Fußball Wie Fußballtalente Karriere machen

In einem Internat trainieren Nachwuchstalente, um Profi zu werden – und bringen dafür jede Menge Opfer. GEOlino-Reporter haben zwei Spieler durch den Tag begleitet
Wie Fußballtalente Karriere machen

Lior trainiert mit der U16-Mannschaft auf dem Platz Konter und Torschüsse

6.20 Uhr, Aufstehen

Liors Vater ist der verlässlichste Wecker der Welt – auch wenn er Tausende Kilometer weit weg ist. Jeden Morgen ruft er aus Israel an, fragt: "Hast du gut geschlafen?" Und gleich darauf: "Wie war das Training?" Lior erzählt kurz von gestern und startet dann in einen neuen, langen Tag in der Nachwuchsakademie des Bundesligaclubs TSG 1899 Hoffenheim. Im vergangenen Sommer ist er hierhergezogen. Mit zehn Mannschaftskollegen teilt er sich seither das Internatsgebäude und denselben Traum: eine Karriere als Fußballprofi. In die 1. oder 2. Bundesliga wollen sie es schaffen, dorthin, wo man mit dem Sport Geld verdienen kann. Und vielleicht ein bisschen Ruhm. Einer von 20, sagt man, wird es bis ganz nach oben schaffen. Dafür quält sich Lior jeden Morgen aus dem Bett. Im Essraum wartet schon sein Freund und Mitspieler Johannes. Ein schnelles Frühstück. Dann machen sich die Jungs auf den Weg zur Bushaltestelle. Auf ihrem Schulweg leuchtet Hoffenheims Fußballstadion in der Ferne.

7.30 Uhr, Schulbeginn

Lior und Johannes gehen auf normale Gymnasien. Die einzige Besonderheit ist ein Schild am Eingang: "Eliteschule des Fußballs". Das bedeutet, Leistungssportler bekommen hier Unterstützung: Sie dürfen im Unterricht fehlen oder Klausuren im Trainingslager schreiben. Lior und Johannes sind vergangenen Sommer in ihre Klassen gewechselt. Neue Lehrer, neue Mitschüler, ein straff organisierter Alltag ohne vertraute Freunde: Für Johannes war all das eine heftige Umstellung, erzählt er. Lior kannte es schon: Im Jahr 2011 begann er, für Eintracht Frankfurt zu spielen, und zog dafür von Israel nach Deutschland. Anfangs begleitete ihn seine Mutter. Zwei Jahre später ging Lior dann nach Hoffenheim. Der gute Ruf der Akademie lockte ihn. Bis zum Abitur kann er nun hier leben und kicken – wenn die Leistungen stimmen! Jahr für Jahr beraten Trainer und Internatsleiter neu, wer bleiben darf und wer gehen muss. "Der Druck ist da", sagt Lior. Und dass er seine Eltern nicht enttäuschen möchte: "Sie haben schon viel für mich gemacht." Wie er mit diesem Druck umgeht? Der 16-Jährige zieht die Schultern hoch: "Man gewöhnt sich daran."

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Harte Schule: Neben dem Training besuchen Johannes und Lior ganz normale Gymnasien

13 Uhr, Mittagessen

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Mahlzeit: Im Essraum trifft Lior (Zweiter von rechts) seine Mannschaftskollegen

Im Internat duftet das Mittagessen. Es gibt Gemüsesuppe, gefüllte Nudeln in Tomatensauce und Karottensalat. Drei große und drei kleine Mahlzeiten sollen die Spieler täglich essen und drei Liter trinken, um genügend Kraft für das Training zu haben. Lior setzt sich zu den anderen Jungs an den Tisch. Sie sind zu seiner Ersatzfamilie geworden – eine Großfamilie! Betreuer und Trainer, Internatsleiter und Mannschaftskollegen gehören dazu. Außerdem Haushälterinnen, Busfahrer, Studenten, die Nachtwache schieben, und ein Arzt, der sich jeden Dienstag um Verletzungen kümmert. Damit alle miteinander klarkommen, gibt es Regeln: Wer das Internat verlässt, meldet sich ab. Alle begrüßen sich per Handschlag. Handys sind auf lautlos gestellt. Laute Musik ist verboten – Haustiere und Mädchen sowieso. Wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt raus. Gerade ist wieder ein Zimmer frei geworden.

