihren Kaftanen Westen tragen, auf denen eine rote Mondsichel abgebildet ist. Der Rote Halbmond ist eine internationale medizinische Hilfsorganisation, die in vielen muslimischen Ländern tätig ist. Seinen afghanischen Zweig führen die Taliban. "Friedensdorf International" arbeitet in enger Absprache mit den Islamisten; keine größere Institution kann in Afghanistan unabhängig vom Regime agieren.

Den Arzt treibt die Angst, ein oberflächliches Leben zu führen

Auch dem GEO-Team stellen die Taliban Aufpasser an die Seite; doch die Überwachung ist nicht lückenlos, und viele Afghanen werden den Journalisten in den kommenden Tagen offen sagen, wie sie die Lage im Land sehen und die Zukunft ihrer Kinder. Ihre Namen stehen nicht in diesem Text, sie könnten sonst Probleme bekommen.

Verfolgt von etlichen Blicken, schlüpft Steinen-Perschke an der Kopfseite des Saals durch eine schwarze Tür, geht einen etwa 30 Meter langen L-förmigen Flur entlang und tritt durch eine braune Sperrholztür in ein Zimmer, dessen Wände lange nicht gestrichen wurden. Darin: ein Schreibtisch, ein Regal, ein paar Stühle, eine Holzbank. Hier wird Steinen-Perschke den Großteil der nächsten Tage verbringen. Für die Wartenden im Saal ist es das Zimmer der Hoffnung. Einige haben tagelange Reisen auf sich genommen, um hierher zu kommen, sich dafür Geld leihen müssen.

Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter von "Friedensdorf International" nehmen hinter dem Schreibtisch Platz. Sie regeln in Kooperation mit dem Roten Halbmond das Bürokratische, wenn ein Kind auf Kosten der Oberhausener Hilfsorganisation in Kabul behandelt werden soll. Oder wenn es, bei komplizierteren Fällen, mit nach Deutschland kommt. Etwa 70 Kinder kann der spendenfinanzierte Verein diesmal mitnehmen nach Oberhausen. Dort, im "Friedensdorf", werden die Kinder rund um die Uhr betreut und mithilfe von Kliniken aus der Region gesund gepflegt. Nach ihrer Genesung kehren die Patienten nach Afghanistan zurück. Es geht um medizinische Versorgung, nicht um Integration in Deutschland.

Doch auch die Behandlung kann Jahre dauern. Deshalb nimmt "Friedensdorf International" nur Jungen und Mädchen bis zum Alter von zwölf Jahren mit; bei älteren bestünde die Möglichkeit, dass sie gegen Ende der Behandlung 16 wären, alt genug, um Asyl zu beantragen. Dann müsste der Verein, der den deutschen Behörden garantiert, dass genau dieser Fall nicht eintritt, fünf Jahre lang sämtliche Lebenshaltungskosten der schutzgewährten Person tragen.

Ein Kind mit der Glasknochenkrankheit
Die Grenzen der Hilfe: Je nach Schwere der Leiden ordnet Steinen-Perschke eine Behandlung in Kabul oder in Deutschland an – oder muss mitteilen, dass keine Hoffnung besteht, wie bei diesem Mädchen, das gezeichnet ist von der Glasknochenkrankheit
© Daniel Pilar für GEO

Zwischen den Schreibtisch und ein Regal mit Seife, Wundsalbe, Verbandszeug, Desinfektionsmitteln und Ibuprofen-Packungen setzt sich der afghanische Mediziner, der Steinen-Perschkes Diagnosen dolmetscht, sich auch mit ihm berät. Steinen-Perschke gibt ihm die Hand. Der Rheinländer, 63 Jahre alt, Familienvater, der zu Hause gern in Lederjacke Motorrad fährt, hat seine schulterlangen grauen Haare zum Pferdeschwanz gebunden und trägt einen graublauen Kaftan, den er sich in Kabul hat maßschneidern lassen.

Schon jahrelang fliegt er mit "Friedensdorf International" nach Afghanistan. Er brauche das, sagt er, um die Angst zu verdrängen, ein oberflächliches Leben zu führen. Steinen-Perschke kommt aus einfachen Verhältnissen, seine Mutter, früh verwitwet, zog drei Jungs groß. Oft fühle er sich heute schlecht, weil er im Vergleich zu anderen so viel Geld habe. "Ich kann mir noch eine Harley kaufen, aber was bringt das?" Seine Frau hat früher gespendet für den Oberhausener Verein. Heute nicht mehr. "Ich spende schon meinen Mann", sagt sie.

Ralf Steinen-Perschke ist im Ruhestand. Er hat 34 Jahre lang als Chirurg gearbeitet, erst im Krankenhaus, dann in der eigenen Praxis. Sein Spezialgebiet sind Knochen, doch er beherrscht auch Herz- und Gefäß- sowie Allgemeinchirurgie, hat in der Ausbildung und den ersten Klinikjahren ohnehin alle wichtigen Stationen durchlaufen, kann aus dem Stand über Nierentransplantationen dozieren, über Hautkrankheiten oder Blasenekstrophien. Sein medizinisches Wissen ist umfassend. Er wird es brauchen in den nächsten Tagen.

Steinen-Perschke setzt sich, einen Meter vor ihm steht die kleine Holzbank für die Patienten und deren Begleiter. Es kann losgehen. Er untersucht Bibi, acht Jahre alt, deren Oberarmknochen sich nach einem nicht behandelten Bruch entzündet hat. "Das muss man aufmachen, aufräumen, dann kommt das zur Ruhe."

