Blutabnahme und Co. Zucker gegen Schmerzen: "Echter Unterschied für Wohlbefinden des Babys"

Blick von oben: Neugeborenes Baby schläft mit Schnuller
Ob beim Setzen einer Spritze oder anderen medizinischen Eingriffen: Zuckerlösung kann gegen Schmerzen bei Neugeborenen helfen
© Catherine Delahaye / Getty Images
Süßes kann trösten – so viel steht fest. Tatsächlich gibt es einen messbaren Effekt bei Neugeborenen, den sich Ärzte einer Studie zufolge noch nicht umfassend genug zunutze machen

Etwas Süßes auf der Zunge hilft Neugeborenen über unvermeidbare unschöne Situationen hinweg. Das bestätigen streng geprüfte Daten der britischen Organisation Cochrane, die regelmäßig hochwertige Übersichtsarbeiten zu Gesundheitsthemen erstellt. Neugeborene könnten Eingriffe wie Blutabnahmen wegen ihrer noch nicht ausgereiften Schmerzregulation als sehr intensiv empfinden. "Die Erkenntnisse zeigen, dass eine kleine Menge Saccharose, die unmittelbar vor dem Eingriff verabreicht wird, eine einfache, schnelle und wirksame Methode ist, um diese Schmerzen zu lindern", erklärt Hauptautorin Mariana Bueno von der Universität Toronto.

Saccharose ist der chemische Name für Haushaltszucker, auch Rohrzucker oder Rübenzucker genannt. In Deutschland sehen die Leitlinien bereits vor, vor kleineren Eingriffe wie Blutentnahmen bei Neugeborenen Zuckerwasser zur Schmerzlinderung einzusetzen. Daneben werden Maßnahmen wie Stillen, Gabe eines Schnullers, enger Hautkontakt sowie sogenanntes Facilitated Tucking – Arme und Beine werden in Froschstellung nahe der Körpermitte gehalten – empfohlen.

Kleine Dosis, große Wirkung

"Eltern sind vielleicht überrascht zu erfahren, dass etwas so Einfaches wie ein paar Tropfen Zuckerlösung einen echten Unterschied für das Wohlbefinden ihres Babys während der Blutabnahme bewirken kann", sagt Co-Autorin Ligyana Candido von der Universität Ottawa. "Dies ist eine kostengünstige, sichere Maßnahme, die innerhalb weniger Minuten wirkt und besonders hilfreich sein kann, wenn andere beruhigende Methoden wie Hautkontakt oder Stillen nicht möglich sind."

Schmerzen bei Neugeborenen möglichst zu verhindern und sie gegebenenfalls zu behandeln, sei wichtig, betonen die Cochrane-Experten: "Schmerzen haben vielfältige Folgen für Neugeborene. Sie können zu Wachstumsstörungen beitragen und die Gehirnentwicklung beeinträchtigen."

Lange Zeit wurde angenommen, dass Frühgeborene und Neugeborene allgemein schmerzunempfindlich sind, weil ihr Nervensystem als unreif galt und Reaktionen als bloße Reflexe interpretiert wurden. Erst Studien unter anderem zu Stresshormonen zeigten, dass Schmerzbehandlung gerade bei Frühgeborenen besonders wichtig ist. Und ausgerechnet diese Babys müssen in der Klinik besonders viele unangenehme Prozeduren über sich ergehen lassen.

Maßnahmen gegen den Schmerz bei Babys noch nicht die Regel

Bis heute sind Maßnahmen gegen den Schmerz nicht die Regel, wie es von Cochrane heißt. "Neugeborene werden im Krankenhaus häufig Nadeleingriffen ohne Schmerzlinderung oder beruhigende Maßnahmen unterzogen", sagt Bueno. Die Schmerzbehandlung bei Eingriffen auf neonatologischen Intensivstationen sei auch in Ländern mit hohem Einkommen generell unzureichend, heißt es in der Cochrane-Übersichtsarbeit.

Bei Venenpunktionen würden nur in 72 bis 76 Prozent der Fälle Schmerzmanagement-Strategien angewendet. Dabei könne es bei Neugeborenen zum Beispiel mehr als zehn Versuche brauchen, bis eine intravenöse Kanüle erfolgreich gelegt ist. "Idealerweise sollten alle schmerzhaften Eingriffe im klinischen Alltag mit angemessenen Schmerztherapien durchgeführt werden." Die nun vorgestellten Erkenntnisse sollen dazu führen, dass Ärzte die einfache Methode der Saccharose-Gabe sicherer und konsequenter anwenden.

Zuckerlösung wohl besonders wirksam in Kombi mit Schnuller

Das Cochrane-Team bezog 29 klinische Studien mit insgesamt mehr als 2.700 Frühgeborenen und ausgereift zur Welt gekommenen Babys ein, die im Krankenhaus einer Venenpunktion unterzogen wurden. Demnach verringert Zuckerlösung im Vergleich zu keiner Behandlung, Wasser oder Standardversorgung wahrscheinlich die Schmerzen während und unmittelbar nach dem Einstich. Die Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass Saccharose besonders gut wirkt, wenn sie mit dem Saugen etwa an einem Schnuller kombiniert wird.

Im Vergleich zu direktem Hautkontakt habe Zuckerlösung möglicherweise keinen oder nur einen sehr gering besseren Einfluss, schließen die Forschenden zudem. Im Vergleich zum Stillen reduziert Saccharose die Schmerzwerte während der Venenpunktion wahrscheinlich stärker, der Unterschied in den Schmerzwerten zwei Minuten danach dürfte jedoch gering sein.

Keine Lösung für alles

Keine der in der Übersicht berücksichtigten Studien berichtete über unmittelbare Nebenwirkungen von Saccharose, wenn diese in den für die Schmerzlinderung erforderlichen geringen Mengen verwendet wurde, heißt es in "Cochrane Database of Systematic Reviews" weiter. Es seien weitere Untersuchungen erforderlich, um mögliche langfristige Auswirkungen einer wiederholten Anwendung bei Babys zu verstehen, die längere Zeit in der Neugeborenenpflege verbringen.

Routinemäßig einfach nur zur Beruhigung eines weinenden Babys sollte Zuckerwasser aber nicht verabreicht werden, betonen die Experten auch. Die neurochemischen Grundlagen der schmerzlindernden und beruhigenden Wirkung süß schmeckender Substanzen seien noch nicht vollständig verstanden, wird erklärt. Ausgelöst werde die Wirkung wohl über die Stimulation der Geschmacksknospen in der Mundhöhle. Die optimale Schmerzlinderung werde zwei Minuten nach der Saccharosegabe erreicht und halte bis zu fünf Minuten an.

Annett Stein