Tierkinder Ein Heuler braucht Hilfe

Eigentlich sind Seehunde Einzelgänger. Doch wird ein Heuler von seiner Mutter allein gelassen, wird sein Name zum Programm. GEOlino.de zeigt euch, wie Seehundstationen den Seehundbabies helfen

Wohlig reckt sich eine Seehunddame in der Sonne. Sie hat es sich mit ihrem Nachwuchs auf einer Sandbank in der Nordsee gemütlich gemacht und lässt sich die warmen Sonnenstrahlen auf das dunkelgraue Fell scheinen. Zeit für eine Pause.

Auf einem Ausflug zu einer Nordseeinsel habt ihr vielleicht schon einmal eine Gruppe Seehunde auf einer Sandbank entdeckt. Doch die familiäre Gemeinschaft täuscht. Der Seehund gehört zur Familie der Robben. Im Gegensatz zu den Kegel- und Ringelrobben ist er jedoch kein Gruppentier. Obwohl es so aussieht, als lägen sie in großen Gemeinschaften zusammen, ist der Seehund stets darauf bedacht, Abstand zu den anderen Tieren zu halten. Er ist ein Einzelgänger. Nicht nur wir Menschen müssen Rücksicht auf die Seehunde nehmen und dürfen ihnen bei unserer Beobachtung nicht zu sehr nähern. Besonders die bis zu 150 Kilogramm schweren männlichen Tiere können auf ihre Artgenossen aggressiv reagieren. Bei zu viel Nähe beißen sie und fügen sich gegenseitig Verletzungen zu.

Ein Heuler braucht Hilfe

Kommt seine Mutter bald zurück?

Orientierung per Barthaare

Auch die Seehunddame ruht mit ihrem Kleinen abseits. Nach einem kurzen ungestörten Nickerchen in der warmen Sonne richtet sie sich mit ihren starken Flossen auf und rutscht ins Meer. Wenngleich er an Land eher behäbig scheint, ist der Seehund ein hervorragender Schwimmer. Das Wasser trägt seinen schweren Körper und lässt ihn blitzschnell durch das Wasser gleiten. Der Seehund ist auf der Nordhalbkugel zu Hause. Um gegen das kühle Wasser gewappnet zu sein, haben Seehunde eine schützende Speckschicht.

Um ordentlich zu fressen, helfen ihm seine Barthaare. Sie sind das wichtigste Sinnesorgan des Seehundes und dienen seiner Orientierung. Durch die Wasserwirbel, die der Seehund mit seinem Schnauzer wahrnimmt, kann er die Spur der Fische aufnehmen. Auf der Jagd nach Heringen, Lachsen, Dorschen und Sardinen stellen sich seine bis zu 40 Zentimeter langen Tasthaare wellenförmig auf. So nimmer er die Schwingungen seiner Beute noch bis zu 40 Meter Entfernung wahr. Diese Fähigkeit ist besonders im trüben Wasser der Nordsee nützlich. Um Muscheln und Krebse zu fangen, kann der Seehund sogar 200 Meter in die Tiefe tauchen und dort eine halbe Stunde unter Wasser bleiben.

Geduldiges Seehundbaby

Während die Seehunddame auf Futtersuche geht, wartet das Kleine geduldig auf der Sandbank. Hier wurde es nach elf Monaten Tragzeit geboren. Das bei der Geburt mit zehn Kilogramm noch relativ leichte Baby ernährt sich in den ersten fünf Wochen mit fetthaltiger Muttermilch – und konnte dadurch sein Gewicht schon verdreifachen. Doch jetzt ist es Zeit für die erste feste Nahrung. Obwohl der junge Seehund mit dem noch weißen Babyfell schon schwimmen kann, wartet er an Land auf die Rückkehr seiner Mutter. Das ist sicherer.