Betende Menschen auf einem Dach in Kabul
Moment der Einkehr: In der Dämmerung kommen Männer auf dem Dach eines unfertigen Hauses in Kabul zum Abendgebet zusammen. In Afghanistans Hauptstadt leben geschätzt rund fünf Millionen Menschen
© Daniel Pilar für GEO

Er untersucht Ahmad, sechs, der nicht richtig aufs Klo kann. "Braucht einen künstlichen Darmausgang."

Sabari, fünf, die vor zwei Monaten von einem Auto angefahren wurde und am rechten Fuß eine offene Wunde hat. "Soll heute noch ins Krankenhaus."

Amira, fünf, sechs oder sieben, keiner weiß es genau, die nur noch mit Krücken laufen kann. "Rachitischer Minderwuchs aufgrund von Vitamin-D-Mangel, das gibt’s bei uns gar nicht mehr."

Einen alten Mann mit Arthrose, der es irgendwie ohne Kind ins Zimmer geschafft hat. "Geben wir ihm ein paar Packungen Ibus mit."

Einen Jungen, zehn etwa, der nur mit Mühe laufen kann, begleitet von seinem zornig wirkenden Vater. "Progressive Muskeldystrophie. Der Junge braucht einen Rollstuhl. Wenn der Vater mit ihm zu Fuß geht, soll er langsam machen und Rücksicht nehmen. Er muss verstehen, dass sein Sohn nicht schneller kann."

Ein sieben Monate altes Mädchen mit einem offenen Rücken, Spina bifida, mit Flüssigkeit gefüllte Rückenmarkshäute und -nerven wölben sich in einer brötchengroßen braunroten Blase nach außen. In Deutschland wäre es direkt nach der Geburt oder noch im Mutterleib operiert worden. Steinen-Perschke nimmt das Baby auf den Arm, greift seine Finger, sagt "Na, du." Lächelt es an. Es lächelt zurück. "Wir könnten es hier ins Krankenhaus schicken, aber das kriegt man nicht mehr hin. Es wird immer bedürftig bleiben, vielleicht später mal mit einem Rollstuhl einigermaßen klarkommen."

Er untersucht Sinan, vier Jahre alt, dem der Urin aus einem Spalt in der Bauchdecke tropft. "Blasenekstrophie. Kann man hier machen."

Und sehr, sehr viele Kinder mit Verbrennungen.

In Oberhausen bekommst du neue Haut und neue Ohren

In Afghanistan kochen Familien im ländlichen Raum auf offenen Öfen, Löchern im Boden mit Feuer drin, die gleichzeitig als Heizung dienen für den oft einzigen Raum des Hauses, in dem man isst, schläft, in dem sechs, sieben, acht Kinder spielen. Wildes Rennen, ein Gerangel, ein Schubser, ein Stolpern. Es passiert immer wieder.

Ins Zimmer der Hoffnung hinkt ein Mädchen mit vom Feuer leicht verkrüppelten Füßen. Zu wenig, um sie mitzunehmen, operativ auch in Kabul kaum zu verbessern. Ihr sollen orthopädische Schuhe helfen und wundheilende Ringelblumensalbe, 250 Gramm, im deutschen Großhandel 1,65 Euro, in Afghanistan nicht zu bekommen.

Es liegt auf der Holzbank ein Junge mit komplett verbrannten Beinen. Er stand neben einer der unzähligen mobilen Tankstellen in Kabul, an denen Benzin oder Petroleum aus großen Fässern abgepumpt wird, als es zu einer Verpuffung kam, auch das alltäglich in Afghanistan. Die Wunden sind zu frisch, um zu operieren. Steinen-Perschke verbindet ihn, der Junge schreit vor Schmerz, "Allah, Allah, Allah", der Chirurg redet beruhigend auf ihn ein, "alles gut, gleich haben wir es", am Ende läuft beiden der Schweiß.

Es humpelt herein ein Junge, drei Jahre vielleicht, mit Verbänden an den Füßen, die so aussehen, als habe sie lange niemand gewechselt. Als Steinen-Perschke sie abwickelt, sieht er, dass die Füße des Jungen Stümpfe mit offenen Wunden sind. Wann das passiert sei, fragt er. Vor einem Jahr ungefähr, antwortet der Vater. Steinen-Perschke blickt seine Kollegin hinter dem Schreibtisch an. "Das Problem ist, dass wir schon einige Verbrennungen auf der Liste haben", sagt sie. "Und wer weiß, was noch kommt." "Okay", sagt Steinen-Perschke, "sollen sie es erst mal hier versuchen. Und nächstes Jahr wiederkommen."

Ein Kind mit der sogenannten Mondscheinkrankheit
Leid, auch aus Unwissenheit: Ein Mädchen mit der sogenannten Mondscheinkrankheit: Ihre Haut reagiert extrem empfindlich auf UV-Strahlung, eigentlich dürfte sie nicht ins Sonnenlicht. Doch ihre Familie ist nie darüber aufgeklärt worden
© Daniel Pilar für GEO

Die lebensverändernde Entscheidung, ob ein Kind zur Behandlung nach Deutschland kommt oder nicht, fällt oft innerhalb von Sekunden und ist häufig auch eine Frage des Zeitpunkts. Man kann zu früh drankommen oder zu spät, nach einer Reihe von Zusagen oder nach Stunden, in denen die Liste kaum gewachsen ist. Immer wieder gibt es Grenzfälle. Aber auch solche, die eindeutig sind.

