70 Jahre "Que sera, sera": Wie eine Popformel die Welt eroberte

Doris Day singt neben dem Set des Films "Der Mann, der zu viel wusste"
In einer Drehpause des Films "Der Mann, der zu viel wusste" singt Doris Day 1956 das Lied, das ihr größter Hit werden wird: "Que sera, sera". In falschem Spanisch drückt es fröhlichen Fatalismus aus
© Hulton Archive / Getty Images
Seit 70 Jahren ein Ohrwurm: Doris Days "Que sera, sera" begeistert Generationen mit einer einfachen Lebensweisheit. Wie eine vermeintlich spanische Phrase Geschichte schrieb

"Que sera, sera, whatever will be, will be", singt eine Mutter, während sie für ihren Sohn das Bett zum Schlafen herrichtet. "The future's not ours to see. Que sera, sera, what will be, will be". Gleich am Anfang seines Thrillers "Der Mann, der zu viel wusste" (1956) lässt Regisseur Alfred Hitchcock seine Protagonistin Jo McKenna, gespielt von Doris Day, in einem Hotelzimmer für ihr einziges Kind ein Wiegenlied singen. Bei der zweiten Strophe stimmt ihr Sohn Hank, gespielt von Christopher Olsen, schließlich mit ein. Das vermeintlich fröhliche Mutter-Sohn-Duett führt die Zuschauenden ein in das, was noch kommen mag. 

Noch ein weiteres Mal wird Doris Day dieses Lied in jenem Hollywood-Spielfilm performen - diesmal begleitet sie ihren Gesang am Klavier. Es ist der dramatische Höhepunkt des Films, so viel sei verraten. 

Damals ist Doris Day nicht nur auf der großen Leinwand bekannt. Ihren Durchbruch in Hollywood hatte die Schauspielerin und Sängerin vor allem mit Rollen in Musicals, in denen ihre Erscheinung und ihre Stimme zur Geltung kamen. Als 1956 Hitchcocks Film in die Kinos kommt, nimmt sie den Titelsong mit dem US-amerikanischen Musiklabel Columbia Records als Schallplatte auf. 

Am 24. Februar 1956 wird die Single "Que sera, sera" veröffentlicht und mausert sich zum Riesenhit. In den USA und vielen europäischen Ländern hält sich das Lied wochenlang weit oben in den Charts, schafft es mancherorts sogar auf Platz eins. Das US-amerikanische Duo Jay Livingston und Ray Evans hatte das Stück komponiert, für ihr Werk werden sie 1957 mit dem Oscar für die beste Filmmusik ausgezeichnet. 

Der Erfolg von Doris Days Schallplatte macht den Songtitel weltberühmt, schnell wird er Teil des  Alltagsjargons. Seit 70 Jahren trällern Väter, Mütter und Kinder nun die Pop-Formel "Que sera sera". Doch woher kommt die eingängige Wortfolge eigentlich und was bedeutet sie? 

Ursprünge eines Pseudo-Sprichwortes 

Der Linguist Lee Hartman, emeritierter Professor für spanische Sprache an der Southern Illinois University, hat sich mit der Bedeutung des berühmten Spruches beschäftigt. Ergebnis seiner Forschung: Der Ausdruck wurzelt weder in der italienischen noch in der spanischen Sprache. Das vermeintliche Sprichwort habe so gut wie keine Tradition in Spanien und Italien, und auch in der dortigen Literaturgeschichte sei die Phrase nicht bekannt. Alle Hinweise deuteten darauf hin, dass der Spruch seinen Ursprung in England habe. Einen ersten Beleg findet Hartman in einer englischen Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. Darin steht "quy serra serra", eine vermutlich französische Schreibweise der Formel. Ihre damalige Bedeutung bleibt für den Linguisten jedoch ein Rätsel. 

Wenig später folgte der englische Schriftsteller Christopher Marlowe diesem Sprachtrend: In eine Fassung seines berühmtn, um 1592 uraufgeführten, Dramas "Doktor Faustus" schrieb er die pseudo-spanische Phrase "Que sera sera" hinein.

