Hexagramm Geschichte des Davidsterns: Der lange Weg zum jüdischen Symbol

Davidstern auf jüdischer Bibel
Das Hexagramm setzt sich aus zwei ineinander verwobenen gleichseitigen Dreiecken zu sechs Zacken zusammen
© D-Keine / Getty Images
Heute steht der Davidstern wie kein anderes Symbol für das Judentum. Ursprünglich jedoch war der sechszackige Stern kein jüdisches Symbol. Über einen erstaunlichen Bedeutungswandel

Mit Stern – und wenn ja, mit wie vielen? Das war eine der Streitfragen, als die Regierung des neu gegründeten Staates Israel sich 1948 eine Flagge geben wollte. 164 Künstlerinnen und Künstler reichten mehr als 400 Entwürfe ein. Am 28. Oktober fiel die Entscheidung nach einigem Hin und Her: Ein blauer Davidstern, eingerahmt zwischen zwei waagerechten blauen Streifen auf weißem Grund – im Prinzip die Flagge vom Zionistenkongress 1897 – sollte auch die Staatsflagge Israels sein.

Für das Hexagramm, zwei ineinander verwobene gleichschenklige Dreiecke, sprach einiges: Hatte nicht König David, der legendäre biblische Herrscher, mit einem Schild gegen seine Feinde gekämpft, das genau diesen Stern zierte? War der sechszackige Stern nicht also ein uraltes jüdisches Symbol? 

Der Davidstern war Talisman und Deko-Element

Auch wenn das Hexagramm heute weltweit für das Judentum steht, an Synagogen prangt und Halsketten ziert: Die Wurzeln des Davidsterns liegen woanders. Erst vor rund 200 Jahren begannen Gläubige, dem Stern langsam eine religiöse Bedeutung beizumessen. Auch deshalb verschmähte der jüdische Gelehrte Jacob Reifmann den Davidstern Ende des 19. Jahrhunderts als "Fehltritt eines Fremden".

Sterne faszinierten Menschen seit jeher. In verschiedensten Teilen der Welt schrieben sie Sternensymbolen magische Kräfte zu. Das Hexagramm tauchte im heutigen Armenien wohl bereits in der Bronzezeit auf. Im Norden Israels, in Kafarnaum, verzierten Gläubige im zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christus ihre Synagoge mit sechszackigen Sternmotiven – allerdings als reines Deko-Element. "Jüdisch" war das Hexagramm damals nicht.

Daran änderte sich auch im Mittelalter zunächst nichts. In jener Zeit häuften sich Darstellungen von Hexagrammen – jedoch nicht in jüdischen Schriften, sondern in arabischen. Offensichtlich setzten Menschen das Zeichen als Amulett gegen böse Kräfte und Feuer ein. Juden und Christen übernahmen das Brauchtum. "Nichts ist internationaler als Magie", schrieb der 1982 verstorbene Historiker Gershom Sholem, der zur jüdischen Mystik forschte. "Magische Zeichen und Motive wandern von einem Volk zum anderen." So landete das Hexagramm gar an christlichen Kirchen.

Jüdische Gemeinden suchten ein einfaches, klares Symbol

Gerade im Hochmittelalter kursierten immer mehr Legenden um König David und seine magischen Kräfte. Im 13. Jahrhundert versah eine Erzählung aus dem deutschsprachigen Raum den Herrscher erstmals mit einem goldenen Schild; ein Jahrhundert später war in einem Werk in Spanien von Davids Schild in Kombination mit dem Hexagramm zu lesen – der Grundstein für den Davidstern, hebräisch "Magen David", auf Deutsch "Schild Davids".

Flagge von Israel
Die Farben Blau und Weiß auf der israelischen Staatsflagge spielen auf die Farben des jüdischen Gebetsschals Tallit an, der Davidstern geht auf die Legende zurück, König David habe einen Schild mit einem Hexagramm getragen
© Carl & Ann Purcell / Getty Images

Parallel dazu etablierte sich das Hexagramm langsam offiziell in den Siegeln jüdischer Gemeinden. 1354 soll Kaiser Karl IV. den jüdischen Einwohnern Prags das Privileg zugestanden haben, eine eigene Flagge zu verwenden – mit dem Hexagramm. "Wir wissen nicht, ob die Juden dieses Emblem frei gewählt haben oder ob es ihnen von den christlichen Behörden aufgezwungen wurde", schreibt Gershom Sholem. Fest steht aber: Von Prag aus verbreitete sich das Hexagramm im 17. und 18. Jahrhundert nach Wien, Mähren und Böhmen, später auch nach Polen und Russland.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Davidstern endgültig zu einem Gemeinschaftssymbol: Während der jüdischen Emanzipation, als jüdische Bürger die gleichen Rechte und Freiheiten einforderten, die bislang nur Christen zustanden, suchten sie ein Erkennungszeichen, das so einfach und klar sein sollte wie das christliche Kreuz. Und was lag da näher als jener Stern, der angeblich bereits König David geschützt hatte?

Die Verbrechen im Nationalsozialismus verliehen dem Davidstern neue Bedeutung

Gershom Sholem: "Von da an tauchte das Davidstern-Symbol überall auf – an Wänden, Fenstern und Dächern von Synagogen, auf Grabsteinen und Medaillen." Ebenjenes Symbol brachten die Zionisten – die Bewegung, die in Palästina einen unabhängigen jüdischen Staat anstrebte – bei ihrem ersten Weltkongress 1897 in Basel auch auf ihre Flagge.

Eine wirklich emotionale Bedeutung erhielt das Hexagramm erst später, ausgerechnet durch die Verbrechen im "Dritten Reich", als Nationalsozialisten Jüdinnen und Juden zwangen, den gelben Stern gut sichtbar auf der linken Brustseite ihrer Kleidung zu tragen. Er wurde zum Symbol der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung. 

Gerade der Holocaust machte den Davidstern zu einem jüdischen Symbol – und erklärt, warum das Zeichen für viele Jüdinnen und Juden eine so hohe Bedeutung habe, meint Gershom Scholem: "Das Zeichen, das durch Leiden und Qualen geheiligt wurde, hat sich das Recht verdient, das Zeichen zu sein, das den Weg des Aufbaus und des Lebens erhellt."