Ein Junge mit verbranntem Oberkörper und Gesicht, der viele Stunden zuvor orientierungslos im Wartesaal umherblickte, tritt durch die braune Tür. Sein Unfall sei ungefähr einen Monat her, sagt der Vater. Ihm fehlen Haare, Ohren, Nase. Seine Haut ist so vernarbt, dass er seine Arme nicht mehr richtig heben kann. Steinen-Perschke bittet ihn, die Augen zu schließen, es geht nicht, die Lider sind versengt, das Kind verdreht bei seinen Versuchen stattdessen die Augäpfel; auch den Mund kann er nicht mehr schließen. "Du machst das alles gut", sagt Steinen-Perschke zu dem Jungen. "Wir nehmen dich mit nach Oberhausen. Da bekommst du neue Haut und neue Ohren. Und die Nase kriegst du in Leverkusen."

Der Vater drückt seinen Daumen in ein auf dem Schreibtisch liegendes Stempelkissen und dann auf ein vorgefertigtes Formular. So bestätigt er, das erklärt ihm der afghanische Arzt, dass er keine Verwandten in Deutschland hat, die den Jungen in Obhut nehmen könnten, und dass das Kind sofort zurückmuss, sollte es doch so sein. Afghanistan hat eine der höchsten Analphabetenraten weltweit, Schätzungen zufolge können zwei von drei Erwachsenen nicht lesen und schreiben, bei Frauen eher neun von zehn.

Unterschrift per Daumenabdruck
Unterschrift per Daumenabdruck: Die meisten Afghanen sind Analphabeten. Wenn ihr Kind zur Behandlung nach Deutschland kommt, bestätigen sie per Fingerabdruck, dass sie dort keine Verwandten haben, die das Sorgerecht beantragen könnten. Die Patienten sollen nach Afghanistan zurückkehren, sobald sie gesund sind
© Daniel Pilar für GEO

Der Mann wird seinen Sohn, dem etliche Operationen bevorstehen, viele Monate, vermutlich Jahre nicht wiedersehen. Er lächelt.

Keine Mutter, kein Vater, kein Großvater oder Onkel, die den Daumen auf das Papier pressen, zeigt Abschiedsschmerz. Viele Mienen bleiben unbewegt, und wenn Emotionen kommen, dann Erleichterung, Freude. Ein Vater drückt nach der Zusage seine geballte Faust lachend gegen die Faust eines Mitarbeiters vom Roten Halbmond. Es ist ganz offenkundig das Ziel der allermeisten Gekommenen, das Kind nach Deutschland zu kriegen. Deutschland, das heißt gute medizinische Hilfe, endlich. Und einen Magen weniger zu füllen in einem Land, in dem etwa die Hälfte der 40 Millionen Einwohner nicht genug zu essen hat.

Wenn "Friedensdorf International" keine Behandlung oder eine Versorgung in Kabul bietet, muss der afghanische Arzt im Zimmer der Hoffnung mitunter lauter werden, bis Väter, Onkel, Großväter den Raum verlassen. Auch im Wartesaal ist es mittlerweile unruhiger geworden. Männer rufen, streiten mit Mitarbeitern vom Roten Halbmond, drängen sich vor der schwarzen Tür, durch die alle wollen. Viele standen schon Stunden vor Sonnenaufgang am Eisentor vor dem Gebäude. Jetzt färbt sich der Abendhimmel rot, und der Saal wirkt kaum leerer. Die Menschen haben das Gefühl, dass nichts passiert.

Im Wartesaal wird es unruhiger. Männer streiten, diskutieren

Im Getümmel läuft eine schmächtige blonde Frau umher, redet mit Vätern, Müttern und Kindern, macht Selfies mit ihnen, lächelt, schüttelt Hände. Claudia Peppmüller ist Geschäftsführerin, Motor und emotionales Zentrum von "Friedensdorf International". Die 56-jährige Sozialarbeiterin hat die Fähigkeit, sich mit Menschen minutenlang zu verständigen, ohne ihre Sprache zu sprechen, allein durch Gesten und Mimik. Wenn sie in Oberhausen über das Gelände der Organisation läuft, kommen Kinder gerannt, rufen "Claudia", umarmen sie. Sie kennt ihre Namen und ihre Geschichten.

Peppmüller, raue Ruhrpottstimme, ist in einem Alkoholiker-Elternhaus groß geworden, hat Schläge, Scham und Heim erlebt. Sie wisse, was es bedeute, wenn Leute wegsähen, sagt sie. "Ich habe mich entschieden, hinzusehen."

Seit 2019 kommt sie nach Afghanistan. Sie war auch im Sommer 2021 da, als die Taliban Kabul einnahmen, noch während die von den USA angeführte westliche Allianz, die 20 Jahre lang im Land gestanden hatte, hastig ihre letzten Truppen abzog – und damit ein weiterer Versuch auswärtiger Mächte, Afghanistan nach ihren Vorstellungen zu formen, kläglich endete. Vor dem Flughafen schob sich Peppmüller damals durch die verzweifelte Menge, wedelte mit ihrem deutschen Reisepass, um zum Eingang zu gelangen, weinende Kinder klammerten sich an ihre Beine, amerikanische Soldaten schossen in die Luft. Bis heute denkt sie an die Menschen, die zurückblieben.