In der folgenden Zeit war vor allem die pseudo-italienische Version "Que sara sara" im englischen Hochadel beliebt. Als Wappenspruch oder Familienmotto ist die Zeile bis heute vielfach überliefert, unter anderem auf dem Wappen der Herzöge von Bedford. Vermutlich ab dem 17. Jahrhundert erhielt die Sentenz ihre bis heute gültige Bedeutung: eine fatalistische Haltung eines Individuums gegenüber dem Weltenlauf. 

Das Wappen des Duke von Bedford
Von 1708 bis zu seinem Tod 1732 trug Wriothesley Russell den Titel 3. Herzog von Bedford. Ein Kupferstich aus dem Jahr 1724 zeigt das Wappen der englischen Adelsfamilie. Darauf zu sehen ist auch der pseudo-italienische Spruch "Que sara, sara"
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Fatalistische Formel: Was sein wird?

Auch Doris Day besingt in den 1950er-Jahren frohlockend jenen Fatalismus. In der deutschen Übersetzung heißt das dann "Was sein wird, wird sein", oder etwas freier übersetzt: "Es kommt so, wie es kommen muss". 

Der Liedtext ist ein Dialog zwischen den Generationen: In der ersten und zweiten Strophe fragt die singende Person als Kind und als Heranwachsende, was die Zukunft wohl bringen wird. Immer antwortet die Mutter mit dem Refrain "Que sera sera". In der dritten Strophe ist das Kind aus der ersten Strophe schließlich selbst Mutter. So wiederholt der Refrain eine Botschaft als allgemeingültige Lebensweisheit der Älteren an die Jüngeren: Man solle akzeptieren, dass bestimmte Dinge außerhalb der eigenen Kontrolle liegen und sie deshalb so annehmen, wie sie kommen, statt sich von Sorgen und Trübsal beherrschen zu lassen. Eine fatalistische Formel wird so zu einer Familienweisheit. 

Vom Kinderlied zur Erkennungsmelodie

Als Doris Day das Lied zum ersten Mal in den Filmstudios singt, soll die Schauspielerin ganz und gar nicht begeistert von Text und Melodie gewesen sein. Erst die positive Resonanz des Publikums überzeugt auch den Hollywoodstar. 

In den 1960er-Jahren singt Doris Day das Lied immer wieder, in verschiedenen Hollywood-Produktionen. Ab 1968 erhält sie eine eigene Serie, die "Doris Day Show", natürlich wird "Que sera sera" deren Intro. Und zur persönlichen Erkennungsmelodie von Doris Day: Bis zum Ende der Sitcom 1973 ist die Formel wöchentlich im US-Fernsehen zu hören. 

Viele Künstlerinnen und Künstler finden danach Gefallen an dem Song: 1959 setzt sich ein junger Amerikaner an ein Piano im hessischen Bad Nauheim, wo er als US-Soldat stationiert ist. Elvis Presley singt "Que sera sera". Erst 1999 wird dieser private Tonbandmitschnitt veröffentlicht – live sang der "King of Rock and Roll" die schicksalsergebene Formel nie. 

Auch ein Mitglied der Beatles interpretiert das Lied neu: 1969 produziert Paul McCartney eine Version mit der Sängerin Mary Hopkin. Anfang der 1970er-Jahre ist Doris Days Sohn, Terry Melcher, an einer Neu-Vertonung durch die Funk-Band Sly & The Family Stone beteiligt. Eine düstere Version des Liedes nimmt 2022 die US-Rockband Pixies auf, auch die US-Sängerin Miley Cyrus singt zu Beginn ihrer Karriere eine poppige Version. 

Heute gibt es mehr als 50 Varianten des Songs, auch auf Niederländisch, Polnisch, Jiddisch, Mandarin, Hindi; der Text wurde in Dutzende Sprachen übersetzt. Auf Deutsch interpretierte unter anderem die Schweizer Schlagersängerin Lys Assia das Lied unter dem Titel "Was kann schöner sein".  

An den Erfolg der Originalversion mit der Stimme von Doris Day jedoch reicht keine Neuinterpretation heran. Ihre Aufnahme belegt Platz 48 der 100 besten Lieder des US-amerikanischen Kinos. Seit 2012 hat der Song auch einen Platz in der Grammy Hall of Fame, einer von der US-amerikanischen Recording Academy in Los Angeles vergebenen Auszeichnung, die Lieder und Musikalben von dauerhafter qualitativer oder historischer Bedeutung würdigt.

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