14 Uhr, Nachhilfe

Eine andere Pflicht lautet: zweimal die Woche Nachhilfe. Für jeden! Weil Johannes und Lior manchmal auch vormittags trainieren, verpassen sie einige Schulstunden. Im Internat helfen ihnen zwölf Lehrer dabei, das Versäumte nachzuholen. Lior hat gerade eine schlechte Note für ein Deutschreferat bekommen. Nun geht der Nachhilfelehrer für Sprachen noch einmal geduldig den Text mit ihm durch. "Der nächste Test muss richtig gut werden", sagt Lior. Denn: Jede seiner Noten wird an die Akademie gemeldet. Außerdem will er in zweieinhalb Jahren das Abitur schaffen. Auch Johannes ist dieser Abschluss wichtig, selbst wenn es mit dem Fußball klappen sollte und er einen Profivertrag bekommt. "Wer seine Karriere mit 35 beendet, kann noch nicht in Rente gehen", sagt er.

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Zurück im Internat lernt Lior mit einer Nachhilfelehrerin Spanisch

16 Uhr, Pause

Am Nachmittag haben die Jungs Freizeit. Es gibt einen Gemeinschaftsraum mit Couch und Billardtisch. Doch heute möchten die meisten für sich sein. Johannes streckt die Beine auf seinem Bett aus. Über ihm hängt ein Poster von New York. Hoffenheim ist das komplette Gegenteil davon. Das Internat liegt direkt an einer Landstraße, das Nachbargebäude ist eine Tankstelle. Wer etwas anderes als Fußball erleben möchte, der fährt mit der S-Bahn eine gute halbe Stunde nach Heidelberg. Auch die Zimmer der Fußballtalente sind nicht besonders luxuriös: Sessel, Schrank, Bett – immerhin ein eigenes Bad. Johannes ist das "genug". Nur einen größeren Fernsehapparat und einen Mini-Kühlschrank hat er sich noch zugelegt. Darin bewahrt er nun den selbst gebackenen Nusskuchen seiner Mutter auf. Anders als bei Lior leben Johannes’ Eltern in der Nähe. Jedes Wochenende kann er sie sehen, seine dreckige Wäsche mitbringen, ein paar Stunden fußballfrei machen. Trotzdem wohnt er gern im Internat. "Das spart Fahrwege und lenkt weniger von der Karriere ab", sagt er. Die hätte bei Johannes schon mit zwölf Jahren beginnen können, Talentscouts von Hoffenheim hatten ihn entdeckt und wollten ihn früh professionell fördern. Seine Mutter war dagegen. Sie fürchtete, seine Kindheit käme dabei zu kurz. Nun hängt in Johannes’ Zimmer ein Tagesplan. Die grünen Freizeitfelder darin sind ziemlich schmal. Heute ist der Rest des Tages orangefarben: Training!

17.30 Uhr, Training

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Am Abend trainiert die U-16-Mannschaft zwei Stunden täglich

Rums! In der Umkleidekabine im Kellergeschoss scheppern die Spindtüren. Lior und die anderen Spieler der U16 wuseln durch den kleinen Raum. Sie machen Witze, rangeln, schlüpfen einer nach dem anderen in kurze Hosen, Stutzen und blaue Hoffenheim-Trikots. Dann kommt der Trainer: "Jungs, ab in den Kraftraum!", ruft er und klatscht in die Hände. Während des Aufwärmprogramms wummert Musik. Die Mannschaft läuft und hüpft im Kreis. Danach müssen die Spieler Gewichte stemmen, Medizinbälle gegen die Wand werfen und es im Schluss-Sprung über Hürden schaffen. Bei den meisten sieht es ganz einfach aus. Draußen auf dem Spielfeld geht es weiter. Es ist dunkel und eiskalt. Im Schein des Flutlichts kicken die Jungen Pässe, trainieren Torschüsse, Konter, Reaktionsschnelligkeit. Die Anweisungen des Trainers hallen über den Platz: "Bewegen, nicht stehen bleiben!", "Enger zusammen!", "Versucht zu dribbeln!". Über eine Stunde lang geht das so. Erst dann kehren Lior und Johannes erschöpft ins Internat zurück. Zum Abendbrot, zum Schlafen. Um 22.30 Uhr ist Bettruhe. Knapp acht Stunden, dann ruft Liors Vater wieder an.

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