Im Saal des Roten Halbmonds versucht sie Zuversicht zu versprühen. Schüttelt aber auch ernst den Kopf, wenn ihr Eltern ein Kind hinhalten, das offenbar geistig behindert oder in einem so schlechten Zustand ist, dass sie keine Chance mehr sieht. "Manche denken, ich sei knallhart, wenn ich sage, bei dem Kind machen wir nix mehr", sagt sie später. "Aber wir müssen uns halt auf das konzentrieren, was geht. Wenn du dich auf jede einzelne Geschichte emotional einlässt, kannst du den Job nicht machen. Und wenn dir die Kinder im Schlaf erscheinen, ist es Zeit aufzuhören."

Aber Claudia Peppmüller kann noch so oft den Kopf schütteln: Die Leute bleiben. Sie wollen den deutschen Arzt sehen, der weiter Stunde um Stunde Fall für Fall abarbeitet, immer öfter gähnt, sich die Brille abnimmt und Stirn und Augen reibt. Wie in fast jeder Nacht fällt der Strom für einige Zeit aus, Steinen-Perschke begutachtet die Patienten unter dem Handy-Licht.

Eine Behandlung beim Licht einer Handylampe
Untersuchung per Notlicht: Fast jede Nacht fällt in Kabul der Strom aus. Steinen-Perschke nutzt die Lampe seines Smartphones, um in der Dunkelheit weiterarbeiten zu können
© Daniel Pilar für GEO

Um 6:45 Uhr sagt er "Schostakowitsch", keiner weiß, warum. Um 6:58 Uhr sagt die "Friedensdorf"-Mitarbeiterin hinter dem Schreibtisch: "Ralf, man versteht nichts, wenn du so murmelst."

"Ich kann nicht mehr laut sprechen."

"Dann ham wir ’n Problem."

"Ja, wir ham ’n Problem."

Es geht ins Nebenzimmer, Lagebesprechung. Steinen-Perschke setzt sich auf ein Sofa, legt seinen Kopf in den Nacken, schließt die Augen. "Ich weiß nicht, wie wir weitermachen sollen, ich brauche zwei, drei Stunden Schlaf." Als er wieder rauskommt, steht im Flur ein Mann mit seiner Tochter im Arm, sagt, er müsse dringend zurück zur Familie, 15 Stunden Fahrt. "Na komm", sagt Steinen-Perschke, "wir machen noch ein bisschen."

Sie ist nicht heilbar, nicht in Deutschland, nicht in Amerika, nirgendwo

Um 8 Uhr geht er schließlich Richtung Gästehaus des Roten Halbmonds, wo er in einem Dreibettzimmer untergebracht ist. Am Eisentor vor dem Saal stehen schon Dutzende Wartende. Für diesen Tag sind wieder Hunderte Kärtchen mit Nummern ausgegeben, und Steinen-Perschke hat längst noch nicht alle Patienten des Vortages geschafft. "Warum macht man das?", sagt er in die Morgenluft, mehr zu sich selbst als zu den anderen. "Warum fährt man hierher, wenn man ganz genau weiß, dass es so wird? Das ist wie die "Titanic", du kannst den Eisberg schon sehen und steuerst weiter drauf zu."

An seinem blauen Rucksack baumelt ein kleines Stofftier, eine Art Wurm. Den haben er und seine beiden Kinder vor vielen Jahren bei einer Autofahrt auf der Straße liegen sehen. Er habe so verloren ausgesehen. "Da sind wir rechts ran und haben ihn gerettet."

Ein paar Stunden später sitzt Steinen-Perschke wieder auf seinem Stuhl, jetzt in Sandalen, Trekkinghose, T-Shirt. Die Stimmung ist gereizt. Der Arzt, der immer auch zu den Kindern redet, mit ihnen scherzt, brauche zu lange, meinen die anderen im Zimmer. Sieben Minuten pro Patient, haben sie errechnet, ist der Schnitt, das sei zu viel. Zumal auch immer wieder Kinder hereinkommen, die unheilbare Hirnschäden haben, Zerebralparesen, die oft schon während der Schwangerschaft oder bei der Geburt entstehen, von den "Friedensdorf"-Leuten nach dem englischen Namen mit "CP" abgekürzt. Die solle Steinen-Perschke schneller abweisen. Ja, okay, erwidert er, "aber man muss es den Leuten ja auch erklären."

Eine Straßenszene in Afghanistan
Krisen Überall: Täglich strömen Tausende oft mittellose Menschen zurück ins Land; viele wurden aus Pakistan und dem Iran abgeschoben. Es gibt kaum noch Nationen, die Geflüchtete aus Afghanistan bereitwillig aufnehmen
© Daniel Pilar für GEO

Eine Mutter und ein Vater tragen ihre drei Kinder herein, deren Glieder steif sind, die ihre Bewegungen nicht kontrollieren können, deren Köpfe nach hinten und zur Seite fallen, deren Augen das Gegenüber nicht fixieren.

"CP, CP, CP, und ab dafür", sagt die "Friedensdorf"-Mitarbeiterin hinter dem Schreibtisch. Steinen-Perschke wendet sich an die Eltern: "Ihre Kinder leiden unter einer Schädigung des Gehirns. Sie ist nicht heilbar, nicht in Deutschland, nicht in Amerika, nirgendwo. Nicht mit Medikamenten, nicht durch Operationen. Ärzte, die Ihnen etwas anderes erzählen, wollen nur Ihr Geld. Die Einzigen, die Ihren Kindern helfen können, sind Sie. Geben Sie ihnen Liebe. Machen Sie Übungen mit ihnen, Training für die Gelenke und die Muskeln. Aber zwingen Sie sie nie. Es gibt viele Dinge, die sie lernen können, stehen, gehen, alleine essen. Aber sie werden sich nie wie andere Kinder entwickeln."

