Die Geigen von Antonio Stradivari (1648-1737) sind für ihren einzigartigen Klang berühmt. Doch wie der Meister aus dem oberitalienischen Cremona seine Geigen, Bratschen und Celli so bauen konnte, dass Profi-Musiker sie 300 Jahre später immer noch bevorzugt spielen und die Instrumente auf Auktionen bis zu elf Millionen Euro erzielen – das ist bis heute rätselhaft geblieben.
Dabei fehlt es nicht an teils skurrilen Erklärungen. So vermuteten einige, Stradivari habe gut abgelagertes, "heiliges" Holz aus Kirchen oder Kathedralen verwendet. Andere mutmaßten, er könnte das Holz mit bis heute nicht identifizierten Chemikalien und Mineralien behandelt haben. Oder er habe die Lacke für die Oberflächen seiner Instrumente nach einer besonderen (und natürlich geheimen) Rezeptur angemischt. Oder noch einfacher: Der unvergleichliche Klang seiner Instrumente sei in Wahrheit ein Mythos.
Mit einer weniger spekulativen Fragestellung hat sich nun ein internationales Forschungsteam auf die Suche nach dem Geheimnis des Meisters gemacht. Die Forschenden wollten herausfinden, woher das Fichtenholz stammt, das Stradivari für seine Decken verwendete. Gemeint ist damit der obere Teil des Geigenkorpus, beim unteren Teil, dem Boden, kommt traditionell Ahornholz zum Einsatz.
Die Forschenden analysierten für die bislang umfangreichste Studie dieser Art die Abfolge der Jahresringe bei 284 der insgesamt rund 550 erhalten Instrumente des Meisters.
Das Ergebnis, veröffentlicht in der Zeitschrift "Dendrochronologia": Während der Meister für seinen frühen Instrumente auf Holz aus unterschiedlichen Regionen Norditaliens zurückgriff, verwendete er in seiner späteren Periode Fichtenholz aus höheren Lagen des Val die Fiemme (deutsch: "Fleimstal") im heutigen Trentino.
Langsames Wachstum, gute Klangeigenschaften
Der Vorteil für den Geigenbauer lag auf der Hand: Wegen der langen Winter und der niedrigen Sommertemperaturen wachsen Fichten in hohen Lagen nur langsam. Ihr jährlicher Zuwachs ist gering, die Jahresringe liegen eng beieinander. Das Holz ist vergleichsweise hart, lässt sich deshalb präzise bearbeiten – die Decke ist an manchen Stellen nur wenige Millimeter dick – und hat hervorragende Klangeigenschaften.
Zudem profitierte der Meister von einer klimatischen Anomalie seiner Zeit. Denn die Bäume, die er verwendete, wuchsen während des Maunder-Minimums, einer Phase innerhalb der Kleinen Eiszeit. Wegen einer verringerten Sonneneinstrahlung war es in dieser Periode zwischen etwa 1645 und 1715 besonders kühl auf der Nordhalbkugel. Die Fichten wuchsen während dieser Zeit noch langsamer, ihre Jahresringe lagen noch dichter beieinander als in derselben Höhenlage üblich.
"Viele Instrumente weisen sehr ähnliche Ringsequenzen auf", erklärt der Koordinator der Forschungsarbeit, Mauro Bernabei vom italienischen "Consiglio nazionale delle ricerche" in einer Presseerklärung. "Das deutet darauf hin, dass Stradivari oft Bretter aus demselben Stamm verwendete, um verschiedene Geigen herzustellen, auch wenn sie im Abstand von mehreren Jahren produziert wurden." Ein Verhalten, das eine "sehr sorgfältige Auswahl des Holzes" nahelege. Stradivari habe Materialien nutzen wollen, die er als besonders geeignet betrachtete.
Eine Erkenntnis, die heutige Geigenbauer und -bauerinnen kaum verblüffen dürfte. Steht doch die Wahl der genauen Abmessungen und Proportionen und die Auswahl der passenden Materialien am Anfang jedes guten Streichinstruments. Gleichwohl gelang nun erstmals der Nachweis, dass der Meister in seinen späten Jahren ganz bewusst auf Holz aus einer bestimmten Gegend setzte. Und dass, neben dem handwerklichen Geschick und der Erfahrung, das Klima seinen Teil zum unsterblichen Ruhm des Cremonesers beitrug.