Fußball Wie der Fußball nach Deutschland kam

Vor 140 Jahren spielt auf Deutschlands Schulhöfen niemand Fußball. Bis der Braunschweiger Lehrer Konrad Koch seinen Schülern einen Ball vor die Füße wirft. Und damit einiges ins Rollen bringt
Wie der Fußball nach Deutschland kam

Der Fußballvater Konrad Koch brachte 1874 den Fußball nach Deutschland

Der Beginn des Fußballs:

Zischend fliegt der Ball durch die Luft, hüpft kurz über den Rasen, bleibt liegen - mitten in der Jungenmeute. Und nun? Was sollen sie mit dem Ding? Verdutzt stehen sich die Schüler des Braunschweiger Gymnasiums "Martino-Katharineum"gegenüber.

Am Spielfeldrand aber reibt sich Oberlehrer Konrad Koch erwartungsvoll die Hände. Ob sein Experiment gelingt? "Sie müssen den Ball treten, meine Herren!", ruft er. Kurz darauf kicken die Schüler sich das glänzende Leder zu, rennen kreuz und quer über den Platz. Es ist der 29. September 1874 - und wohl der Tag, an dem der Fußball nach Deutschland kommt.

Es ist zum Spiel der Spiele geworden hierzulande. Millionen kicken, pilgern wochenends in Stadien, verdienen ihr Geld mit dem Sport. Konrad Koch hat damit sicher nicht gerechnet. Er hatte mit dem Fußball ohnehin anderes im Sinn.

Konrad Koch ist Lehrer mit Leib und Seele

Schon als 22-Jähriger unterrichtet er am Martino- Katharineum Deutsch, Latein und Griechisch. Er ist ein Schlacks, trägt Vollbart, Scheitel und tadellos geknöpfte Anzüge, wie alle. Und doch ist er anders als die übrigen Lehrer, die ihre Schüler anbrüllen und mit dem Rohrstock zum Pauken prügeln.

Er habe immer Verständnis gehabt, der Unterricht sei ein "Genuss" gewesen, erinnert sich einer seiner Schüler später. Allerdings macht sich der junge Lehrer Sorgen: In der wachsenden Stadt Braunschweig gibt es immer weniger Flächen, auf denen Kinder und Jugendliche frei spielen dürfen. Das "Stubenhockertum" der Schüler gefällt ihm nicht. Die Ältesten gehen sogar oft in Kneipen, um sich zu betrinken und wie erwachsene Kerle aufzuführen.

Konrad Koch verschlingt Bücher über die englische Privatschule Rugby

Koch will das ändern und gemeinschaftsfördernde "Schulspiele" an der frischen Luft einführen. Die meisten Kollegen murren, als sie von Kochs neumodischen Vorschlägen hören. Nur der Direktor nickt Koch wohlwollend zu. Ab 1872 probiert der gemeinsam mit einem weiteren Lehrer verschiedene Spiele aus.

Ab 1874: Fußball! Den Lederball haben sie sich eigens aus England schicken lassen, bis dahin ist das Spiel nur dort bekannt und beliebt. Aber das ändert sich nach jenem noch reichlich chaotischen Probespiel gründlich.

Bereits 1875 schreibt Koch das erste Regelwerk für den "Fußball-Verein der mittleren Klassen des Martino-Katharineums zu Braunschweig". Abseits, Strafstoß, Halbzeit, Mittelstürmer - all diese bis heute gültigen Fußballbegriffe prägt Koch, als er die Regeln aus dem Englischen überträgt.

Seit Jahrzehnten versucht die, mit Mannschaftsspielen bei ihren Schülern Teamgeist, Mut und Selbstlosigkeit zu fördern. Er selbst ist noch nie in England gewesen - im Gegensatz zu seinem Schwiegervater, dem Militärarzt Friedrich Reck.

Auch der rät Koch, die deutschen Schüler spielen zu lassen. Bis dahin werden sie nämlich vor allem im Turnen gedrillt: Die Übungen im Schulsport und in Vereinen sind streng wie beim Militär und finden in muffigen Hallen statt.

Wie der Fußball nach Deutschland kam

Nur wenige Jahre nach dem ersten Spiel ist Deutschland im Fußballfieber! Auf Schulhöfen wird gekickt und die Anzahl der Vereine steigt stetig

Die ersten Regeln unterscheiden sich deutlich von den heutigen:

Anfangs besteht eine Mannschaft aus 15 Spielern. Sie dürfen den Ball mit den Händen aufnehmen, und sie schießen auch keine "Tore", sondern müssen den Ball über die Querlatte eines fünf Meter langen und drei Meter hohen "Mals" kicken. Das Spiel ist "Rugby" noch sehr ähnlich.

Vor allem aber gibt es zunächst keinen Schiedsrichter. Stattdessen bestimmt jede Mannschaft einen "Spielkaiser", der bei Regelverstößen seine Kameraden verwarnt. Fußball soll die Schüler dazu bringen, füreinander Verantwortung zu übernehmen und ihre Konflikte allein zu regeln, findet Koch. Die überzeugten Turner an seiner Schule verhöhnen ihn für seine Ansichten. Sie beleidigen das Spiel als "Fußlümmelei", "Stauchball" oder "Englische Krankheit".

Die Rangeleien auf dem Spielfeld finden sie roh und ungezogen. Doch der Fußball lässt sich nicht aufhalten. Am Martino-Katharineum kicken die Jungs bald jeden Mittwoch und Samstag. Andere Gymnasien ziehen nach. Bald gibt es erste Erwachsenenvereine. 1900 gründen 86 Clubs den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Die Regeln werden erweitert und verfeinert. Das Handspiel ist nun endlich verboten. Ein Schiedsrichter sorgt dafür, dass während der Partie alles mit rechten Dingen zugeht.

Und Konrad Koch? Dem gefallen die Neuerungen leider ganz und gar nicht. Längst geht es beim Fußball nicht mehr um Bewegung für alle – sondern vor allem ums Gewinnen und Verlieren. Dazu noch diese bunten Trikots! Diese schreienden Zuschauer!

Konrad Koch hätte sich wohl den Rauschebart gezaust, hätte er die Vorbereitungen für die WM 2014 erlebt. Aber was soll’s? Wir sind dankbar, dass er uns Deutschen den Fußball gebracht hat.

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