Nach außen hin unbewegt nehmen die Eltern die Botschaft hin, vielleicht hören sie sie nicht zum ersten Mal. Als sie draußen sind, sagt Steinen-Perschke: "So, drei Kinder in zwei Minuten, das war jetzt hoffentlich schnell genug."

Was sich im Zimmer der Hoffnung abspielt, zeigt Gesundheitsversorgung in Afghanistan unter dem Brennglas: ein Ringen um unzureichende Ressourcen; die Hilfe zu weniger, an die sich zu viele klammern. Herein kommt ein Großvater mit seinen drei Enkelkindern, zwei Jungen, ein Mädchen, vier, sieben und 13 Jahre alt. Alle drei leiden unter der sogenannten Mondscheinkrankheit, einem seltenen Gendefekt, durch den die Haut extrem empfindlich auf UV-Strahlung reagiert. Betroffene sollen die Sonne strikt meiden, ohne Schutzkleidung nur bei Dunkelheit raus. Die Gesichter der Kinder sind dunkel verfärbt, übersät mit schwarzen Flecken, darunter wohl auch Karzinome, bei der Älteren deutlich mehr als bei den Jüngeren. Das Mädchen öffnet immer nur kurz ihre roten und vernarbten Augen, wiegt mit schmerzverzerrter Miene unablässig ihren nach unten gerichteten Kopf hin und her, auf der Flucht vor dem Licht wie vor einem Feind, von dem es kein Entkommen gibt.

Eine alte Person steht am Fenster einer mobilen Gesundheitsstation
Die müden Augen des Mangels: An der Grenze zum Iran wartet eine Frau an einer mobilen Gesundheitsstation auf Medikamente. Der Zustrom von Flüchtlingen stellt das afghanische Gesundheitssystem zusätzlich auf die Probe
© Daniel Pilar für GEO

Ob der Großvater wisse, was seine Enkel hätten, fragt Steinen-Perschke.

"Es ist die schwarze Krankheit."

Ob seine Familie wisse, was zu tun sei gegen diese Krankheit.

Der Mann schüttelt den Kopf. Sie würden mit den dreien genau so umgehen wie mit gesunden Kindern auch.

Steinen-Perschke sagt dem Mann, er solle ihnen Sonnenbrillen und Kappen besorgen, sie von der Sonne fernhalten. Mitnehmen kann "Friedensdorf International" nur eines der Kinder, es wird der Siebenjährige; er wird in Deutschland Medikamente bekommen, die Zehntausende Euro kosten, bereitgestellt von einem Pharmaunternehmen, das an Therapien gegen die bisher unheilbare Krankheit forscht. Der Junge wird wahrscheinlich deutlich älter werden als seine Geschwister, denen aller Voraussicht nach nicht mehr viele Jahre bleiben.

Herein humpelt ein etwa zehnjähriges Mädchen, deren linker Fuß grotesk nach vorn steht, so, als wäre unten in ihrem Schienbein eine Treppenstufe. Sie habe sich bei einem Sturz das Bein gebrochen, sagt der Vater, einige Jahre sei das her. Steinen-Perschke hält die vor ein paar Stunden auf Kosten von "Friedensdorf International" gemachten Röntgenbilder ins Gegenlicht der Fenster.

"Operation und Fixateur, das ist die einzige Chance", sagt er. "Aber ich fürchte, das ist ein bisschen drüber für die hier."

"Wir müssen auf unsere Plätze achten."

Das Mädchen blickt zu Boden und manchmal zu ihrem Vater, sie weiß nicht, dass sich hier gerade entscheidet, wie ihr Leben weitergeht.

Steinen-Perschke schaut noch einmal auf die Röntgenaufnahmen, schüttelt den Kopf. "Scheiße." Er fotografiert die Bilder mit dem Smartphone, schickt sie dem Chirurgen Mohammad Ayub Haidar, dem afghanischen Arzt, mit dem er am liebsten vor Ort operiert, schreibt "Hallo lieber Herr, in Kabul gerate ich immer wieder in Situationen, die schwer zu lösen sind", und fragt, ob sie es nicht zusammen versuchen wollen. Er werde es sich gern genauer anschauen, lautet Haidars Antwort.

Herein kommt ein Taliban mit Gefolge. Er sei hier der Si-cherheitschef, lässt er übersetzen. Er danke "Friedensdorf International" für die wertvolle Arbeit und garantiere den Schutz aller Mitglieder der Organisation. "Wer war denn der Typ?", fragt Steinen-Perschke. "Ein weiterer wichtiger Mann mit Turban", kommt vom Schreibtisch zurück.

Herein kommt ein Vater mit seinem Sohn, den seit Langem eine Knochenentzündung im linken Unterschenkel plagt. Eigentlich ein typischer Fall für Oberhausen. Doch der Vater erwähnt, dass seine Schwester in Hamburg lebe. Damit fällt Deutschland weg. Steinen-Perschke klärt mit Dr. Haidar, den Jungen am nächsten Tag in Kabul zu operieren. Doch der Vater ist skeptisch.

"Ich habe ein Jahr darauf gewartet, dass mein Sohn nach Deutschland kann", sagt er in gutem Englisch. "Wenn wir die Operation hier machen, wird die Infektion nur noch schlimmer werden."

"Wenn Dr. Haidar und ich Ihren Sohn jetzt operieren, kriegen wir das sehr wahrscheinlich gut hin. Wenn wir warten, kann die Sache komplizierter werden."

