Bildung unter Brücken Diese Schule ermöglicht Straßenkindern ihr Recht aufs Lernen

  • von Frauke Gans
Schule unter Brücken
Die Schule liegt unter einer Hochstraße in Thane, nicht weit von Mumbai – nahe dem Arbeitsplatz der Kinder
© Rafiq Maqbool
2016 gründete Bhatu Sawant nahe Mumbai eine Lehranstalt für Straßenkinder. Nun gibt es erste Absolventinnen und Absolventen

Die Kinder an den Ampeln. Bhatu Sawant sah sie auf seinen Reisen durch indische Großstädte überall. Wenn die Autos zum Stehen kommen, bieten sie zwischen den Fahrzeugkolonnen Spielzeuge und andere Kleinigkeiten zum Verkauf an. Auch und gerade zur Schulzeit. "Meist sind es Kinder von Nomaden, vom Stamm der Pardhi," sagt der Journalist. Ein Großteil der weit über 400.000 Pardhi lebt in den Bundesstaaten Maharashtra und Madhya Pradesh. Ursprünglich waren sie Jäger und Sammler, inzwischen haben sie sich auch dem Ackerbau, der Viehzucht, Handwerken wie Körbeflechten oder als Tagelöhner verschrieben. Doch auch diese Notbehelfe bieten kaum noch eine Existenzgrundlage. Folglich ziehen die Menschen in die Metropolen. Dort bleibt ihnen, ohne formale Schulbildung, meist nur der Straßenhandel. Und damit es zum Leben reicht, müssen auch ihre Kinder arbeiten – denen dann der Schulbesuch von vorneherein verwehrt bleibt.

Klassenzimmer
Ausgebildete Lehrkräfte, drei Mahlzeiten am Tag und am Ende offizielle Abschlüsse: Die "Signal School" hat Straßenkindern ungeahnte Chancen eröffnet
© Bhatu Sawant

Bhatu Sawant beschloss, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Der 45-Jährige eröffnete 2016 eine Schule in Thane nahe Mumbai. Nicht irgendwo: Sondern unter der Hochstraße "Teen Hath Naka" am Eastern Express Highway. Also direkt am Arbeitsplatz der Kinder, der oft auch ihr Wohnort ist. Sawant gab seiner Lehranstalt den Namen "The Signal School", nach dem englischen traffic signal für Verkehrsampeln. So können die Kinder direkt nach dem Unterricht ihre Familien wieder beim Verdienen des Lebensunterhaltes unterstützen. Liegen ihre Kreuzungen zu weit entfernt für einen Fußmarsch, werden die Schüler per Bus eingesammelt.

Das Recht auf Bildung

Die "Signal School" ist nicht die einzige Lehranstalt unter einer Brücke: In Indien existieren mehrere Schulen dieser Art, ins Leben gerufen oft von pensionierten Lehrern, die auf Gehwegen, in Bussen, unter Brücken oder wie Sawant unter Hochstraßen Klassenräume improvisieren. Doch während die anderen Schulen bislang nur Basiswissen vermitteln, kämpfte Sawant sich durch die indische Bürokratie, bis seine Schülerinnen und Schüler nun auch die Chance auf einen offiziell anerkannten Abschluss haben. Dafür stellte er vor allem ausgebildete Lehrer ein, inzwischen gibt es auch Sportunterricht. Seine Klassen bekommen grundsätzlich drei Mahlzeiten, es gibt Duschgelegenheiten, und die Ermahnung, sich die Zähne zu putzen. Schiffscontainer fungieren als Klassenzimmer und schirmen die Kinder vom Verkehrslärm ab. Firmen spendeten Software und ein Dutzend Computer, nun können die Kinder auch Grundlagen der Informationstechnik erlernen. Spenden flossen allerdings zunächst sehr spärlich: "Zu Beginn verkaufte meine Frau ein Teil ihres Schmuckes, um Geld für das Projekt zu beschaffen," erzählt Sawant.

Bhatu Sawant
Bhatu Sawant gründete die Schule vor zehn Jahren, inzwischen findet der Unterricht nicht mehr auf der Straße statt, sondern in Containern
© Bhatu Sawant

Im Prinzip haben alle Minderjährigen in Indien zwischen dem sechsten und vierzehnten Lebensjahr ein Recht auf Bildung, es herrscht Schulpflicht. "Aber die Nomadenvölker besitzen keine Geburtsurkunden. Sie werden behandelt wie illegale Einwanderer," erklärt Sawant. Denn die Pardhi waren von den britischen Kolonialherren zu einem "denotified Tribe" erklärt worden, 1871 wurden derart "mindere" Bevölkerungsgruppen durch den "Criminal Tribes Act" pauschal als kriminell gebrandmarkt. Diese Stigmatisierung wirkt bis heute nach. Sawant verschaffte den Familien seiner Schülerinnen und Schüler die fehlenden Nachweise: Nun können sie belegen, dass sie seit Jahren im Bundesstaat Maharashtra leben, gelten damit offiziell als Einwohner – und können Ansprüche auf Sozialleistungen erheben, von deren Existenz sie oft gar nichts wussten.

Als erstes müssen die Lehrer ihren Schülern allerdings Marathi beibringen, die Amtssprache des Bundesstaates, parallel lernen die Kinder Englisch. Denn die meisten beherrschen zu Beginn ausschließlich Pardhi, die Sprache der Nomaden. Inzwischen sind einige Ehemalige als Ingenieure beschäftigt oder als Polizisten, viele haben die zehnte Klasse erfolgreich mit einem offiziellen Zeugnis abgeschlossen. Inzwischen hat Bhatu Sawant eine zweite "Signal School" eröffnet, in Navi Mumbai, einer Satellitenstadt östlich von Mumbai. 60 Kinder werden dort im Moment unterrichtet. Wenn alles gut geht, werden sich die Schülerinnen und Schüler ein eigenes Dach über dem Kopf leisten können, statt unter Brücken wohnen zu müssen.

Erschienen in GEO 03/2026