Ein sicherer Platz zum Spielen

Morsche Holzbalken und rostige Nägel lassen Deutschlands Spielplätze vom Abenteuer zur Gefahrenzone werden. Handball-Legende Stefan Kretzschmar erzählt im Interview von der Aktion "Spielplätze für Deutschland"
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GEOlino.de: Herr Kretzschmar, warum sind Spielplätze so wichtig?

Spielen ist wichtig! Und was gibt es dafür Besseres als einen großen Spielplatz mit Rutsche, Schaukel, Klettergerüst und Co. Aber wenn dieser Spielplatz einer Gefahrenzone gleicht, weil es von morschen Holzbalken, ungesicherten Klettergerüsten und rostigen Nägeln nur so wimmelt, macht auch das auch keinen Spaß! Leider sieht es auf sehr vielen deutschen Spielplätzen so aus. Jeder fünfte Spielplatz in Deutschland gilt sogar als lebensgefährlich!

Ein sicherer Platz zum Spielen

Ein sicherer Platz zum Spielen

Der Spielplatz des Kinder- und Jugendhauses Bolle in Berlin-Marzahn in der Bauphase

Dass das so nicht weitergeht, weiß auch GOFUS e.V. Die "Golfspielenden Fußballer", ein Zusammenschluss zahlreicher Sportprofis, Journalisten und vieler anderer. Sie wollen mit der Aktion "Spielplätze für Deutschland" den Anstoß geben, etwas zu verändern. Im kommenden Jahr werden zehn Spielplätze ausgewählt, die rundum erneuert oder sogar ganz neu aufgebaut werden sollen. "Als wir die alarmierende Studie über den Zustand von Spielplätzen in Deutschland gehört haben, war uns klar: Jetzt ist es Zeit, zu handeln", erklärt Norbert Dickel, Vorsitzender von GOFUS e.V. und ehemaliger Borussia-Dortmund-Profi. Kennt ihr auch einen Spielplatz, der schon mal viel bessere Zeiten gesehen hat und dringend erneuert werden sollte? Dann könnt ihr ihn bis zum 31. Dezember unter www.platz-da.com für die Aktion vorschlagen.

Eine Jury wählt aus den Vorschlägen zehn Plätze aus, die erneuert werden. Der ehemalige Handball-Profi Stefan Kretzschmar ist Teil dieser Jury.

Auf der nächsten Seite spricht Stefan Kretzschmar im Interview mit GEOlino.de über seine eigenen Erfahrungen auf Spielplätzen und warum die Aktion so wichtig ist.

GEOlino.de: Herr Kretzschmar, warum sind Spielplätze so wichtig?

Stefan Kretzschmar: Der Spielplatz ist ein Lebenszustand. Dort lebt man sich aus, sammelt Erfahrungen, baut Ängste und Vorsichtsmaßnahmen auf. Man lernt, wie man eine Sandburg baut, erfährt beim Klettern das erste Mal Schmerzen, wenn man runterfällt. Das "Sich-weh-tun" gehört zur Kindheit dazu, um einen gewissen Respekt zu entwickeln, vor Höhe und Ähnlichem. Wir [GOFUS e.V.] wollen nicht jedes Klettergerüst in Schaumstoff einwickeln. Auf einem Spielplatz geht es darum, Spaß zu haben. Dass man spielen und sich austoben und einfach nur Kind sein kann. Dort können sich die Kinder auspowern, also ihre ganze Energie rauslassen. Und genau dieses Auspowern ist ausgesprochen wichtig: So werden sie auch wieder lern- und aufnahmefähiger, sie gehen motivierter an die Schulaufgaben. Man darf nicht unterschätzen, wie wichtig die Bewegung an der frischen Luft ist. Aber es muss ein Mindestmaß an Sicherheit gegeben sein.

Ein sicherer Platz zum Spielen

Stefan Kretzschmar unterstützt die Aktion "Spielplätze für Deutschland", hier auf dem bereits fertiggestellten Spielplatz des Kinder- und Jugendhauses Bolle in Berlin-Marzahn

Welche Spielplätze kann man für die Aktion vorschlagen?

Man kann jeden Spielplatz für die Aktion vorschlagen. Auch Ortschaften, die in der direkten Umgebung noch gar keinen Spielplatz haben, können sich bewerben. 80 Prozent der Spielplätze, die vorgeschlagen wurden, sehen erschreckend aus! Manchmal handelt es sich um gesperrte Spielplätze, die man keinem Kind mehr zumuten kann.

Was hoffen Sie, mit der Aktion "Spielplätze für Deutschland" zu bewirken?

Die Lage der Spielplätze in Deutschland ist allgemein sehr schlecht. Vielleicht ist das Projekt ja auch ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber irgendwo muss man anfangen. Wir hoffen natürlich, dass wir mit der Aktion etwas ins Rollen bringen. Jede Stadt, in der ein Spielplatz renoviert wird, muss ihren Beitrag leisten. Meistens werden immer nur neue Sport- oder Schwimmhallen gebaut, weil die Stadt dafür Fördergelder bekommt. Wir wollen aber, dass man sich genauso für die Allerkleinsten einsetzt und Spielplätze erneuert oder neu baut.

Sie haben am eigenen Leib erlebt, wie gefährlich verwahrloste Spielplätze sind. Was ist passiert?

Mit 9 Jahren habe ich mich verletzt. Damals habe ich mich häufig mit meinen Freunden auf einem Spielplatz direkt hinter unserem Haus getroffen. Dort gab es eine Kletterstange, an die wir immer gesprungen sind. Natürlich entwickelten sich daraus Wettkämpfe: Wer traut sich, von weiter weg an die Stange zu springen? Irgendwann hat es bei mir dann nicht mehr gereicht, und ich rutschte unter der Stange durch. Jetzt lag aber die Betonsäule, in der die Kletterstange verankert war, frei, und ich kam an den Betonpfeiler. Der hatte mit Kinderschutzbestimmungen schon lange nichts mehr zu tun. So habe ich mir den Arm gebrochen.

Werden Sie diesen Spielplatz denn für das Projekt vorschlagen?

Ich weiß gar nicht, wie der Spielplatz jetzt aussieht. Er liegt im Osten Deutschlands, und ich war seit etwa 20 Jahren nicht mehr dort. Aber es kommen auch nur Spielplätze in Frage, die sich direkt bei uns bewerben. Persönliche Geschichten werden hier nicht bevorzugt. Sonst könnte jeder von uns den Spielplatz hinter seinem Haus wählen, einfach um ihn für seine Kinder zu vergrößern (lacht). Nein, so machen wir das nicht.

Haben Sie sich denn die Spielplätze angeschaut, auf denen Ihre eigenen Kinder spielen?

Nein, eigentlich nicht. Komischerweise achtet man im Allgemeinen gar nicht so auf die Sicherheit auf dem Spielplatz. Wenn ich mit meinen Kindern spielen ging, musste es eine Rutsche geben, ein Klettergerüst und eine schöne Parkbank in der Nähe, wo Papi sich hinsetzen konnte. Die Sicherheit des Spielplatzes war nicht das erste Augenmerk. Aber seit ich die Statistiken kenne und weiß, wie schlecht es um die Spielplätze in Deutschland steht, betrachte ich Spielplätze mit ganz anderen Augen, suche nach hervorstehenden Nägeln oder Splittern. Kein Kind sollte sich wegen Vernachlässigung des Spielplatzes verletzen können.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Aktion!

Das Interview führte Elisabeth Turker

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