"Können Sie mir irgendeinen Weg nennen, wie ich meinen Sohn nach Deutschland bekomme?"

"Nein, das geht nicht. Ich operiere seit zweieinhalb Jahren mit Dr. Haidar. Mit anderen afghanischen Ärzten habe ich einmal operiert und dann nie wieder. Dr. Haidar hat in den USA studiert, er ist ein guter Chirurg. Schauen Sie, hier warten Hunderte Kinder auf uns. Überlegen Sie es sich, und teilen Sie uns Ihre Entscheidung mit. Ich denke, Sie sollten die Chance nutzen."

"Ok, ich vertraue Ihnen. Inschallah."

Claudia Peppmüller von Friedensdorf International umgeben von Kindern
Hilfe und Zuwendung: Claudia Peppmüller ist Geschäftsführerin der Hilfsorganisation "Friedensdorf International" und ihr emotionales Zentrum. Häufig umgeben von Kindern, verständigt sie sich oft mit ihnen, ohne ihre Sprache zu sprechen
© Daniel Pilar für GEO

Wenig später erklärt der Mann dem GEO-Team seine Zweifel. "Unser Land ist zerstört. Es gibt kein Richtig und Falsch mehr. Die Machthaber verfolgen ihre eigenen Interessen, nicht die des Volkes. Wenn du ein Taliban bist, kannst du Arzt werden, ohne die Fähigkeiten dazu zu haben. Es herrscht Clandenken, man kümmert sich nur um die eigenen Leute."

In Afghanistan leben zahlreiche Ethnien, und auch von den drei größten repräsentiert keine die Mehrheit der Bevölkerung, nicht die Hazara, nicht die Tadschiken, auch nicht die Paschtunen, die das Gros der Taliban bilden. Es ist eine Gesellschaft, die zerfressen ist von Vetternwirtschaft und Korruption, in der persönliche Verbindungen oft mehr gelten als Regeln.

Und so ist der Vater des Jungen längst nicht der Einzige, der zweifelt am Können und an der Aufrichtigkeit der afghanischen Ärzte. Ein Restaurantbesitzer aus Kabul sagt, er hätte sehr wohl das Geld für die Operation seiner Tochter, die starke Schmerzen im Bein habe, aber er traue den Chirurgen nicht zu, die Ursache zu finden, ja noch nicht mal, dass sie es ehrlich versuchen würden. Und ein IT-Spezialist, dem "Friedensdorf International" die Blasenoperation seines Sohnes bezahlen möchte, entscheidet kurz darauf, das Angebot nicht anzunehmen. Er hätte seinen Sohn gern nach Deutschland gebracht, sagt er. Jetzt aber wolle er versuchen, mit der ganzen Familie auszuwandern, nach Pakistan, Indien, irgendwohin. Er müsse sowieso weg: "Meine Tochter will studieren, sie will Lehrerin werden. Wie könnte ich mit ihr hierbleiben?"

Unter den Taliban dürfen Mädchen nur bis zum zwölften Lebensjahr zur Schule gehen. Sie dürfen ab dann auch keine Parks besuchen, keinen Sport treiben, nur mit männlicher Begleitung aus dem Haus.

Gleichzeitig sagen die Taliban, dass Frauen nur von Frauen behandelt werden dürfen. Noch gibt es Ärztinnen, Krankenschwestern, Hebammen, die Islamisten regieren ja erst seit ein paar Jahren wieder das Land. Aber was, wenn sie sich an der Macht halten und bei ihrem Kurs bleiben? Wie soll das ein Gesundheitssystem verkraften, das man schon jetzt kaum noch als solches bezeichnen kann, dessen Schwäche man auch daran erkennt, dass immer wieder fehlbehandelte Kinder ins Zimmer der Hoffnung kommen?

Ein Junge, dessen Unterschenkel nach einem Bruch zu kurz ist. Dreimal schon haben afghanische Ärzte ihn operiert, und jedes Mal war das Ergebnis, dass das Bein immer noch zu kurz blieb.

Ein Mädchen, bei dem die Ärzte ein entzündetes Knochenstück entfernen sollten, aber nur einen Schnitt gemacht und nichts rausgeholt haben. Jetzt ist die Entzündung so schlimm, dass das Kind ein Loch im Bein hat.

Ein Mädchen mit einem großen Buckel, verursacht durch eine starke Skoliose, das mehrere Male falsch operiert wurde, dem stattdessen vielleicht ein Korsett helfen könnte. "Unters Messer für nix", sagt Steinen-Perschke. "Die haben nur das Geld genommen."

Ein Junge mit Zerebralparese, dessen Eltern ein Pulver in einem Plastikbeutel dabeihaben. "Leda IQ Gold" prangt auf der Packung, darunter ein stilisiertes Gehirn, in dem Zahnräder ineinandergreifen. Auf Englisch die Schlagwörter "Sozialisation, Verhalten, Vokabular, Sprachverständnis, Orangengeschmack", als Qualitätssiegel die Europaflagge. Das sei die Medizin, die der Arzt ihnen gegen die Krankheit ihres Sohnes verkauft habe, sagen sie. Ralf Steinen-Perschke lächelt bitter.

