Wie ein schwerer, tropfenförmiger Sack schwebt das verlorene Schleppnetz in den Tiefen der Ostsee. Jahre schon, vielleicht Jahrzehnte hängt es fest am Meeresboden vor Rügen und formt ein Gefängnis aus Plastik, hält die Kadaver von Meeresvögeln, Krebsen und Fischen in seinem Inneren. Bis heute.
Mit Messern sägen Taucherinnen und Taucher an den algenbewachsenen Tauen, die sich am felsigen Untergrund verfangen haben. Eine mühsame und gefährliche Arbeit, nicht nur wegen des kalten Tiefenwassers und der schlechten Sicht: Die Tauchenden müssen aufpassen, sich nicht selbst in dem Netz zu verheddern.
Sobald es vom Meeresboden gelöst ist, wird das Netz von luftgefüllten Hebesäcken an die Oberfläche gezogen, wo Helfende die Taue Meter für Meter an Bord eines Boots ziehen. Einige der darin gefangenen Plattfische hatten Glück: Sie leben noch, können mit gezielten Schnitten aus dem Netz befreit werden und verschwinden nach einem kurzen, kräftespendenden Wannenbad wieder in der Ostsee.
Sie waren die letzten Gefangenen des Geisternetzes, dessen Bergung Aktivistinnen und Aktivisten der Umweltorganisation Sea Shepherd auf einem Video festgehalten haben. Doch es ist nur eines von Tausenden herrenlosen Netzen, die in der Ostsee treiben. Und in jedem anderen Meer der Welt.