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Junior-Ranger: Fantasy-Geschichten im Harz


Riesen, Wichtel, Zauberer: Zum Start des bundesweiten Junior-Ranger-Programms haben sich mehr als 250 junge Naturforscher im Nationalpark Harz getroffen, um einander alte Sagen zu erzählen

Inhaltsverzeichnis

Sie muss sich mit der Dunkelheit herangeschlichen haben. Für Sekunden nur lugte sie hinter einer Fichte hervor. "Eine gespenstische Gestalt", sagt Dominik Fischer. "Mit fahlem Gesicht", beteuert sein Freund Francis Kay Schothauer, beide zehn Jahre alt. Zwei Stunden sind sie im Wald dieser Gestalt nachgejagt, immer dem Lichtkegel ihrer Taschenlampen nach. Ein Hirngespinst? Francis aus der Junior-Ranger-Gruppe des Nationalparks Hainich schüttelt heftig den Kopf: "Vielleicht ist es das Harzgespenst", sagt er bedeutungsvoll.

Spukgestalten im Harz

Hexen, Gespenster, Zauberer und Zwerge scheint es an diesem Wochenende zuhauf zu geben. Zu Dutzenden spuken sie nämlich in den Sagen und Märchen herum, die die rund 250 Jungen und Mädchen aus ihren Heimatregionen mitgebracht haben - zur Auftaktveranstaltung des bundesweiten Junior-Ranger-Programms im Harz. Die Kinder kommen aus allen Ecken Deutschlands - genauer: aus 18 der über 100 Schutzgebiete, vom Nationalpark bis zum Biosphärenreservat. In ihren Junior-Ranger-Gruppen treffen sie sich regelmäßig, um gemeinsam die Natur zu entdecken und miteinander Abenteuer zu erleben.

Niclas als böser Magier
Niclas als böser Magier
© Foto: Dagmar Schwelle

Auch der Harz ist ein perfekter Ort, um aufregende Tage zu verleben und sich währenddessen fantastische Geschichten zu erzählen. Das Mittelgebirge, zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gelegen, ist selbst ein sagenumwobenes Fleckchen Erde: Dunkle Wälder wogen bis zum Horizont. Dazwischen immer wieder Flächen mit umgestürzten Bäumen, deren Wurzeln gespenstisch in die Waldluft ragen.

Außerdem regnet es hier im Harz an gefühlten 300 Tagen im Jahr. "Dahinter kann doch nur ein böser Zauberer stecken", sagt der neunjährige Niclas Denecke, während er mit seinen Gummistiefeln über die Wiese schmatzt. Ein Gewitter hat die Zeltstadt der Junior Ranger unter Wasser gesetzt. Aber jetzt, da die Sonne wieder auftaucht, ist die Wiese von einem seltsamen Duft überzogen. Süßlich und würzig wabert er von unten hoch. "Die Wichtel pupsen", sagt Leonie Bartels. Dann grinst sie: Natürlich ist das alles nur ausgedacht! "In Wahrheit dünstet der Bärwurz, der hier auf den Wiesen wächst."

Erklärung für Ungewöhnliches

Aber genauso seien all die Geschichten einmal entstanden, erklärt die Sagenexpertin Katja John. "Wenn die Menschen in früheren Zeiten irgendetwas Ungewöhnliches erlebt haben, wollten sie eine Erklärung dafür." Doch damals gab es noch keine moderne Wissenschaft, die Dinge erforschen und deuten konnte. Um nicht dumm und verunsichert herumzulaufen, dachten sich die Leute daher fantastische Antworten auf ihre Fragen aus. Ebenjene Geschichten von pupsenden Wichteln und listigen Geistern, die sich die Junior Ranger an diesem Wochenende erzählen - wenn Zeit dazu bleibt.

Denn das Programm drumherum ist vollgepackt: Die Jungen und Mädchen heulen wie Wölfe um die Wette. Beim Seilziehen treten 20 von ihnen gegen Kaltblut-Stute Lotte an - ohne Chance. Auch im Weitsprung liegen sie weit hinter den Tieren.

Die elfjährige Claudia Klengler aus dem Naturpark Drömling in Sachsen-Anhalt rast auf die Sandgrube zu. Und springt dann nicht mal so weit wie ein Eichhörnchen: 2,44 Meter. Der Nager, so erklären es Schaubilder am Rand der Grube, macht vier Meter weite Sätze! Ein Luchs bringt es sogar auf sieben!

Sagenerzähler Karl Ravens
Sagenerzähler Karl Ravens
© Foto: Dagmar Schwelle

Geschichten statt Glotze

Während sie auf ihre Mitstreiter wartet, erzählt Claudia "ihre" Sage: "Bei uns in den Dörfern gibt es viele Findlinge. Der Sage nach sollen damit einmal Riesen Ball gespielt und sie später vergessen haben." Und weil ein verbittertes Mütterchen auf die Schönheit einer Prinzessin neidisch war, vergrub sie deren Fingerhut. Seither soll die gleichnamige Pflanze giftig sein. Sicher sei das alles Quatsch, findet Niclas Denecke: "Aber die Menschen hatten früher ja keinen Fernseher. Ist doch klar, dass man sich dann so was erzählt."

Und auf irgendeine Weise schaffen es diese uralten Geschichten, auch noch heute zu fesseln. Am Abend jedenfalls sitzen die Junior Ranger rund um ein riesiges Lagerfeuer und kleben an den Lippen von Karl Ravens, einem professionellen Sagenerzähler mit wallendem weißen Haar und Lederhose. Fast zwei Stunden fabuliert Ravens von Zwergen und raffgierigen Prinzessinnen, die ein Zauberer zu Klippen versteinern ließ. Währenddessen taucht die Sonne über den Baumwipfeln goldrosa in die Wolken ein. Hinter den Bäumen huschen Schatten umher. Könnte es wieder das Harzgespenst sein?

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