Eine Person steht nach einem Erdbeben in Afghanistan in den Resten seines Hauses
Im Katastrophengebiet: Afghanistan liegt in einer der seismisch aktivsten Regionen der Welt. Dieser Mann aus der Provinz Kunar steht in den Resten seines Hauses, nachdem ein Erdbeben die Gegend heimgesucht hat
© Daniel Pilar für GEO

Gegen Ende des zweiten Tages blickt er mitunter gedankenverloren ins Nichts, spricht weniger mit den Patienten, schließt die Augen, während der afghanische Arzt den Hauptteil der Kommunikation übernimmt. Einmal, als plötzlich mehrere Familien im Raum stehen und durcheinanderreden, ruft er "raus, raus, raus!". Draußen vor dem Fenster schippt ein Mann von der Sonne getrocknete Fäkalien aus dem Gras, das die Wartenden als Toilette nutzen.

Ein Vater trägt seinen vielleicht fünf Jahre alten, extrem abgemagerten Jungen ins Zimmer, dessen Beine voller Wunden und Blasen sind. Steinen-Perschke vermutet eine seltene Hautkrankheit und darüber hinaus eine Stoffwechselstörung, die verhindert, dass der Körper Nährstoffe richtig aufnimmt. Der Junge reagiert nicht, wenn man ihn anspricht. Ein Kind, das den Flug vielleicht nicht übersteht, nimmt "Friedensdorf International" nicht mit. "Sie müssen mit Ihrem Jungen dringend zu einem Kinderarzt", sagt er dem Vater. "Wenn Sie nichts unternehmen, verlieren Sie ihn innerhalb der nächsten sechs Monate." Der Vater beginnt zu weinen, zieht seinen Kaftan hoch. Sein rechtes Bein ist amputiert, er trägt eine Prothese. Der Arzt sei zu weit weg, sagt er. Er müsse trotzdem dorthin, sagt Steinen-Perschke. "Meinst du, dass er ihn zum Arzt bringt?", fragt die "Friedensdorf"-Mitarbeiterin, als Vater und Kind draußen sind. "Ich weiß es nicht", sagt Steinen-Perschke.

Bald darauf beweint er das Mädchen mit der Glasknochenkrankheit. Vielleicht sind es ihre großen dunklen Augen. Vielleicht ist sie aber auch das eine verlorene Kind zu viel.

Er frage sich manchmal, sagt Steinen-Perschke später, ob es für diese Kinder nicht besser gewesen wäre, nicht geboren worden zu sein. Eine Antwort maße er sich nicht an. Aber der Gedanke sei in seinem Kopf.

Gegen ein Uhr nachts verabschiedet er sich, er soll ja um 10 Uhr operieren. Seine Kollegen und der afghanische Arzt machen noch Stunden weiter, bis sie ihre Augen nicht mehr offenhalten können.

Am nächsten Morgen, auf der Fahrt zum Krankenhaus, sieht Steinen-Perschke Kinder in Lumpen, die Plastik sammeln und in große Säcke stopfen. Kinder, die im stockenden, chaotischen Kabuler Verkehr zum Autofenster kommen, Wasser verkaufen wollen. Manche winken ihm, ein Junge zeigt den Mittelfinger.

Das French Medical Institute for Mothers and Children ist eine private Klinik, gegründet mit Hilfe Frankreichs zu jener Zeit, als die westliche Allianz in Afghanistan präsent war. In den Fluren des Hauses hängen Plakate, darauf steht: "Integrität. Wir akzeptieren keine Geldgeschenke. Wir sind unbestechlich und bestechen nicht."

Im Operationssaal öffnen Steinen-Perschke und Dr. Mohammed Haidar das Bein des Jungen, entfernen abgestorbene Knochenteile, bohren Löcher ins Schienbein, holen entzündetes Gewebe und Knochenmark heraus, tamponieren den Knochen zur Desinfektion mit in Jod getauchtem Verband. Nach einer knappen Stunde ist alles vorbei; eine Operation, wie Steinen-Perschke sie schon unzählige Male hinter sich gebracht hat.

Im Krankenhausflur wartet der Vater auf ihn, er legt seine rechte Hand aufs Herz. "Ich danke Ihnen so sehr! Wir haben Vertrauen in die Deutschen und in Deutschland. Danke im Namen aller Afghanen." "Komm, das reicht, ist gut jetzt", sagt Steinen-Perschke. Die Männer umarmen sich. Beide weinen.

"Dr. Ralf" sei ein guter Arzt, sagt Mohammed Haidar wenig später in seinem Büro, "und ein guter Mensch". Aber er könne nicht allen helfen. Die meisten Notleidenden könnten sich den Weg nach Kabul nicht leisten oder wüssten erst gar nichts von der "Friedensdorf"-Aktion. In ihren Provinzen gebe es nur schlechte staatliche Kliniken, und die wenigen besseren privatwirtschaftlichen seien für sie zu teuer. "In Afghanistan gibt es eine Operation am offenen Herzen für 3000 Dollar, das ist nichts im internationalen Vergleich. Aber die Leute haben das Geld nicht, müssen all ihr Hab und Gut verkaufen, um lebensnotwendige Behandlungen zu bekommen."

Person schippt am Straßenrand Sand weg
Geld verdienen, irgendwie: In der Nähe der iranischen Grenze schippt ein Mann Sand weg, den der stetige Wind auf die Straße getrieben hat. Er hofft auf ein paar Münzen von vorbeikommenden Auto- und Lastwagenfahrern
© Daniel Pilar für GEO

Und die Lage könne noch schlechter werden. In vielen Gegenden fehle es schon jetzt an Ärztinnen, Schwangere blieben deswegen ohne medizinische Begleitung. "Dass die höhere Bildung für Frauen jetzt komplett wegfällt, ist ein Problem. Wir hoffen, dass die Taliban das überdenken, aber leider hören sie uns nicht an."