Doch lässt die Mutter ihr Junges zu lange warten, macht der kleine Heuler seinem Namen alle Ehre. Laut ruft er nach seiner Mutter. Wenn ihr so ein Tier einmal finden solltet und Mitleid mit ihm habt, dürft ihr es keinesfalls anfassen oder streicheln. Das Kleine würde sonst von seiner Mutter, die vielleicht bald zurückkehrt, nicht mehr angenommen werden. Durch Gewitter und Stürme kann es dennoch immer wieder vorkommen, dass ein Heuler alleine zurückgelassen wird und schutzlos auf einer Sandbank wartet. Ist er noch sehr jung, sind seine Überlebenschancen gering.

Seehundstationen kümmern sich um verlassene Heuler

Um diese verlassenen Seehundjungen kümmern sich an der Nordseeküste seit 1970 Seehundstationen. Das Nationalpark-Haus in Norddeich ist für das gesamte niedersächsische Wattenmeer zuständig. Neben der Forschung an den beliebten Meeresbewohnern widmet sie sich der Aufzucht und Pflege von Heulern. Über 50 ehrenamtliche Mitarbeiter, Tierpfleger und Ärzte versorgen jedes Jahr zwischen 30 und 80 hilflose Seehunde. Gemeinsam beobachten sie die Tiere an der Küste und den Ostfriesischen Inseln. Nur im Notfall nehmen sie schwache und kranke Tiere mit auf die Station und päppeln diese auf.

Kommt ein Heuler in die Seehundstation, wird er als erstes von einem Arzt gründlich untersucht. Nachdem sein Gewicht feststeht und ob er an einer Krankheit leidet, geht er zunächst für einige Tage in die Quarantänestation, damit er die anderen Tiere nicht ansteckt. Hier wird der Nachwuchs beobachtet, bevor er zu seinen Artgenossen kann.

Anschließend geht es für den kleinen Seehund in das Aufzuchtsbecken, wo er liebevoll aufgepäppelt wird. Durch einen Schlauch bekommt der hungrige Heuler Aufzuchtsmilch und einen Heringsbrei, der ihn wieder zu Kräften bringt. Schon bald kann er ganze Fische verschlingen, die er fest zwischen seinen Flossen hält.

Wiegt das Findelkind mindestens 15 Kilogramm, darf es in das Auswilderungsbecken. Ziel der Seehundstation ist es, die Tiere so bald wie möglich wieder in das Meer zu entlassen, um ihnen ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. Im Auswilderungsbecken werden sie darauf vorbereitet.

Um die Seehunde nicht zu sehr an den Menschen zu gewöhnen, ist der Kontakt zu ihnen auf das Nötigste begrenzt. Mit jedem Tag und jedem Fisch erholt sich der kleine Seehund mehr. Erscheint er kräftig genug und wiegt wenigstens 25 Kilogramm, ist die Zeit der Auswilderung gekommen. Auch wenn es den Pflegern schwer fällt, sich zu verabschieden, bringt der Tierarzt das Seehundjunge auf einem Boot zurück in das offene Meer. In der Nähe einer Sandbank wird der Seehund frei gelassen, damit er bald Anschluss zu seinen Artgenossen findet. Mit einer Flossenmarke versehen, kann der einstige Heuler immer wieder zugeordnet werden – und vielleicht entdecken ihn seine Pfleger einmal bei einem Ausflug zu einer Nordseeinsel auf einer Sandbank in der Sonne liegend.

Auch ihr könnt die kleinen Heuler in der Seehundstation besuchen!

Seehundstation Nationalpark-Haus in Norden-Norddeich

Dörper Weg 24 in 26506 Norden-Norddeich

Tel: 04931-8919

www.seehundstation-norddeich.de

Täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Täglich um 11 und 15 Uhr öffentliche Fütterung der Seehunde.

Preise: Kinder 3 Euro. Eure Eltern und Großeltern bezahlen 5 Euro.

Neben den kleinen Seehunden gibt es tolle Ausstellungen zu bewundern. Oder werdet auf einer Wattwanderung zum Stranddetektiv und entdeckt Spuren im Sand.


GEOlino-Newsletter
nach oben