Nicht nur die Augen der Schachwelt, sondern Menschen auf allen Kontinenten richteten ihre Aufmerksamkeit vor 30 Jahren, am 10. Februar 1996, auf Philadelphia in den USA. Im Convention Center nahm dort Garri Kasparow, der amtierende Weltmeister, an einem Schachbrett Platz. Sein Gegner aber stand knapp 200 Kilometer entfernt in Yorktown Heights im Bundesstaat New York: Es war ein Computer von IBM, bekannt unter dem Namen "Deep Blue".
Das Spiel der Könige zu beherrschen gilt als ein Ausweis von Intelligenz. Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass es deutlich mehr mögliche Spielzüge als Atome im Universum gibt. Immer wieder erfolgreich zu entscheiden, welche Figur als Nächstes auf welches Feld gesetzt werden muss, und dabei die Reaktionen des Gegners über eine ganze Reihe von Zügen vorauszuberechnen, erfordert eine außerordentlich hohe Konzentration, Ausdauer und viel Spielerfahrung.
1996, als die Entwicklung der Computer noch in ihrer frühen Phase steckte und in nicht einmal jedem vierten Haushalt in Deutschland ein PC stand, stellte sich nun die Frage: Wenn ein Computer in der Lage wäre, den besten Schachspieler der Welt zu schlagen, bedeutete das, dass der Mensch eine Maschine bauen kann, die intelligenter ist als er selbst?
In Pittsburgh hatten in den 1980er-Jahren Studierende um den Informatiker Feng-hsiung Hsu aus Taiwan damit begonnen, einen Computer zu entwickeln, der eine viel höhere Rechenleistung aufweisen sollte, als alle bis dahin gebauten Maschinen. Ab 1989 arbeiteten sie in einem Team bei IBM Research an dem Projekt. Als das Team 1996 mit neuen extrem leistungsfähigen Chips einen Computer entwickelt hatte, der 200 Millionen Spielstellungen in der Sekunde berechnen konnte, forderte die Firma den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow zum vermeintlich ultimativen Duell zwischen Mensch und Maschine heraus. Würde der 32-Jährige den Sieg davon tragen, winkten ihm 400.000 US Dollar.
In sechs Partien sollte sich der Weltmeister mit dem Supercomputer messen. Turnierübliche Bedenkzeit.
Kasparow nahm an. Er war siegessicher. Bei einem ähnlichen Wettstreit gegen eine Vorgängerversion hatte Kasparow 1989 klar gewonnen. Der in Baku am Kaspischen Meer geborene und aufgewachsene Schachspieler wurde bereits mit 17 Jahren Großmeister und gewann im selben Jahr den Weltmeistertitel der Junioren. 1985 setzte er sich gegen den langjährigen Weltmeister Anatoli Karpow durch und verteidigte mehrfach seinen Titel. Er zählte zu den ganz Großen der Schachgeschichte.
Das erste Spiel
In Philadelphia tippte ein Assistent Kasparows Züge in einen PC, und sie wurden per Telefonleitung an das Rechenzentrum im Bundestaat New York übertragen. Hatte Deep Blue einen Zug berechnet, wurde er an den Spielort durchgegeben, und der Assistent führte ihn auf dem Brett vor Kasparow aus.
Zunächst verlief die Partie, wie von Kasparow erwartet. Doch bei seinem 32. Zug unterlief dem amtierenden Weltmeister ein folgenreicher Fehler mit seinem Turm – nach drei Stunden und 15 Minuten beziehungsweise nach 37 Zügen musste er aufgeben. Die Maschine hatte ihn geschlagen: Eine Sensation. Die intellektuelle Überlegenheit des Menschen stand infrage.
Zwar gewann Kasparow am nächsten Tag das zweite Spiel und konnte am Ende der sechs Partien mit vier zu zwei Punkten erhobenen Hauptes abreisen – aber mit seiner Niederlage in der ersten Partie wurde ein Meilenstein im Wettstreit Maschine gegen Mensch erreicht.
Im folgenden Jahr, 1997, fand eine Revange in New York statt, wieder trat Kasparow gegen den weiterentwickelten Deep Blue an und diesmal gewann der Computer nach mehreren unentschiedenen Spielen den Wettstreit mit 3,5 zu 2,5 Punkten.
Seither ist die Entwicklung rasant vorangeschritten, die Technik hat das Schachspielen revolutioniert. Überall auf der Welt nutzen Profis und Amateure Schachprogramme für ihr Training und die Analyse ihrer Spielzüge. Mittlerweile sind diese Programme längst so gut, dass kein Weltmeister gegen sie noch eine Chance hätte. Aber solche Versuche haben sich auch überlebt: Es träte ja auch niemand im Kopfrechnen gegen einen Taschenrechner an.