Zurück im Zimmer der Hoffnung, lässt Steinen-Perschke sich auf seinen Stuhl plumpsen. An diesem Abend kann er schon um 21 Uhr Schluss machen, in den nächsten Tagen noch früher, auch, weil "Friedensdorf International" entschieden hat, CP-Patienten und andere Fälle, denen der Verein nicht helfen kann, mithilfe eines afghanischen Arztes schon im Saal auszusortieren.

An einem Abend wandert Steinen-Perschke auf einen Aussichtspunkt, blickt hinab auf Kabul. Jene riesige Stadt, in der Gegner der Taliban aus allen Teilen des Landes untergetaucht sind und um ihr Leben fürchten. Manchmal habe er schon das Gefühl, sagt Steinen-Perschke, mit seiner Arbeit irgendwie auch das Regime zu unterstützen. "Zu uns sind die Entscheider ja immer nett und aufgeschlossen. Aber sie haben natürlich Gründe dafür." Das Geld für die Behandlungen in Kabul gibt "Friedensdorf International" an den Roten Halbmond, sprich: an die Taliban. Für alle Therapien und Kosten bekommt der Verein Belege. Aber ob die Islamisten wirklich jeden Dollar so einsetzen wie angegeben? Fest steht: Viele Kinder erhalten Hilfe, das sieht Steinen-Perschke Jahr für Jahr, wenn er Patienten wiedertrifft. Das ist für ihn wichtiger als die Zweifel.

Es fehlt an Tüchern, um die Leichen zu bedecken

In seiner sechsten Nacht in Kabul weckt ihn ein kaum merkliches Rütteln, irgendwie scheint sein Bett sich zu bewegen. Ein Traum? Er schläft wieder ein und sieht am Morgen, dass auf seiner Smartwatch eine Erdbebenwarnung blinkt.

Unter dem Hindukusch treffen die Indische und die Eurasische Kontinentalplatte aufeinander, Afghanistan liegt in einer der seismisch aktivsten Regionen der Welt. Immer wieder bebt hier die Erde. Diesmal trifft es die Provinzen Nangarhar und Kunar im Nordosten des Landes, das Epizentrum liegt rund 150 Kilometer von Kabul entfernt.

Die oft aus Lehm gebauten Häuser in den ländlichen Gegenden halten den Stößen nicht stand. Während Steinen-Perschke sich auf den Weg macht, um mit Dr. Haidar das Mädchen mit dem gebrochenen Schienbein zu operieren, ziehen Helfer Kinder und Erwachsene aus den Trümmern, lebende und tote, bringen über unwegsame Bergstraßen Verletzte in überfüllte Krankenhäuser, versorgen in Zelten dehydrierte und unter Schock stehende Opfer, verteilen Antidepressiva an Frauen und Männer, die nicht mehr können. Es fehlt an allem, auch an Tüchern, um die Tausenden Leichen zu bedecken. Unterdessen schieben sich scheinbar endlose Karawanen meist mittelloser Afghanen ins Land, die im Iran und in Pakistan ein besseres Leben suchten, nun aber von deren mit den Taliban verfeindeten Regierungen abgeschoben werden.

Afghanistan wirkt in diesen Tagen wie eine Versuchsanordnung, die ausloten soll, wie sehr man eine Gesellschaft erschüttern kann, bis sie zusammenbricht. Und Steinen-Perschke wie ein Matrose, der mit einem Eimer versucht, den vom Eisberg aufgeschlitzten Schiffsbug auszuschöpfen.

Ein Handybildschirm, welches ein Kind zusammen mit seinem Vater zeigt
Abschied für lange Zeit: Rohullah war zwei Jahre alt, als er zur Behandlung nach Deutschland kam. Dieses Foto zeigt ihn mit seinem Vater kurz vor dem Abflug. Bei seiner Heimkehr Jahre später spricht er die Sprache der Eltern nicht mehr
© Daniel Pilar für GEO

Seine zweite Operation in Kabul platzt. Dr. Haidar, einer der besten afghanischen Chirurgen in einem der besten Krankenhäuser des Landes, traut sich, traut seiner Klinik den Eingriff und die Nachsorge nicht zu. "Friedensdorf International" wird das Mädchen im letzten Moment mit auf die Liste nehmen, als 74. von schließlich 75 Kindern. Es wird nach Deutschland kommen, nach Monaten oder Jahren zurückkehren. So wie die Kinder, die dieses Mal mit nach Kabul geflogen sind.

Der am Oberkörper von Brandnarben gezeichnete Omar etwa, der sein in Deutschland lang gewachsenes Haar mag, seine Sonnenbrille auch drinnen trägt und davon träumt, im Lamborghini durch Kabul zu rollen.

Bushra, deren vom Feuer verkrüppeltes rechtes Bein in Oberhausen gesund gepflegt wurde. "Unser Wirbelwind" nennt Claudia Peppmüller sie. Bushra ist elf Jahre alt. Sie liebt Fußball und möchte Ärztin werden.

Oder Rohullah, fünf Jahre alt, ein fröhlicher Junge, der auf Fotos gern das Victory-Zeichen macht und mit der Actionfigur "Captain America" im Gepäck reist. Er kam als Zweijähriger mit einer Knochenentzündung nach Deutschland.

Rohullah spricht die Sprache seiner Eltern nicht mehr. Vor der Heimkehr haben "Friedensdorf"-Mitarbeiterinnen ihm Fotos von Vater und Mutter gezeigt, damit er sie erkennt.

Erschienen in GEO Nr. 02/2026