Buchtipp Abenteuer auf hoher See

Dass Moby Dick kein grauer Dackel ist, dürfte bekannt sein. Doch habt ihr auch Herman Melvilles Klassiker über die Jagd nach dem weißen Wal gelesen? - Ein Buchtipp

Den jungen Dorfschullehrer Ismael zieht es zum Meer. Aus purer Abenteuerlust fasst er den Entschluss, auf Walfang zu gehen: Der Wal, "dieses geheimnisvolle Ungetüm weckte meine Neugier. Dazu die wilden, fernen Meere, durch die er seinen Leib wie eine riesige Insel wälzt; die unentrinnbaren und namenlosen Gefahren, die um den Wal lauern, all das bestärkte mich in meinen Wünschen."

Ein mörderisches Geschäft

Abenteuer auf hoher See

Also auf nach New Bedford! Dort nimmt Herman Melvilles berühmter Klassiker "Moby Dick" seinen Anfang. Und dort an der Nordost-Küste Amerikas ist auch der Autor selbst im Alter von 22 Jahren zu seiner ersten Fahrt auf einem Walfänger aufgebrochen. Genau wie seine Erzählfigur Ismael hatte sich der gebürtige New Yorker zunächst als Lehrer versucht. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts erlebten die Walfängerstädte in Neu England eine Blütezeit. Das große Schlachten der Meeressäuger versprach schnelles Geld: Waltran erzielte als Brennstoff für Lampen und als Schmiermittel für Maschinen gute Preise auf dem Markt. Auch wenn die Walfänger selbst nur wenig dabei verdienten, strömten sie doch aus allen Teilen der Welt in Amerikas Walfangstädten zusammen.

Leinen los!

So trifft Ismael in New Bedford auch Queequeg, einen am ganzen Körper tätowierten Polynesier. In dem erfahrenen Harpunier findet er sogleich einen guten Freund. Gemeinsam beschließen sie auf der "Pequod" anzuheuern. Zu Käpt’n Ahabs Mannschaft zählen Seeleute aus Afrika, Europa, China und Tahiti. Der Walfänger gleicht also einem schwimmenden Mikrokosmos der verschiedensten Völker dieser Erde. – Vereint im Kampf gegen die ungeheuren Kräfte der Natur. Schließlich misst ein ausgewachsener Pottwalbulle eine Länge von über 20 Metern und bringt um die 40 Tonnen auf die Waage. Das Kräftemessen mit diesem Ungetüm hat schon so mancher geschickte Harpunier mit seinem Leben bezahlt.

Moby Dick

Doch völlig sorglos begeben sich Ismael und Queequeg auf ihre schicksalhafte Reise. Und haben schon bald allen Grund zur Reue! Denn wie sich nach wenigen Tagen auf See herausstellt, ist Käpt’n Ahab von einem einzigen Gedanken besessen: Er will den berüchtigten weißen Pottwal Moby Dick töten - koste es, was es wolle!

Im Kampf gegen das Meeresungetüm hat Käpt’n Ahab vor einigen Jahren sein rechtes Bein verloren. Nun schwört er seine Mannschaft auf Rache ein: "Tod dem weißen Wal!". Moby Dick ist für Käpt’n Ahab zum Abbild des Bösen geworden. Seinen blinden Hass gegen ein einfaches Tier rechtfertigt er mit den Worten eines Wahnsinnigen: "Der Wal fordert mich heraus (...) Er ist von unfassbarer Arglist angetrieben. (...) Ich würde selbst die Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigt." So nimmt die "Pequod" zunächst Kurs auf die Azoren, segelt dann um das Kap der Guten Hoffnung und dreht im Indischen Ozean wieder nach Norden – immer auf der Fährte Moby Dicks. Mehr und mehr treibt Käpt’n Ahab seine Mannschaft an, den weißen Wal zu verfolgen. Und als Moby Dick endlich in Sichtweite von der "Pequod" auftaucht, weiß Ismael schon lange nicht mehr, wer das eigentliche Meermonster ist: Käpt’n Ahab oder der weiße Wal!

Fazit:

Die Geschichte um den weißen Wal Moby Dick beruht in Teilen auf einer wahren Begebenheit: Um das Jahr 1839 machte nämlich ein riesiger grauer Pottwal mit einer zwei Meter langen weißen Narbe auf dem Kopf die Küste vor der chilenischen Insel Mocha unsicher. Seefahrer gaben dem Meeresriesen, der mehrere ihrer Walfangschiffe angegriffen hatte, den Namen "Mocha Dick".

"Moby Dick" unter Beschuss der Kritiker

Als sich Melville entschloss, den Walfang zum Thema seines neuen Romans zu machen war er längst kein unbekannter Autor mehr: Zuvor hatte er bereits mehrere erfolgreiche Romane über die Seefahrt und das Leben in der Südsee verfasst. Doch als "Moby Dick" im Jahr 1851 in London und New York erschien, hagelte es von allen Seiten Kritik. Das hatte zwei Gründe: Zum einen stellt Melville die verschiedenen Kulturen der Männer an Bord der "Pequod" als gleichwertig dar und spottet über religiöse Heuchlerei. Ein Ärgernis in den Augen der zumeist christlich geprägten amerikanischen Kritiker. Zum anderen traf der Roman "Moby Dick" einfach nicht die Erwartungen seiner Leser an ein unterhaltsames exotisches Abenteuer auf hoher See.

Vielschichtiger Klassiker

Mit über 900 Seiten und 135 Kapiteln ist Melvilles Klassiker keine leichte Kost. Vordergründig erzählt der Autor eine Parabel von einem Machthaber, der für seinen persönlichen Rachefeldzug über Leichen geht. Dabei wird die schlingernde Nussschale der "Pequod" zu einem Miniaturbild der damaligen Gesellschaft. Eine Gesellschaft für die Melville wenig übrig hatte. So lässt er seinen Helden sagen: "Immer wenn mich die trüben Stimmungen so überwältigen, dass es aller meiner Kräfte bedarf, um mich zusammenzunehmen, da ich am liebsten auf die Straße laufen und allen Passanten die Hüte vom Kopf schlagen möchte, dann ist es allerhöchste Zeit für mich, zur See zu gehen." In die Abenteuergeschichte des jungen Walfängers Ismael webt der Autor ironische Bemerkungen und belehrende Exkurse über gesellschaftliche, naturwissenschaftliche und kulturelle Themen. So setzt Melville das Bild eines großen Ganzen aus vielen kleinen Mosaikteilen zusammen. Mit dieser Technik greift er den Autoren der Klassischen Moderne voraus. Kein Zufall also, dass ausgerechnet in den 1920er Jahren einige namhafte Literaturwissenschaftler und Autoren Melvilles Roman zur verdienten Anerkennung verhalfen. Doch so bekannt die Geschichte vom weißen Wal aus Filmen, Theaterstücken und Hörbüchern heute auch sein mag - das Original haben nur Wenige gelesen!

Herman Melville: "Moby Dick", ab 12 Jahren, cbj, 4,95 Euro

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