Rezension Frauen am Klavier: Ein Blick auf verdrängte Karrieren der Musikgeschichte

Maria Anna Mozart (1751-1829), Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart, trat bereits mit 11 Jahren als Konzertpianistin auf
Maria Anna Mozart (1751-1829), Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart, trat bereits mit 11 Jahren als Konzertpianistin auf
© © Fine Art Images/Heritage Images / picture alliance
Susan Tomes beleuchtet in ihrem reich bebilderten Buch 50 Pianistinnen, ihre Erfolge und Hindernisse – und analysiert, warum viele von ihnen aus der Musikgeschichte verschwanden

Ein glanzvoller europäischer Fürstenhof in den 1760er-Jahren: Am Klavier sitzt ein elfjähriges Wunderkind, dessen präzises und virtuoses Spiel selbst kritische Zuhörerinnen und Zuhörer in Staunen versetzt. Der Name auf den Plakaten, der den Adel zu den Konzerten anlockt, lautet Maria Anna Mozart, genannt Nannerl.

Während ihr jüngerer Bruder Wolfgang Amadeus noch im Schatten ihres Talents steht, erhält das Mädchen bereits große Anerkennung für ihr Klavierspiel. Doch nur wenige Jahre später endet diese öffentliche Karriere abrupt: Als Nannerl ins heiratsfähige Alter kommt, nimmt ihr Vater sie nicht mehr mit auf Konzertreisen. Professionalität und Komposition gelten als unvereinbar mit der Rolle einer künftigen Ehefrau, ihr Platz am Instrument wird in die Privatsphäre verbannt. Nicht ein einziger Takt ihrer eigenen Musik ist heute erhalten – ein Schicksal, das sie mit unzähligen begabten Frauen der Musikgeschichte teilt.

Mit dieser und vielen weiteren Biografien korrigiert die renommierte britische Pianistin und Autorin Susan Tomes in ihrem Buch "Frauen am Klavier – Fünfzig Pianistinnen und ihre Geschichte", erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag, die jahrhundertelange männliche Dominanz der Musikgeschichtsschreibung.

Das Klavier als perfekter Platz für die Frau im Haus

Doch der Band ist weit mehr als eine bloße Aufzählung. Susan Tomes, selbst eine der ersten Frauen, die am berühmten King’s College in Cambridge Musik studierten, verbindet ihre Perspektive als Konzertpianistin mit akribischer Recherche. Ihre zentrale Beobachtung: Das Klavier fungierte über Jahrhunderte hinweg als "perfekter Partner" für Frauen im häuslichen Umfeld, während ihnen der Zugang zum professionellen Konzertleben systematisch verwehrt blieb, sobald sich dieses im 19. Jahrhundert etablierte.

Seit dem 18. Jahrhundert wurde das Klavierspiel zu einer Fertigkeit, die von einer gut ausgebildeteten jungen Dame erwartet wurde. In einer Zeit, in der noch keine Musikaufnahmen zur Unterhaltung verfügbar waren, wurde bei einer Frau neben Zeichnen, Malen, Nähen und Sticken, Tanzen und Singen, einer guten Körperhaltung und einer eleganten Handschrift auch das Klavierspiel sehr geschätzt. In der Malerei des 19. Jahrhunderts und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein zeigen häusliche Szenen attraktive Frauen häufig an Tasteninstrumenten – mal allein, mal mit Freundinnen oder Müttern gemeinsam spielend und manchmal umringt von einer Kinderschar, als wäre das Klavier ein Symbol für Glück, Gesundheit und Häuslichkeit.

Und noch aus einem weiteren Grund galten insbesondere größere Tasteninstrumente als "frauentauglich", wie Susan Tomes schreibt: "Aufgrund von Größe und Gewicht standen diese Instrumente meist in Privathaushalten. Je größer und schwerer das Klavier wurde, desto sorgfältiger wies man ihm einen unverrückbaren Platz im Zuhause zu. [...] Als ein fest an den häuslichen Bereich gebundener Gegenstand war das Klavier geradezu ideal für die Frau." Zumindest, wenn man es durch die Brille männlicher Zeitgenossen betrachtet.

Derlei historische Einordnungen und biografische Erzählungen wechseln sich ab mit hochwertigen und seitenfüllenden Reproduktionen von Gemälden und Porträts, die dem Geschriebenen auch visuell Gewicht verleihen.

Vergessene Pianistinnen im Fokus

Susan Tomes spannt den Bogen von den Anfängen des Hammerklaviers um 1750 bis in die Gegenwart. Neben bekannten Namen wie Clara Schumann, die mit ihren Tourneen eine Familie ernährte und dennoch oft nur in Relation zu ihrem Mann wahrgenommen wird, rücken auch vergessene Ikonen in den Fokus: etwa Sophie Menter, deren Popularität im 19. Jahrhundert so groß war, dass Fans ihre Kutsche zogen, oder die Polin Maria Szymanowska, die die Kompositionen von Frédéric Chopin prägte, ohne je als Quelle gewürdigt zu werden.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Tomes Pianistinnen, die mehrfachen Barrieren ausgesetzt waren. Dazu zählen die Jazzmusikerin Nina Simone, deren Karriere im Klassikbereich an rassistischen Strukturen scheiterte, ebenso wie die chinesische Pianistin Zhu Xiao-Mei, die während der Kulturrevolution heimlich Bachs Goldberg-Variationen übte.

Tomes beschränkt sich in ihrem Buch aber nicht nur auf historische Rekonstruktion, sondern analysiert auch die Gegenwart. Sie thematisiert strukturelle Benachteiligungen bei internationalen Wettbewerben und weist auf ein oft übersehenes physisches Problem hin: Die Standardgröße moderner Klaviaturen orientiert sich an männlichen Händen – mit gesundheitlichen Risiken und klaren Nachteilen für viele Pianistinnen.

Einige Kritikerinnen und Kritiker bemängeln die bisweilen strenge Bewertung männlicher Zeitgenossen sowie gelegentliche klischeehafte Zuspitzungen in den Einleitungen. An der Relevanz des Buches ändert das wenig. "Frauen am Klavier" erweist sich als engagiertes Plädoyer für die Sichtbarkeit weiblicher Kunst und als anregende Einladung, die Musikgeschichte neu zu hören – und neu zu bewerten.

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